Präsident Uribe geht auf die Farc-Rebellen zu

Nach dem Tod des obersten Guerilla-Chefs ist die älteste Guerilla-Bewegung Lateinamerikas stark geschwächt – Hoffnung für Geiseln

Spekuliert worden war oft über seinen möglichen Tod. Jetzt ist die Nachricht offiziell: Der langjährige Guerilla-Chef der kolumbianischen Farc, Manuel Marulanda, starb bereits am 26. März. Entsprechende Berichte des Verteidigungsministeriums in Bogota wurden nun von einem Sprecher der Farc bestätigt. Nachfolger an der Spitze der Organisation sei Alfonso Cano, bisheriger Chefideologe der Farc („Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“).

Der 78-jährige Marulanda – mit bürgerlichem Namen Pedro Antonio Marin – führte die Guerilla-Organisation seit ihrer Gründung 1964. Er war der älteste noch lebende Rebellenführer Lateinamerikas. Egal ob er eines „natürlichen Todes oder infolge eines Bombardements“ gestorben ist: Dies sei der „bisher schwerste Schlag“ für die Revolutionären Streitkräfte, so der kolumbianische Generalstabschef Admiral David Moreno.

Endlich Frieden nach vierzig Jahren Bürgerkrieg?

Der Tod Marulandas nährt Hoffnungen auf ein Ende des mehr als vierzig Jahre dauernden Bürgerkriegs zwischen Guerilla und Regierungsarmee sowie auf ein Ende des Geiseldramas in Kolumbien. Derzeit sollen sich noch 700 Geiseln in den Händen der Farc befinden, darunter die schwerkranke ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt.

Der kolumbianische Präsident Alvaro Uribe machte den Rebellen nun erstmals ein Angebot, sofern sie ihre Geiseln freilassen würden. Er stellte ihnen Aussetzung der Strafverfolgung und Ausreise ins Exil in Aussicht. Auch in Kolumbien selbst will die Regierung Integrations- und Resozialisierungsprogramme für ehemalige Guerilleros fördern.

Für Uribe bedeutet dies eine Abkehr von seiner bisherigen harten Anti-Guerilla-Politik. Die Farc mit militärischen Mitteln zu besiegen, lautete bisher sein oberstes Ziel. Der „Appeasement-Politik“ seines Vorgängers Andrés Pastrana erteilte Uribe, einer der letzten noch verbliebenen konservativen Präsidenten der Region, bereits zu Beginn seiner ersten Amtszeit im August 2002 eine harte Absage. Diesen Kurs setzte der kolumbianische Staatschef auch nach seiner Wiederwahl im Sommer 2006 fort. Er konnte dabei auf die Unterstützung der Vereinigten Staaten zählen – und auf Zustimmung der eigenen Bevölkerung. Denn unter Uribe verbesserte sich die Sicherheitslage des Landes, nahm die Zahl der Gewaltakte insgesamt ab. Allerdings gelang es niemals, die Farc militärisch völlig auszuschalten. Die Organisation besitzt eine strenge Hierarchie und ausgefeilte Infrastruktur; sie kann auf reiche Gelder aus dem Drogenhandel und aus Lösegeldzahlungen zurückgreifen.

Die älteste Guerilla-Bewegung Lateinamerikas entstand in den 60er Jahren im historischen Kontext der „violencia“, der „Zeit der Gewalt“, also der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Liberalen in Kolumbien. Sie verstand sich zunächst als bäuerliche Selbstverteidigungstruppe gegen die wachsende Gewalt von Großgrundbesitzern und Militärs. Im Laufe der 70er und 80er Jahre weitete sie ihren Einfluss- und Aktionsbereich auch in die großen Städte aus, gewann intellektuelle Bevölkerungsschichten, etwa Studenten, für sich.

In der Bevölkerung längst an Rückhalt verloren

Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens bezeichnen sich selbst bis heute als marxistisch-leninistisch und als bolivarisch, verbinden also kommunistisches Gedankengut und Ideen des südamerikanischen Freiheitskämpfers Simón Bolivar. In der Vergangenheit wurde die Organisation von der Sowjetunion und Kuba unterstützt; heute erhält sie Hilfe durch den venezolanischen Staatschef Hugo Chávez und zum Teil auch durch Ecuadors Staatschef Rafael Correa.

Auch wenn es bisher nicht gelungen ist, die Farc mit militärischen Mitteln zu besiegen, ist die einst mächtigste Guerillabewegung Lateinamerikas heute geschwächt. Vor allem hat sie ihren Rückhalt gerade in der ländlichen Bevölkerung verloren. Zahlreiche Massaker an Zivilisten und Vertreibungen ganzer Dörfer haben das Ansehen der Rebellen zerstört. International sorgen zudem die Menschenrechtsverstöße der Farc für Aufsehen: Im Juli 2004 verurteilte der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte die Gewalt der Guerilla. Er wies darauf hin, dass die Revolutionären Streitkräfte gegen Artikel 17 des Zweiten Zusatzprotokolls der Genfer Konvention verstoßen würden, etwa durch Verwendung von Antipersonenminen und Geiselnahmen. Im März 2008 kam es in Kolumbien zu landesweiten Protesten gegen die Farc, an der sich allein in der Hauptstadt Bogota rund eine Million Menschen beteiligten.

Die Führung der Farc ist personell stark geschwächt: Schon im Frühjahr war ihr zweithöchster Führer, Raúl Reyes, bei einer kolumbianischen Militäraktion auf ecuadorianischem Territorium ums Leben gekommen. Dies löste damals eine heftige Krise zwischen Kolumbien, Ecuador und Venezuela aus, die fast zu einer militärischen Eskalation geführt hätte und nur mit Hilfe der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) gelöst werden konnte. Der Tod Marulandas, der über Jahrzehnte das so genannte Generalkommando der Farc leitete, bedeutet für die Organisation zweifellos den herbsten Schlag.

Zunehmend scheint bei der Guerillaführung die Erkenntnis zu reifen, dass der Kampf auch für sie mit militärischen Mitteln nicht zu gewinnen ist. Schon vor dem Tod Marulandas gab es Anzeichen: Im Februar ließ die Farc nach Vermittlungen durch Präsident Chávez vier gefangene Politiker frei. Eine der brutalsten Führerinnen der Bewegung, die nur unter ihrem Decknamen „Karina“ bekannt ist, hat sich vergangene Woche gestellt.

Beide Seiten, Regierung und Guerilla, scheinen inzwischen kriegsmüde zu sein. Das weckt Hoffnungen, vor allem bei den Angehörigen der Geiseln, auch bei der Familie Ingrid Betancourts. Im November 2007 erschütterte ein Brief der 2002 entführten Politikerin die Öffentlichkeit. Er war ihr erstes Lebenszeichen seit langem und machte deutlich, wie dramatisch die Situation der meist in unzugänglichen Dschungelgebieten festgehaltenen Geiseln ist. Ingrid Betancourt schrieb an ihre Mutter: „Das Leben hier ist kein Leben; es ist eine trostlose Zeitverschwendung ... Jeden Tag bleibt mir etwas weniger von mir selbst.“

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