Präsident und Pilger

Die Atmosphäre des Bush-Besuches im Heiligen Land war einseitig pro-israelisch geprägt – Auch die persönliche Visite eines wiedergeborenen Christen

Mit soviel Wärme und Herzlichkeit wurde George W. Bush in keinem anderen Land empfangen. Das israelische Kabinett samt allen, die im Lande Rang und Namen haben, waren auf dem Flughafen erschienen und standen in Reih und Glied – einmal, um ihm die Hand zur Begrüßung zu schütteln, und dann noch einmal zwei Tage später, um ihn wieder zu verabschieden. Staatspräsident Schimon Peres begrüßte den Gast aus Amerika mit den Worten des Propheten Jesaja, Kapitel 52, Vers 7: „Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt.“

Nebelig und kalt: Passendes Wetter zum Besuch in Ramallah

Wo in Tel Aviv die Sonne schien, war es tags darauf in Ramallah trüb, nebelig und kalt. Wegen des schlechten Wetters konnten die amerikanischen Hubschrauber nicht landen, obwohl sie das eine Woche lang geübt hatten. So musste George Bush durch Straßensperren und über Siedlerstraßen zu Palästinenserpräsident Mahmud Abbas fahren. Die de facto-Hauptstadt der Palästinensischen Autonomie (PA) hatte Ausgangssperre. Den Bewohnern war geraten worden, sich Nahrungsvorräte für den Tag anzulegen. Außerhalb des Amtssitzes von Abbas wehte nicht eine amerikanische Flagge. Die Ehrengarde zitterte im eisigen Wind und Abbas empfing seinen Gast in einen schwarzen Schal gewickelt. Die Pelzmütze aus seiner Studienzeit in Moskau hatte er Bush zu Ehren ausnahmsweise nicht aufgesetzt.

Der offiziell von der Führung in Ramallah verordneten Zufriedenheit über den Bush-Besuch schlug kalte Ablehnung entgegen. Bassam Dschaber, Redakteur der Zeitschrift „Panorama“, meinte: „Niemand glaubt, dass der US-Präsident etwas bewegen kann. Dieser Besuch ist nur ein Freundschaftsbeweis für die Israelis.“ Den Menschen in der Autonomiebehörde fehlen die Hoffnung und mittlerweile auch das Interesse für die politische Großwetterlage.

„Bush ist nicht willkommen!“ – Die Passanten auf den Straßen der arabischen Welt nehmen kein Blatt vor den Mund. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah verkündet im Libanon einen „Tag der Schande und Trauer für alle Araber und Muslime“. Der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira, der jede Einzelheit des Bush-Besuchs in Israel übertrug, sendete während der Visite in Ramallah einen Pferdefilm. Dass Präsident Bush viel Zeit für die israelische Holocaustgedenkstätte Jad Vashem aufbrachte, gerührt bemerkte, „dass das jüdische Volk angesichts dieses Horrors und Übels seinen Gott nicht verlassen hat“, und verurteilte, dass Auschwitz nicht bombardiert wurde, wird in Ramallah ebenso vermerkt wie die Tatsache, dass er nur wenige Meter am Mausoleum von Jassir Arafat vorbeiging – und dieses palästinensische Nationalsymbol keines Blickes würdigte. Fatah-Führer Kaddura Fares bezeichnete dies als Affront. Sein Kollege Sufian Abu Saida meint: „Es gibt keinerlei Grund, optimistisch zu sein.“

Vielleicht ist das größte Problem des amerikanischen Präsidenten, dass er ganz genau weiß, was das palästinensische Volk will, ohne es selbst zu fragen. „Ich bin überzeugt, dass das palästinensische Volk Frieden will“, meinte er. „Wir wollen einen Staat!“, sagte Abbas auf der gemeinsamen Pressekonferenz in Ramallah, worauf Bush erwiderte: „Klar!“ – Klar? Schon bei der Ankunft betonte George Bush den jüdischen Charakter des Staates Israel – und schlug damit dem Anspruch auf ein Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge ins Gesicht. Seit er dem weltweiten islamischen Terror den Krieg erklärt hat, haben die radikalen Strömungen in der arabischen Welt einen spürbaren Einflussgewinn zu verzeichnen. Der Westen hat den Palästinensern Demokratie verordnet – und diese haben die Hamas gewählt.

Präsident Bush wird nicht müde, die Zweistaatenlösung als Antwort auf den Nahostkonflikt zu wiederholen. Aber vielleicht hat die linksliberale israelische Tageszeitung „Haaretz“ Recht, wenn sie meint, dass diese Lösung erst umgesetzt werden könne, „wenn die Palästinenser eine konzeptionelle, ideologische und institutionelle Bekehrung erlebt haben“. Bush hat es geschafft, die ganze Welt – einschließlich einer Mehrheit in Israel – zu seiner Zweistaatenlösung zu bekehren. Die einzigen, die heute keinen Palästinenserstaat mehr wollen, sind die Palästinenser selbst. „Niemals“, meint ein arabischer Händler in der Jerusalemer Altstadt und winkt ab, „niemals werden wir uns mit weniger zufrieden geben, als mit ganz Jerusalem und einer Rückkehr unserer Flüchtlinge nach Jaffa und Haifa.“

Der Nahostbesuch des amerikanischen Präsidenten war kein reiner Arbeitsbesuch, sondern auch eine persönliche Pilgerfahrt des wiedergeborenen Christen George Bush. Ausführlich wurde in den israelischen Medien wahrgenommen, wie er sich in Bethlehem, auf dem Berg der Seligpreisungen und in Kapharnaum von der Öffentlichkeit zurückzog. „Jetzt steht er, wo ,der Mann‘ gewirkt hat, den er so sehr verehrt“, kommentierten TV-Redakteure und sinnierten dann darüber, was es im christlichen Denken wohl bedeutet, wenn ein Mann wie Bush von der episkopalen zur methodistischen Kirche übertritt.

Zukunftsperspektive, die platzen kann wie eine Seifenblase

Doch dann wurde aus dem Pilger in der Auffassung der Einheimischen immer wieder der Kreuzfahrer. Er ließ sich von der palästinensischen Tourismusministerin Khulud Daibes und dem Gouverneur von Bethlehem, Salah a-Taamri, durch die Geburtskirche begleiten. Aber den christlichen Bürgermeister der Geburtsstadt Jesu, Viktor Batarseh, traf er nicht. Batarseh gehört zur Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), die bis heute weder das Existenzrecht des Staates Israel noch den politischen Prozess seit Oslo anerkennen will. Deshalb hatte sich auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier bei seinem Besuch in Bethlehem geweigert, ihn zu treffen und ihm die Hand zu geben. Er gilt westlichen Politikern als „Terrorist“. Weil Bush so profiliert als Christ auftritt, schafft er uns Christen hier im Nahen Osten Probleme mit unseren muslimischen Nachbarn, meint ein christlicher Geschäftsmann aus Ostjerusalem mit dem Nachnamen „Salib“, der noch auf seine italienischen Kreuzfahrervorfahren hinweist.

Präsident George Bush hat eine klare Denkweise. Er führt den Krieg des Guten gegen das Böse – und wer auf welcher Seite steht, ist eindeutig. Um Terroristen zu besiegen, will er dem Nahen Osten eine Vision der Hoffnung bieten. Die Frage ist nur, was passiert, wenn sich eine visionär vorgetragene Zukunftsperspektive als Seifenblase erweist und platzt. Die einseitig pro-israelische Atmosphäre dieser Präsidentenvisite kann sehr schnell ins Gegenteil umschlagen und sich unversehens negativ für den jüdischen Staat auswirken. Amerika ist die einzige Macht, die im festgefahrenen Nahostprozess etwas bewegen kann. Israels „Schutzpatron“ wird einiges leisten müssen, wenn er von der Welt – vor allem von der arabischen und islamischen Welt – wieder als ausgewogener Vermittler betrachtet werden will. Und den Preis dafür wird fraglos Israel zu entrichten haben.

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