Würzburg

Postmoderne unter Druck

Alles wird davon abhängen, ob es gelingt, postmoderne Beliebigkeit, die gesellschaftlich längst Fuß gefasst hat, zu irritieren.
Niederländisches Museum De Fundatie ehrt Neo Rauch
Foto: Uwe Walter, Berlin (Neo Rauch / VG Bild-Kunst, Bonn) | HANDOUT - Das Gemälde "Die Kontrolle" (2010) des Leipziger Malers Neo Rauch (undatierte Aufnahme). Es ist Teil einer großen Übersichtsausstellung von Neo Rauch im Museum De Fundatie in Zwolle (Niederlande).

Es war die kleine Erzählung „Der entwendete Brief“ von Edgar Allan Poe, die in den siebziger Jahren durch die literaturwissenschaftlichen Seminare deutscher Universitäten geisterte und Teil einer Revolution des Denkens wurde. Die kurze Geschichte wurde zum Kern postmoderner Dekonstruktion stilisiert; immerhin hatten ihr zentrale Vertreter der Postmoderne wie der Philosoph Jacques Derrida und der Psychoanalytiker Jacques Lacan viel beachtete Studien gewidmet. Poe erzählt von einem Brief mit kompromittierendem Inhalt, den ein Minister einer Königin entwendet und bei sich versteckt. Der Polizei gelingt es nicht, den Brief zu finden, ein Detektiv aber tauscht ihn gegen einen anderen aus. In der Erzählung treten alle zentralen Motive der Postmoderne auf: der Brief als das Abwesende des offen zutage Liegenden, das Subjekt, das sich seines Gegenstandes nicht mehr bemächtigen kann, das Begehren, das nicht zum Ziel kommt, das Unbewusste, das kein Zentrum mehr hat, die Bedeutungswelt (des Briefes), die als Unverfügbares hinter dem Rücken der beteiligten Subjekte liegt.

Zentral für diese postmodernen Deutungen sind der Verlust der Kontrolle über die Welt, die die Neuzeit in Philosophie und Naturwissenschaften behauptet hatte. Es gebe kein verlässliches Zentrum mehr, behauptet die Postmoderne, weder Gott, noch das Subjekt; weder die Metaphysik, noch die Moral, die Religion, die Politik, Ästhetik oder die Geschlechterordnung haben danach noch Bestand. Statt dem verlorenen Zentrum spricht die Postmoderne auch von der Identität, die ihren Vorrang vor der Verschiedenheit verloren habe. So sah der französische Philosoph Michel Foucault den Don Quichotte als eine Urfigur der Postmoderne, weil der den „unendlichen Text“ der Ritterromane in ihrer Verschiedenheit durchlaufen hat, um sich schließlich als wenn auch gebrochene Identität zu finden. Der Weg zur Identität soll nur noch über die Verschiedenheit möglich sein – so will es heute auch die postmoderne Sexualpädagogik, wonach die Schüler erst alle sexuelle Varianten kennenlernen sollen, bevor sie zu einer eigenen Meinung über ihre sexuelle Identität kommen sollen, am besten gemäß dem Mainstream.

Postmoderne Dekonstruktion meint diesen permanenten Perspektivwechsel, wonach traditionelle Werte und die Art, sie zu denken, nicht mehr gültig sein sollen. In diesem Sinne sprach wohl der englische Salonmaler John Watkins Chapman um 1870 von einem postmodernen Malstil, der noch moderner sein sollte als derjenige der französischen Impressionisten. Weil das postmoderne Denken heute aber noch keine neuen Werte und Arten zu denken hervorgebracht hat, befindet es sich in einem Zwischenstadium. Schon in der „Negativen Dialektik“ Adornos war das angeklungen, wonach eine Denkbewegung nur bis zu ihrem Anderen kam, zur Negation, aber nicht mehr zu einer neuen Synthese und damit zur Versöhnung eines Problems. Die Postmoderne zieht die Gegenwärtigkeit von Wahrheit grundsätzlich in Zweifel, weil jeder Gegenstand einer Betrachtung durch Perspektivismus und „alles ist Interpretation“ relativiert wird. Das Wahrheitsgeschehen ist abwesend, wie in der Geschichte des Briefs von Poe, und so sei es grundsätzlich auch in der Kunst, in der es keine endgültig Deutung gebe. Weil es grundsätzlich keine abschließende Wahrheit gebe, werden Texte und Kunst in eine paradoxe Parallele gesetzt, die vor der Postmoderne immer sorgfältig unterschieden waren, weil deren Wahrheitsanspruch als verschieden angesehen wurde. Dass es kein Zentrum oder eine Identität mehr gebe, hat Derrida in seinem frühen Buch „Die Schrift und die Differenz“ (1967) formuliert: „Im Augenblick, wo ein Zeichen entsteht, beginnt es damit, sich zu wiederholen. Sonst wäre es kein Zeichen, es wäre nicht, was es ist, das heißt dieser Mangel an Selbstidentität, der regelmäßig auf dasselbe verweist. Das heißt auf ein anderes Zeichen, das seinerseits aus seiner Aufteilung geboren wird. Dadurch, dass sich das Graphem in dieser Weise wiederholt, hat es keinen natürlichen Ort oder Zentrum.“

Die vorherrschende Tendenz in der europäischen Philosophie war der Gedanke Platons, dass sich der Mensch auf Eines hinwendet, ad unum vertere, wie es klassisch heißt – auf die Ideen, auf Gott, auf die Vernunft hin. Dieser europäische Grundkonsens soll in der Postmoderne aufgegeben werden zugunsten einer Selbstgenerierung von Perspektiven. Der Gedanke taucht bereits bei Nietzsche auf, in der „Genealogie der Moral“ (1887), wo die letzten Gründe des Denkens und Handelns, auf die man sich zuvor berufen hat, in Perspektiven aufgelöst werden. Bis zu Nietzsche war es selbstverständlich, ethische und rechtliche Normen als absolut verbindlich anzunehmen. Doch Nietzsche glaubte diese entlarven zu können, weil mittelalterliche Torturen mit ihren Schmerzen Angst vor Autorität und Macht hervorgebracht hätten, durch die dann bereitwillig Normen übernommen wurden, die in ihrer Ursprungsgenese, also in ihrer leiblichen Herkunft, nicht mehr hinterfragt worden seien. Wir sollen nach Nietzsche nicht glauben, dass „Wahrheit noch Wahrheit bleibt, wenn man ihr die Schleier abzieht – wir haben genug gelebt, um dies zu glauben“. Nicht Wahrheit und Sein stehen hiernach am Ursprung des menschlichen Selbstverständnisses, sondern die Äußerlichkeiten des Zufalls. Wie schon am Beispiel mittelalterlicher Torturen deutlich wird, sei der Leib die neue fragile Mitte des Menschen, an dem sich das Ich auflöst, wenn man wie Nietzsche in seiner Leib-Perspektive das Nervensystem, die Verdauung und Ernährung in den Vordergrund stellt. All dies dient der Opferung des Erkenntnissubjekts und des sicheren historischen Bewusstseins. So wie Religionen die Opferung des Leibes gefordert hätten, so fordert nach Nietzsche das Wissen, dass wir mit uns experimentieren: „Die Erkenntnis hat sich in uns zur Leidenschaft verwandelt, die vor keinem Opfer erschrickt und im Grunde nichts fürchtet als ihr eigenes Erlöschen… Vielleicht selbst, dass die Menschheit an dieser Erkenntnis zugrunde geht! … Wenn die Menschheit nicht an einer Leidenschaft zugrunde geht, so wird sie an einer Schwäche zugrunde gehen: was will man lieber? Das ist die Hauptfrage.“ Das Experiment der Auflösung aller Wahrheiten nimmt so den Untergang der Menschheit in Kauf.

Aber warum bei den Auflösern der Kultur stehen bleiben? Zählen die Leistungen der Künstler und Denker der Vergangenheit wirklich nichts mehr? Man muss sich dem Perspektivismus und Relativismus der Postmoderne nicht hingeben und die Verdauungsorgane wie bei Nietzsche zum höchsten Maßstab erklären. Die nachfolgenden Porträts zeigen, wie es nach Jahrzehnten postmoderner Umnachtung auf verschiedenen Gebieten doch klare Strukturen und Ordnungen geben kann, in denen Ursprung, Identität, Wahrheit und Einheit wieder denkbar sind. Die Porträtierten bilden eine Gegenöffentlichkeit neuer Ordnungen, die ein Ende der Postmoderne einleiten kann.

 

Eine konservative Gegenöffentlichkeit formiert sich:

He speaks his way: Der Mann, der's einfach sagt. Roger Scrutons ästhetischer Zugang zum Konservatismus.Ein Konvertit, nämlich zu einem ästhetischen Konservatismus, ist Roger Scruton, Philosophie-Professor, Romanautor, Komponist, Matador im Meinungszirkus und Dorforganist in Wiltshire, wo sich der 1944 Geborene nach Stationen in Großbritannien, Frankreich und den USA niedergelassen hat. Das Bekenntnis zu dezidiert konservativen Standpunkten in Politik und Moral war für den Spross einer Lehrerfamilie, der als ‚Humanist’ erzogen wurde, nicht selbstverständlich. Es bedurfte des starken Eindrucks, den die brennenden Barrikaden 1968 in Paris auf ihn machten, dass er erkannte: Das sind Menschen wie ich, aber ich gehöre nicht zu ihnen. Er schreibt: „Ich dachte mir, dass es einen Weg zurück und zur Verteidigung der westlichen Zivilisation gegen diese Dinge geben müsse. So bin ich konservativ geworden. Ich wusste, ich wollte lieber Dinge bewahren als sie zerstören.“ So einfach kann es sein. Doch brachte es den Bruch mit dem vage-links denkenden Vater, der kein Wort mehr mit ihm sprach.

Seit dem Richtungswechsel wendet sich Scruton mit der Gründlichkeit des gelernten Philosophen den einzelnen Kategorien zu. Mit Verve tritt er für die Wiederentdeckung des traditionell-Schönen ein und erklärt am Beispiel Venedigs, dass letztlich der religiöse Sinn ihrer Bewohner die Lagunenstadt schuf. Architektur solle deshalb mit einem ‚Akt der Konsekration’ beginnen, der die Wurzeln des ganzen Gemeinwesens aufdecke. Im Auftrag der Regierung leitet Scruton nun ein Beratergremium für ‚besseren Städtebau’, eine dankbare Aufgabe in Großbritannien. Die ‚Ehe für alle’ lehnt er ab, weil es letztlich pervers sei, den gleichen Körper wie den eigenen zu begehren. Verantwortlichkeiten gehören für ihn allein zum Menschen, von daher sei eine Zuteilung von ‚Rechten’ für Tiere nicht möglich. Der Anglikaner Scruton kennt keinen zwingenden Beweis für Gott, hält den Glauben aber nicht für irrational, weil auch sich-Verlieben nicht irrational sei. Und für freien Zugang zu Alkohol, Tabak und Fuchsjagd tritt Sir Roger auch noch ein. Von Urs Buhlmann

Roger Scruton, geboren 1944, britischer Schriftsteller und Philosoph mit den Schwerpunkten Ästhetik und politische Philosophie, lehrte zuletzt 2005 2009 am Institute for the Psychological Siences in Arlington, Virginia. 

 

Auf alten Fotos aus dem Vorkriegsdeutschland sieht man nichts Hässliches, sagte einmal der Maler Neo Rauch und meinte damit die Architektur. Es gab da keine Überspanntheiten, alles sei noch ganz bei sich gewesen, ohne etwas übermäßig zur Geltung zu bringen. Muss diese Ordnung durch die permanenten gesellschaftlichen Revolten, die sich seitdem ereignet haben, für immer verloren sein? Neo Rauch hält die Wiederverzauberung der Welt für möglich, ja er führt sie mit jedem seiner Bilder vor. Nicht als Wiederherstellung alter Zustände, sondern als etwas ganz Neues.

Der 1960 in Leipzig geborene Maler, der 2018 das Bühnenbild für den „Lohengrin“ in Bayreuth gestaltet hat, hält die Moderne für menschenverachtend, in der der Einzelne nur noch als „Durchströmpartikel“ angesehen wird, als ökonomisch aufrechenbar. Die Steigerung der Moderne zur Postmoderne brachte die abstrakte Kunst hervor, für Rauch nur ein Wimpernschlag der Geschichte, zumal die zweidimensionale Darstellung auf Leinwand immer Abstraktion sei. Auch politische oder gar engagierte Malerei ist für Rauch kein gangbarer Weg, der diese Kunstform noch im DDR-Sozialismus kennengelernt hat. Man müsse Kunst davon reinhalten, sagt er. Stattdessen spielt die Herkunft des Malers eine entscheidende Rolle. Er fühlt sich ganz als Europäer im alten Sinn, wurzelt aber besonders in den Moor- und Schilflandschaften um Leipzig, die in seinen Bildern immer wieder auftauchen. In den Vereinigten Staaten ist Rauch längst ein Superstar, und Galerist David Zwirner (New York) etwa nennt ihn eine ganz deutsche Figur in einer gedanklichen Welt, die nur in Deutschland möglich ist. Rauch gilt in Amerika als authentischer Maler und wird als kulturelle Person wahrgenommen - in postmoderner Sicht wäre das nicht möglich.

Auf den Bildern Rauchs gibt es wieder Verweisungszusammenhänge, im Unterschied zur postmodernen Dezentralisierung, wo die Einheit des Sinns fehlt. Die Kleidung des Bildpersonals beim späten Rauch erinnert häufig an die Zeit der Romantik, was zunächst eine Vertrautheit nahelegt, die sich durch das Bildgeschehen zwischen den Menschen aber wieder auflöst. Das Figurative kann abgründiger und im Fall Rauchs tiefenpsychologischer sein, als es abstrakte Kunst je zu sein vermochte. Kunst ist für Rauch nie postmodern voraussetzungslos, sie ist historisch und kulturell bedingt. Diesen Verweisungszusammenhang aufbrechen zu wollen hieße, sich der sinnlosen existenziellen und künstlerischen Abstraktion zu übergeben. Von Alexander Riebel

Neo Rauch, geboren 1960, deutscher Maler und Hochschullehrer, ist einer der wichtigsten Vertreter der Leipziger Schule; 2012 Eröffnung der Grafikstiftung Neo Rauch in seiner Heimatstadt Aschersleben in Sachsen-Anhalt.   

 

Jordan B. Peterson setzt sich seit Jahren kritisch mit der Postmoderne auseinander. Als Gastredner der „ideacity“-Konferenz 2017 erläuterte er gründlich, warum der Postmodernismus, der zuerst als Philosophie und Literaturkritik auftrat, aus seiner Sicht weder logisch noch kohärent ist. Die führenden postmodernen Denker Derrida und Foucault seien intellektuell zwar extrem begabt gewesen, ihr Denken aber nicht korrekt.

Die erste zentrale Behauptung des Postmodernismus lautet nach Peterson: Die Welt ist sehr komplex, es gibt unendlich viele Möglichkeiten, all die involvierten Phänomene zu verstehen und zu interpretieren. Dies, so Peterson, stimme zwar technisch, doch die postmoderne Ableitung daraus (und zweite Behauptung), nämlich, „keine Interpretation darf privilegiert werden“, sei falsch, weil man kann nicht sagen könne, dass alle Interpretationen gültig seien. Als Beispiel nennt Peterson den Evolutionsprozess, der beweise, dass Kreaturen, welche die Umweltbedingungen falsch interpretiert hätten, verschwunden seien. Interpretationen unterlägen der Notwendigkeit, das Individuum zu schützen und das Leiden zu reduzieren. Außerdem könne die Richtigkeit einer Interpretation daran festgemacht werden, ob sie eine nachhaltige, wiederholte Kooperation von Menschen ermögliche. Sprich: Realistischerweise gibt es Beschränkungen bei Interpretationen. Sie sind nicht unendlich.

Peterson sieht den Postmodernismus in Nähe zum Marxismus, weil beide die Sichtweise teilen, die Welt aus der Perspektive der Unterdrückten (versus Unterdrücker) zu interpretieren. Peterson meint, dass dies im Widerspruch zum unbegrenzten Interpretationsansatz stehe, weil man sich eben doch für eine „kanonische“ Interpretation entscheide. Das führe zur Frage: Warum hat sich die postmoderne dekonstruktivistische Philosophie in den Marxismus eingenistet? Warum diese „unheilige Allianz“, die von Postmodernisten nie geleugnet wurde?

Petersons erste, „optimistische“ Erklärung: Postmodernisten leiden aufrichtig mit den Unterdrückten, sie verfügen über Mitgefühl („compassion“) und wollen ihnen helfen. Sein Einwand: Dies ist angesichts der Millionen von Todesopfern in kommunistischen Unrechtsregimen (Mao, Stalin) keine logische und kohärente Begründung. Die ökonomischen Lehren des Kommunismus seien diskreditiert, was heute unverständlicherweise an Universitäten völlig ausgeblendet werde. Schon Nietzsche habe vor der Tyrannei der Gleichmacherei gewarnt.

Petersons zweite, realistische Erklärung: Für Postmodernisten existieren in der Welt nur Macht und Hierarchien, die auf Ungerechtigkeit basieren und nicht vertrauenswürdig seien. Peterson findet diese Sicht zynisch, weil die Welt komplizierter sei. Warum diese Machtbetonung? Peterson vermutet, weil Postmodernisten selbst nur an Macht interessiert seien. Damit habe Nietzsche, der von Ressentiment und dem Willen zur Macht sprach, die Zukunft richtig prognostiziert, auch wenn sich dieser Wille heute als „compassion“ tarne. Peterson hält diese Entwicklung für sehr gefährlich. Die alte „Unterdrücker-Unterdrückte“-Erzählung trete heute als Diskurs über „identity groups“ auf. 

Gegenüber Roger Scruton teilte Peterson bei einem Gespräch im Ralston College in Cambridge sein Unbehagen darüber mit, dass die Werke der Weltliteratur an Universitäten nur unter postmodernen Gesichtspunkten von Macht und Hierarchie gelehrt, gelesen und verstanden werden würden. Von Stefan Meetschen

Jordan B. Peterson, geboren 1962, ist klinischer Psychologe und lehrt Psychologie an der Universität von Toronto. Sein Buch „Twelve Rules For Life“ ist ein Weltbestseller.

 

Alain Finkielkraut ist durch und durch ein Gewächs des französischen Bildungssystems und Teil seiner Elite. Der Sohn eines Auschwitz-Überlebenden besuchte das renommierte Lycée Henri IV. und studierte an der Ecole normale. Heute ist er Mitglied der Académie française. Seinen intellektuellen Weg verdankt er den französischen Institutionen, die wiederum Ausdruck einer selbstbewussten nationalen Identität sind. Diese Identität ist es, der Finkielkrauts von vielen Zeitgenossen als reaktionär empfundenes Denken gilt. Dabei ist seine Bestimmung des "Identitären", die er seit den 1970er Jahren in immer neuen Anläufen umkreist, weit entfernt vom neurechten Posertum entsprechender Bewegungen hierzulande. Luzide und zugleich kämpferisch - Polemik ist in Frankreich eine zugelassene Denkdisziplin - zeigt Finkielkraut auf, wie kultureller Relativismus die Fundamente des Denkens selbst untergräbt. Als einer der ersten hat er 1977 (Le nouveaux désordre amoureux) zusammen mit dem Philosophen Pascal Bruckner die Zerstörungen aufgezeigt, die die sogenannte sexuelle Revolution dem antut, was wir "Liebe" nennen. Heute vergeht kaum ein Tag, an dem sich Finkielkraut nicht entschieden in die Probleme von Migration und Gender einmischt, stets aus einer fundierten Haltung heraus, die letztlich in der Persona-Philosophie des von ihm verehrten Emmanuel Levinas gründet. Ohne die Akzeptanz von Identität, so der rote Faden von Finkielkrauts Denken, kann ein Mensch ebenso wenig existieren wie eine Gesellschaft. Dass Finkielkraut dabei auch den Front National in Schutz nimmt - er sei die einzige Partei, die die Frage nach der Identität der Franzosen überhaupt stelle - zeugt von seiner Unbefangenheit, zugleich aber auch von der Furcht der Franzosen, den Sohn eines Auschwitz-Überlebenden als politischen Paria auszustoßen. Von Alexander Pschera

Alain Finkielkraut, geboren 1949, französischer Philosoph und Sachbuchautor, er lehrt Philosophie an der  cole polytechnique und ist seit 2014 Mitglied der Akad mie fran aise.

 

Im Gespräch mit dieser Zeitung hat der französische Philosoph Rémi Brague einmal an Papst Gregor den Großen erinnert. Dieser Papst, der durch die Organisation und Kodifizierung des Kirchengesangs zu einem wichtigen Begründer der mittelalterlichen christlichen Kultur geworden sei, habe eigentlich gar nicht an die „Möglichkeit einer sogenannten christlichen Kultur“ geglaubt, so Brague, sondern lediglich „versucht, ein bisschen Ordnung im Haus zu schaffen“. Nichts anderes scheint auch Bragues Intention zu sein. Ordentlich denken, an die abendländische Entwicklungsordnung erinnern. Denn, egal ob er sich zusammen mit anderen europäischen Denkern wie etwa Roger Scruton oder Ryszard Legutko für das „wahre Europa“ einsetzt (Pariser Erklärung), oder auf der Kulturplattform von „One of Us“ für den Lebensschutz streitet, der 71-jährige Professor der Sorbonne ist kein Freund von Relativismus und Ignoranz, Dekonstruktivismus und Demagogie. Gerade als Experte des arabischen und mittelalterlichen Denkens setzt Brague auf die Elemente, die Europa stark gemacht haben: die griechische Philosophie, das römische Recht und das jüdisch-christliche Erbe. Denn: Ohne diese keine Wissenschaft und keine Freiheit, kein Verständnis für das Innere des Menschen, was sich im Laufe der Epochen eigentlich nicht ändere, wenn man „die ewige Wiederkehr gleicher Fragen beobachtet“. Ist somit ein radikal säkulares, postchristliches Europa überhaupt vorstellbar? Sicherlich. Aber es ist nicht wünschenswert. Zumal nach Meinung von Brague „das Christentum weniger ein Inhalt als vielmehr die Form der europäischen Kultur [ist]. Weit entfernt davon, dass man zwischen mehreren Komponenten – unter anderen dem Christentum – zu wählen hätte, sichert dessen Präsenz das Überleben der anderen.“ (Europa – seine Kultur, seine Barbarei) Wie Rémi Brague das Sein des Menschen zwischen Imperativ und Indikativ beobachtet und deutet, hat Christoph Böhr in „Zum Grund des Seins: Metaphysik und Anthropologie nach dem Ende der Postmoderne. Rémi Brague zu Ehren“ herausgearbeitet. Bereits der Titel verrät: Eigentlich hat die Postmoderne die Schlacht bereits verloren, man sieht es nur noch nicht. Rémi Brague allerdings schon. Von Stefan Meetschen

Rémi Brague, geboren 1947, Promotion und Habilitation in Philosophie, Lehrstuhl an der Sorbonne, Guardini-Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians-Universität München (2002-2012); zahlreiche internationale Gastprofessuren und Preise.

 

Mit dem Erscheinen der „Benedict Option“ (2017) trat mit Rod Dreher ein christlicher Autor ins internationale Rampenlicht, der bereits zehn Jahre zuvor als „Crunchy Con“ in seinem gleichnamigen Buch für eine konservative Gegenkultur abseits vom republikanischen Mainstream geworben hatte.  In den USA tritt Gegenöffentlichkeit angesichts der überwältigenden Dominanz der Konsumkultur meist anti-konsumistisch auf. Der Erwerb von Bio-Lebensmitteln beim örtlichen „Organic Co-op“, Home-Schooling, Do-it-yourself: all dies eint alternative Konservative wie Dreher mit Hipsters und Liberals, wie die Linken dort genannt werden.

Die Postmoderne bezeichnet Dreher in Anknüpfung an Zygmunt Bauman als „liquid modernity“: Veränderungen gehen so rasch vor sich, dass gesellschaftliche Institutionen keine Chance mehr haben, sich zu verfestigen.  Dreher sieht eine rasante Verflüchtigung von Glaubens- und moralischen Grundsätzen, die nach seiner Einschätzung zu einem Erlöschen des Christentums in spätestens einer Generation führen werde. Die Ursachen verortet Dreher weit vor dem Zeitalter der Aufklärung - schon der Nominalismus im 14. Jahrhundert mit seiner Trennung von transzendenter und materieller Realität habe die Samen für die Moderne und deren Hyper-Individualismus gelegt. Die sexuelle Revolution musste dem völlig entkräfteten Christentum dann nur noch den Todesstoß geben.

Angesichts dieser drohenden „Jahrtausendflut“ will Dreher einen „entschlossenen Sprung in eine wirklich gegenkulturelle Weise das Christentum zu leben“. Kleine örtliche Gemeinschaften und Familien sollen weltabgewandt ihr Leben nach der Benedikt-Regel führen und zu den Wurzeln des Glaubens zurückkehren – Vorbild sind die altrituellen Benediktiner von Norcia, die sich im Jahr 2000 am Geburtsort des Heiligen Benedikt neu gegründet haben.

Die „Benedict Option“ richtet sich an christliche - Dreher nennt sie „orthodoxe“, im Sinne von rechtgläubige - Individuen, nicht an Institutionen,  auch wenn die spirituelle Erneuerung des Einzelnen natürlich auch die verfasste Kirche verändert. Die liquide Moderne wird als Flut begriffen, die der Einzelne nur in einer geschlossenen Arche des Glaubens überleben kann. Eine öffentliche Auseinandersetzung mit postmodernen Positionen unterbleibt größtenteils, mit der „Benedict Option“ sind kein Staat und keine Politik zu machen: „Politics will not save us“ schreibt Dreher und verweist auf die Reich-Gottes-Botschaft.
Von Gabor Mues

Rod Dreher, geboren 1967, US-amerikanischer Schriftsteller und Herausgeber, ist Autor von "The Benedict Option" und macht Beiträge für Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender; 1993 Konversion zur römisch katholischen Kirche, 2006 zur orthodoxen Kirche.

 

Ben Shapiro – Der polarisierende Wunderknabe meinte einmal: „Fakten kümmern sich nicht um deine Gefühle“: Mit diesem Wahlspruch hat der 35-jährige Publizist und Anwalt Ben Shapiro dem Narzissmus und der Empörungskultur der „Generation Snowflake“ den Kampf angesagt. Der in Los Angeles geborene Spross einer orthodox jüdischen Familie mit russischen und litauischen Wurzeln übersprang an der Schule zwei Klassenstufen und war mit 17 Jahren der jüngste landesweit publizierte Zeitungskolumnist der Vereinigten Staaten; mit 20 Jahren veröffentlichte er sein erstes Buch „Brainwashed“, in dem er die einseitige Beeinflussung  US-amerikanischer Studenten durch linksgerichtete Ideologien kritisierte. Im selben Jahr erwarb er einen Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft, drei Jahre später schloss er ein Jura-Studium an der Elite-Universität Harvard ab und praktizierte anschließend als Anwalt. Ab 2012 war er als Autor für das als rechtspopulistisch geltende Portal „Breitbart News“ tätig, mit dem er sich 2016 aber überwarf.

Als Buchautor, Gründer und Chefredakteur der Nachrichten-Website „The Daily Wire“, Podcaster, Radio- und Fernsehmoderator und gefragter Vortragsredner vertritt Shapiro eloquent und pointiert konservative Standpunkte zu Themen wie Lebensschutz, Waffenbesitz sowie Homo- und Transsexualität und übt vehemente Kritik an Tendenzen zur Einschränkung der Meinungsfreiheit unter dem Banner der „political correctness“. Während Gegner seine politische Ausrichtung als „rechtsgerichtet“ oder „extrem konservativ“ bezeichnen, beschreibt er selbst seinen Standpunkt als „im Wesentlichen libertär“. Vorträge Shapiros an Hochschulen werden nicht selten von Protesten linksgerichteter Studentenvereinigungen begleitet. Angefeindet wird er indes nicht nur von der Linken, sondern auch von der extremen Rechten: Als einer der medial präsentesten jüdischen US-Amerikaner wird Shapiro regelmäßig, insbesondere in sozialen Netzwerken, zur Zielscheibe antisemitischer Schmähungen und Drohungen. Von Tobias Klein

Ben Shapiro, geboren 1984, US-amerikanischer konservativer politischer Kommentator, Chefredakteur der Nachrichtenseite "The Daily Wire"; er ist Autor mehrerer politischer Bücher.

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