Portrait der Woche: Wolodymyr Selenskyj

Wolodymyr Selenskyj

Manche bezeichnen ihn wohlmeinend als Schauspieler, andere spöttisch als Komiker. Nun tritt der 41-jährige Wolodymyr Selenskyj aus dem Entertainment in die Politik, und zwar an die Spitze seines Heimatlandes, das ihn bislang vor allem aus dem Fernsehen kennt. Selenskyj wurde am Sonntag in der Stichwahl gegen Präsident Petro Poroschenko mit 73 Prozent zum Staatschef der Ukraine gewählt. Er blieb im Wahlkampf bewusst vage und damit eine Projektionsfläche für allerlei Wünsche und Hoffnungen. Wofür er tatsächlich steht, darüber rätselt man sogar in Moskau. Russlands Präsident Wladimir Putin und seine Entourage hielten sich darum mit Glückwünschen und Prognosen auffallend zurück. Nur der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill sprach überschwänglich von „großen Hoffnungen auf positive Veränderungen“ und von seiner Zuversicht, dass „die kanonische Kirche“ nun „nicht länger verfolgt wird“.

DER RÄTSELHAFTE ENTERTAINER

Kyrills Euphorie ist erklärbar: Zu den bleibenden Verdiensten des bisherigen Präsidenten gehört dessen erfolgreiche Lobbyarbeit für eine autokephale, also von Moskau unabhängige ukrainische Orthodoxie. Was eine Mehrheit der Ukrainer als Krönung der staatlichen Unabhängigkeit betrachtet, sieht Russlands Orthodoxie als gewaltsame Amputation. Für Kyrill wie für Putin war Poroschenko ein harter Gegner, dessen Ende in Moskau Freude auslöst. Die Ukrainer haben Poroschenko jedoch aus ganz anderen Gründen abgewählt: Hier sind seine Verdienste um die Autokephalie der Orthodoxie wie um die West-Orientierung des Landes unbestritten. Dass es ihm – wider vollmundige Versprechen – nicht gelang, die Krim zurückzugewinnen und den Krieg um die Ostukraine, der bereits 13 000 Menschenleben gefordert hat, zu beenden, ist nicht seine Schuld, wird ihm als Oberbefehlshaber aber angelastet. Angekreidet wurde ihm auch, dass er seine Unternehmen in der Hand behielt, also ein Oligarch blieb, dass er im Kampf gegen die Korruption zu langsam vorankam und dass die Lebenshaltungskosten steigen. An der Wahlurne wehrten sich jene, die im ukrainischen Alltag keine Chance haben, sich zu wehren.

Wenn Selenskyj sagt, er sei „ein neues Gesicht“, hat er den Grund für seinen Sieg bereits analysiert. Was aber wird er mit seinem Triumph anfangen? Wie soll der Politneuling die alten Oligarchen bändigen und den mit allen Wassern gewaschenen Machtmenschen in Moskau zu Konzessionen bewegen? Wie soll der Entertainer für bessere Lebensbedingungen sorgen? Immerhin: Der friedliche Machtwechsel in Kiew beweist, dass die Ukraine zur stabilen Demokratie gereift ist. Auch das zählt zur Bilanz von Poroschenko.

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14.09.2021, 16  Uhr
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