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Portrait der Woche: Paolo Dall'Oglio

Paolo Dall'Oglio

„Wir beten weiter dafür, dass Pater Paolo Dall'Oglio lebt.“ So kommentierte Vatikansprecher Alessandro Gisotti einen Bericht der „Times“, nach dem der in Syrien entführte Jesuit Paolo Dall'Oglio noch leben könnte. Die noch verbliebenen Kämpfer des „Islamischen Staates“ hätten in Verhandlungen angeboten, Dall'Oglio und andere Geiseln freizulassen, so die britische Zeitung Ende letzter Woche , die sich auf kurdische Quellen beruft. Neuere Erkenntnisse gibt es bis jetzt noch nicht.

MANN DER VERSÖHNUNG

Paolo Dall'Oglio hat über drei Jahrzehnte in Syrien gewirkt, bevor der heute 64-Jährige 2013 von Milizen des „Islamischen Staates“ entführt worden ist. Navid Kermani hat dem Jesuitenpater und Islamwissenschaftler 2014 im „Vatican Magazin“ ein eindrucksvolles Porträt gewidmet, in dem er versuchte zu beschreiben, welche Faszination der vom Gedanken der Versöhnung getriebene Pater gerade auf Muslime ausüben kann: Ihn, so schrieb der Schriftsteller damals, beeindrucke, in welcher Konsequenz Dall'Oglio dem christlichen Liebesgebot folge und dabei keinen Unterschied mache, vor allem nicht gegenüber Andersgläubigen. Programmatisch ist hier ein Buchtitel des Paters: „In der Liebe zum Islam, im Glauben an Jesus“.

Nachdem Dall'Oglio in den Jesuitenorden mit 19 Jahren eingetreten war, hatte er im Zuge der üblichen Exerzitien ein Schlüsselerlebnis: Plötzlich erschien das Wort „Islam“ vor ihm. Der junge Mann wusste nicht, wie er diese Vision deuten solle. Seine Oberen fanden eine Antwort: Dall'Oglio wurde in den Orient geschickt, lernte Arabisch und studierte Islamwissenschaften. Ab Anfang der 80er Jahre war der Schwerpunkt seines Wirkens das alte syrische Kloster Dair Mar Musa al-Habaschi. Dort gründete er 1992 die gemischte klösterliche und ökumenische Gemeinschaft „al Khalil“. Diese Gemeinschaft übte in den folgenden Jahren eine große geistige Strahlkraft auf ganz Syrien aus. Als in Syrien der Bürgerkrieg begann, machte sich der Pater für eine friedliche Lösung stark. Gleichwohl forderte er auch eine demokratische Reform des Landes. Diese Kritik wurde dem Assad-Regime zu viel und wies ihn aus. Dall'Oglio fühlte sich nicht daran gebunden, er blieb in Syrien. Im Juli 2013 wagte er sich in das Rebellengebiet vor und wurde dort von IS-Milizen entführt. Es gab immer wieder Berichte, er sei exekutiert worden. Doch die konnten bisher nie bestätigt werden. Noch kurz vor der neuen Nachricht der „Times“ hatte Papst Franziskus die Familie des Paters zu einer Audienz empfangen. Diese Geste solle als „Zeichen der Verbundenheit und Nähe des Papstes“ zu seinem Ordensbruder gedeutet werden, hieß es.

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