Porträt der Woche: Valentin Inzko

Von Stephan Baier
Valentin Inzko

Sein Amtssitz in Sarajevo ist befestigt wie eine Botschaft und schmucklos wie eine Behörde. Sein Amt aber ist weltweit einmalig: Der „Hohe Repräsentant für Bosnien-Herzegowina“ kann gewählte Politiker absetzen, Gesetze aufheben, Behörden schaffen oder abschaffen. Theoretisch allmächtig, stößt seine Macht an die Grenzen des Machbaren. Er muss sich vor den Außenministern von 50 Staaten (mit ganz konträren Interessen) verantworten und einen Staat funktionsfähig halten, dessen Parteien völlig widerstrebende Konzepte vertreten. Keiner seiner Vorgänger hat diesen permanenten Krisenmodus länger als vier Jahre durchgehalten, der österreichische Diplomat Valentin Inzko schafft ihn bereits seit neun Jahren.

MEHR ALS EIN REPRÄSENTANT

Achthundertmal haben er und seine Vorgänger die Vollmachten des „High Rep“ bereits angewendet, drei Staatspräsidenten wurden abgesetzt. Am Anfang musste man „sehr robust eingreifen“, neue Institutionen schaffen, um nach dem Bosnien-Krieg eine funktionsfähige Staatlichkeit zu schaffen. „Es gibt einen Wettbewerb der Konflikte in der Welt“, begründet Inzko die Tatsache, dass sich die Staatenlenker weltweit heute kaum noch für Bosnien interessieren. Abgesehen von Putin, der die serbischen Separatisten stärkt, und Erdogan, der bei den Muslimen einen Fuß in der Türe hält. Inzko will eine Reform des Staates, „aber das ist derzeit völlig aussichtslos“. Nicht nur, weil zu viele den Gesamtstaat schwächen und die Teilstaaten stärken wollen. „Die Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft, Probleme zu lösen, ist verloren gegangen“, sagt Inzko. Erstaunlich offene Worte für einen Diplomaten!

Aber der Kärntner Slowene Inzko war stets ein Mann klarer Worte und offener Bekenntnisse: Bischof Komarica von Banja Luka bezeichnet er als „Märtyrer“, und auf den Streit um Medjugorje angesprochen, berichtet er, dass er dem Beauftragten des Papstes, Erzbischof Hoser, gesagt habe, er sehe „drei Wunder in Medjugorje“: Menschen, die beten, die beichten und die eine priesterliche Berufung erfahren. Aus seinem katholischen Glauben hat der vielsprachige und polyglotte Inzko nie einen Hehl gemacht. Aus seiner Geschichtsverbundenheit auch nicht: Als Otto von Habsburg 1997 Sarajevo besuchte, ließ sich Inzko vom Kaisersohn ein Autogramm in den republikanischen Diplomatenpass geben. Heute ist er überzeugt, dass nicht die Religionen, sondern die Politiker des Landes das Problem sind: In Bosnien-Herzegowina habe das Zusammenleben von Muslimen, Christen und Juden lange funktioniert. Auch heute führe der interreligiöse Rat die Menschen zusammen. Gleichzeitig seien „die Gräben sehr tief“ – weil es an Rechtsstaatlichkeit mangelt und die Versöhnung unvollendet blieb.

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