Berlin

Porträt der Woche: Bettina Jarasch

Eine grüne Bilderbuchkarriere. Die Philosophin und Politikwissenschaftlerin will die Kirche notfalls mit Streiks reformieren. Einmischen ist ihre Profession.

Bettina Jarasch
Bettina Jarasch ist die Grüne Spitzenkandidatin für Berlin. Jüngst rief sie Frauen in der Kirche zum Streik auf.

Bettina Jarasch ist das grüne Kaninchen aus dem Zauberhut. Lange hatte man spekuliert, ob die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop oder die Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, Antje Kapek, das grüne Rennen um die Berliner Bürgermeisterkandidatur machen würde: die Umfragewerte der Grünen sind gut, die Wahlen stehen im Herbst 2021 vor der Türe. Der Tagesspiegel sprach von einem „Duck and Dive“-Manöver: unauffällig auf der Stimmungswelle surfen, ohne zu viel anzuecken, und die Wahl sicher nach Hause bringen.

Politische Karriere

Die gebürtige Augsburgerin studierte in Berlin Philosophie und Politikwissenschaft, arbeitete als Redakteurin. Ihr Mann ist in der Sparte geblieben: er ist Abteilungsleiter beim rbb. Als Referentin der Bundestagsfraktion und Mitarbeiterin von Renate Künast machte Jarasch keine unübliche Karriere. 2013 stieg sie als Beisitzerin des Bundesvorstandes auf. Schwerpunkt: Religionspolitik. Sie sei allerdings, so bekräftigt sie im Interview mit dem Tagesspiegel, eine „Generalistin“ und gelte in der Fraktion als „notorische Einmischerin“, so Jarasch nach ihrer Nominierung. „Das mag den einen oder anderen in den letzten Jahren genervt haben. Jetzt habe ich die Lizenz dafür.“

Grünkatholisch

Auch das Zentralkomitee der Katholiken (ZdK) erteilte Jarasch offenbar eine solche Lizenz. Seit 2016 ist die Vorsitzende eines Kreuzberger Pfarrgemeinderates dort Mitglied. Sie sei „gläubig“, aber es gehe ihr um den Glauben und „nicht um die Institution Kirche“. Den Besuch einer Papstmesse bei der Deutschlandreise Benedikts XVI. im Jahr 2011 überlegte sie sich daher zweimal, weil sie womöglich das „ungute Gefühl“ habe, „Teilnehmerin einer Inszenierung“ zu sein.

Dogmen unwichtig

Von Dogmen halte sie nicht viel, das Entscheidende seien Menschenwürde und Menschenrechte. Ein grünes Paradoxon: die Institution ist nicht wichtig, aber über nichts anderes spricht Jarasch, wenn es um das Katholische geht. „Ich gehöre zu denjenigen, die massiv Reformen einfordern. Das einzige, was in der katholischen Kirche helfen würde, wäre eine komplette Verweigerung von Frauen“, sagt Jarasch und fügt hinzu: „Die katholische Kirche wird von Frauen getragen, aber von Männern regiert.“

Kirchenstreik

Die Forderung nach so einem Kirchenstreik ist aber nur der letzte Clou. Jarasch, die auch Mitglied bei Donum vitae ist, unterzeichnete 2019 bereits einen offenen Brief an Kardinal Marx, in dem sie die Abschaffung des Zölibats, eine Neubewertung der Sexuallehre im Allgemeinen und der Homosexualität im Besonderen, sowie die Frauenweihe forderte. „Duck and Dive“ sieht zumindest in der katholischen Welt anders aus.

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