Politisches Gewissen

Vor einem moralischen Dilemma stehen die CDU-Abgeordneten bei der anstehenden Bundestagsentscheidung über die Präimplantationsdiagnostik: Die Partei hat mit knapper Mehrheit ein Verbot beschlossen, mehrere Parlamentarier wollen gleichwohl anders stimmen und berufen sich auf ihr Gewissen. Das aber kann erstens irren und ist zweitens nicht die Letztnorm für die Wahrheit. Von Professor Peter Schallenberg

Foto: dpa | Die CDU-Ministerinnen Annette Schavan (links) und Ursula von der Leyen (rechts) in dieser Woche im Bundestag bei einer Abstimmung Seite an Seite – in der Frage der Präimplantationsdiagnostik wollen sie allein ...
Foto: dpa | Die CDU-Ministerinnen Annette Schavan (links) und Ursula von der Leyen (rechts) in dieser Woche im Bundestag bei einer Abstimmung Seite an Seite – in der Frage der Präimplantationsdiagnostik wollen sie allein ...

Kürzlich erschien in der Wochenzeitung „Die Zeit“ eine Serie unter dem Titel „Gewissensbisse“. Ein Themenbereich, bei dem man existenzielle menschliche Fragestellungen erwarten könnte. Was dort aber unter diesen Begriff gefasst wurde, hatte wenig mit ethischen Grundfragen gemein. Die gesamte Artikelserie drehte sich im Wesentlichen um die richtige Ernährung und das moralisch vertretbare Einkaufsverhalten: „Welchen Apfel soll ich kaufen? Den aus Neuseeland oder den aus Deutschland?“ oder auch „Darf ich nur Eier von frei laufenden Hühnern kaufen?“. Das sind nur zwei Beispiele, die verdeutlichen, auf welcher Ebene die Frage nach dem Gewissen in einer säkularisierten Gesellschaft angesiedelt werden kann. Vor diesem Hintergrund könnte man ebenso an Manfred Lütz denken, der zum Begriff der Sünde in ähnlicher Weise feststellte, dass er lediglich im Zusammenhang mit Sahnetorten und das durch sie zu erwartende Übergewicht Verwendung findet.

Immerhin aber ist der Begriff des Gewissens im Grunde jedem Menschen bekannt und hat anscheinend keineswegs ausgedient.

Zuletzt wurde das Gewissen im politischen Kontext bei der Abstimmung über die Präimplantationsdiagnostik (PID) auf dem CDU-Parteitag wieder als Richtschnur politischer Entscheidungen betont. Zwar lehnte eine knappe Mehrheit die Zulassung der PID ab, doch, so betonte Kanzlerin Merkel, sei die Entscheidung an das persönliche Gewissen eines jeden Abgeordneten gebunden und keinem Fraktionszwang unterworfen. Dies bedeutet für eine spätere Abstimmung im Bundestag den Spagat zwischen einem die PID ablehnenden Parteibeschluss und der persönlichen Zustimmung eines wahrscheinlich beträchtlichen Teils der CDU-Fraktion. Dieser Zusammenhang gibt Gelegenheit, auf die politische Bedeutung des Gewissens aus moraltheologischer Sicht zu schauen.

Zunächst wird man fragen müssen: Was versteht der Mensch unter dem Begriff des Gewissens heute? Und weiter: Kann es ohne den Glauben an Gott ein wirkliches Gewissen geben, das nicht einfach nur als evolutionsbiologischer Schutzmechanismus vor einem Übermaß an Egoismus bewahrt?

Die christliche Theologie hat sich von Anfang an mit der Frage nach dem Gewissen beschäftigt, ist diese Frage im Wesen doch die Grundfrage nach dem, was man zu tun und zu lassen hat, wie Thomas von Aquin das erste Prinzip der Moraltheologie treffend zusammenfasst: „Das Gute ist zu tun, das Böse zu lassen!“ Aber wie kann der Mensch das Gute, oder noch konkreter gesagt, das Beste, eben das, was die Christen Gott nennen, erkennen und nach seinem Willen handeln? An dieser Stelle muss zunächst auf das sogenannte sittliche Naturgesetz hingewiesen werden. Gott, der die reine Gutheit und „das, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann“ ist, wie Anselm von Canterbury in seinem ontologischen Gottesbeweis ausführt, gibt allem Tun und Handeln der Schöpfung eine Richtung auf das letzte Ziel hin. Dieses letzte Ziel ist die ewige Gemeinschaft mit Gott selbst und damit die Erfüllung allen Seins. Das Naturgesetz zeigt sich auf natürliche Weise in der Schöpfung, aber auch auf übernatürliche Weise in der Offenbarung Jesu Christi, durch die der Mensch als vernünftiges Lebewesen Anteil am ewigen Gesetz Gottes erhält. Die Summe der sich daraus entwickelten allgemeinen Normen wird daher als Naturgesetz bezeichnet, das sich in seinem Kern auch im modernen Menschen- und Völkerrecht widerspiegelt.

„Urgewissen und Situationsgewissen bilden im Idealfall eine Einheit“

Doch je konkreter die menschlichen Entscheidungen ausfallen, desto schwieriger wird es, sich an allgemeine Prinzipien und Gesetze zu halten und durch sie zur Entscheidungsfindung zu gelangen. Und genau an dieser Stelle kommt für die Theologie das Gewissen ins Spiel, oder besser, in den Ernst des Lebens:

In der Weise, wie sich die Anfrage Gottes im sittlichen Gesetz niederschlägt, entspricht das Gewissen der subjektiven Antwort des Individuums, das im Konkreten seine Handlungsmöglichkeiten abschätzen muss. Das Gewissen wird in diesem Sinne auch als die nächste Norm bezeichnet (norma proxima). Das Gewissen ist deswegen aber noch nicht die letztgültige Norm (norma ultima), die jedes Tun des Menschen rechtfertigt. Während sich also die objektiv erforderte Sittlichkeit in Form von objektiven und bleibenden Normen prinzipiell ausdrückt, bezieht sich das Gewissen in subjektiver Weise auf konkrete sittliche Handlungen und kann in Fällen von Güterabwägungen über das objektive sittliche Gesetz hinausgehen. Folgte man immer und zu jeder Zeit einem kategorischen Begriff von sittlichem Handeln, wäre im Anschluss an Kant auch die Notlüge nicht erlaubt. Unser Gewissen aber kann abwägen, ob es in einem Einzelfall nicht doch ratsam wäre, vom allgemein formulierten Gesetz abzurücken.

Hier ist das Gewissen eng mit der Vernunft verknüpft und beinhaltet genau das, was schon Aristoteles meinte, wenn er vom Gewissen als Fähigkeit sprach, sittliche Grundsätze auf einen Einzelfall in richtigem Maß anzuwenden. Lateinisch wird Gewissen als conscientia bezeichnet, was also eine „Mitwisserschaft“ des Menschen um sich selbst, seines Sollens und Handelns bedeutet. Wiederum Thomas von Aquin sieht die conscientia als Mitwissen von etwas anderem an, letztlich aber als das Wissen um den göttlichen Willen. Im Laufe der Geschichte bildete sich ein mehrdimensionaler Gewissensbegriff heraus. Während conscientia als die auf das Konkretum bezogene sittliche Erkenntnis in der Anwendung verstanden wurde, entwickelte sich durch einen Übersetzungsfehler aus dem griechischen Wort für Gewissen – syneidesis – im Mittelalter die „synderesis“, die als das eigentlich unverlorene Urbewusstsein des Menschen verstanden wurde. So unterschied man seit der mittelalterlichen Theologie zwischen dem Urgewissen (Synterese) und dem Situations- oder Urteilsgewissen (conscientia). Das Urgewissen wäre demnach der eigentliche personale Kern des menschlichen Individuums, der auf das Gute schlechthin ausgerichtet bleibt, und den auch die Erbsünde nicht zerstören konnte. Demgegenüber konkretisiert das Situationsgewissen im Gewissensurteil das zu verwirklichende Gute in jedem Einzelfall. Ist es aber nicht so, dass auch das Gewissen irren kann? Im Gegensatz zur Auffassung Johann Gottlieb Fichtes, der davon ausging, dass das Gewissen nicht und niemals irrt, sagt die katholische Moraltheologie: Ja, es gibt ein irrendes Gewissen!

Die sittliche Wahrheit, nach der sich die Taten des individuellen Gewissens richten, ist immer nur fragmentarisch in der subjektiven Wahrheitserkenntnis vorhanden und muss immer wieder geformt und korrigiert werden. Dazu dient die kirchliche Gemeinschaft und letzthin das kirchliche Lehramt.

Schließlich muss jedem Menschen bewusst sein, dass sein individuelles Gewissen abstumpfen kann und daher der steten Bildung und Ausbildung bedarf, um im Letzten reife Urteile fällen zu können. Urgewissen und Situationsgewissen bilden im Idealfall eine Einheit, die unauflösbar ist, um zu richtigen und guten Urteilen zu kommen. Im Konkreten gilt das Gesetz der Gradualität im Hinblick auf die Reife des persönlichen Gewissens. Es besteht jedoch keine Gradualität des Gesetzes in dem Sinne, als sei dieses nicht immer die Verwirklichung des Guten. (Johannes Paul II., Familiaris consortio, 34)

„Für Katholiken ist die Kirche der eigentliche Ort der Gewissensbildung“

An dieser Stelle wird besonders deutlich, dass das Christentum im Gegensatz beispielsweise zum Islam keine primäre Buch- oder Gesetzesreligion ist, weil es nicht um ein äußeres Befolgen der Gesetze geht, sondern um den inneren Nachvollzug des göttlichen Willens, der sich schließlich auch in den Handlungen der Person niederschlägt. Dies führte in der Scholastik zu der Meinung, selbst dem irrenden Gewissen müsse Folge geleistet werden. Diese Meinung wurde zwar nicht zur Lehrmeinung der Kirche erhoben, aber doch zeigt sie die herausragende Stellung des Individuums, das in seinem Gewissen gleichsam ein inneres Gesetz erkennen kann, das sein Tun und Wollen mitbestimmt. Dies bestätigt nicht zuletzt das II. Vatikanum in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“: „Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist [...]. Das Gewissen ist der verborgene Kern und das Heiligtum des Menschen, in dem er allein ist mit Gott, dessen Stimme in seinem Innersten widerhallt.“ (GS 16) So ist das Gewissen eben nicht nur bei der Wahl der richtigen Nahrungsmittel ausschlaggebend, sondern vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen und in persönlich zu verantwortenden Entscheidungen. Im persönlichen Gewissensakt verwirklicht sich das Grundwissen um den göttlichen Willen in der konkreten Handlung. Das Gewissen aber kann irren. Zwar muss einem klaren Gewissensspruch gefolgt werden, aber ob die danach erfolgende Handlung in jedem Fall richtig ist, steht auf einem anderen Blatt, wie Joseph Kardinal Ratzinger betont: „Denn wenn es so wäre, würde dies heißen, dass es keine Wahrheit gibt – zumindest in Sachen der Moral und der Religion, also im Bereich der eigentlichen Grundlagen unserer Existenz.“ (Wahrheit, Werte, Macht. Freiburg 1993, Seite 29) Da sich Gewissensurteile widersprechen können, wäre die Wahrheit nur noch auf Subjektivität beschränkt, was in persönlichen oder gar politischen Entscheidungen dem Relativismus Tür und Tor öffnet. Daher ist für Katholiken die Kirche der eigentliche Ort der Gewissensbildung, da sie die sakramentale Wirklichkeit Gottes vermittelt. Wenn sich ein politischer Entscheidungsträger also auf das Gewissen beruft, muss ihm bewusst sein, dass es erstens irren kann und zweitens, dass es nicht die Letztnorm für die Wahrheit ist. Ein irrendes Gewissen rechtfertigt also nicht die Entscheidung. Schon in den Psalmen (19,13) wird auf die Problematik des verstummten Gewissens hingewiesen: „Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von der Schuld, die mir nicht bewusst ist!“

Das Nachdenken über das Gewissen wurde in jüngerer Zeit vor allem durch die Seligsprechung John Henry Kardinal Newmans durch Papst Benedikt XVI. in Großbritannien befeuert. Der englische Konvertit des 19. Jahrhunderts schrieb an den Herzog von Norfolk 1874: „Wenn ich – was höchst unwahrscheinlich ist – einen Toast auf die Religion ausbringen müsste, würde ich auf den Papst trinken. Aber zuerst auf das Gewissen und dann erst auf den Papst.“ (Lett. to Norfolk, Seite 261)

Die herausgehobene Stellung, die Kardinal Newman dem Gewissen zurechnete, dies wird an diesem Zitat anfanghaft deutlich, zielt auf die direkte Erfahrung des Echos der Stimme Gottes ab, das der Mensch in seinem Inneren erfahren kann. Sie steht dem Lehramt nicht entgegen, sondern ist gleichsam wahr und richtig, in der gegenseitigen Bezogenheit auf die Wahrheit. Daher betont Kardinal Newman noch einmal: „Das Gewissen ist der Stellvertreter Christi in unserem Innern, prophetisch in seinen Unterweisungen, fordernd in seinen Entscheidungen, priesterlich in Segen und Fluch. Auch wenn das ewige Priestertum in der ganzen Kirche aufhören könnte, so würde doch im Gewissen das priesterliche Prinzip erhalten bleiben und weiterherrschen.“ („Certain Difficulties felt by Anglicans in Catholic Teaching“, Band 2, Seite 248–261)

„Es geht um den inneren Nachvollzug des göttlichen Willens“

Während der apostolischen Reise nach Großbritannien profilierte Benedikt XVI. aber nicht nur Kardinal Newman als einen entschiedenen Vertreter der Gewissensentscheidung, sondern auch Thomas More, als er in Westminster Hall, dem Ort der Verurteilung des Patrons der Regierenden, zu ausgewählten Vertretern der britischen Gesellschaft sprach: „Besonders rufe ich die Gestalt des heiligen Thomas More in Erinnerung, des großen englischen Gelehrten und Staatsmanns, der von Gläubigen wie von Nichtglaubenden wegen seiner Rechtschaffenheit bewundert wird, mit der er seinem Gewissen folgte, selbst um des Preises willen, dass es dem Herrscher missfiel, dessen ,treuer Diener‘ er war; denn er wollte an erster Stelle Gott dienen. Das Dilemma, vor dem Thomas More in diesen schwierigen Zeiten stand, [war] diese stets aktuelle Frage nach dem Verhältnis zwischen dem, was dem Kaiser gebührt, und dem, was Gott gebührt [...].“ Welche Stärke zog jener Thomas Morus aus der Stimme des Gewissens, das ihn alles kosten sollte! Wirklich alles? Im Bewusstsein der Botschaft des Evangeliums hat er alles gewonnen, in dem er für die Wahrheit einstand bis zuletzt. Dies war nur möglich mit einem von Gott durchformten und unbestechlichen Gewissen, sodass More mit dem ausdrucksstarken Satz charakterisiert werden kann: „Nie hätte ich daran gedacht, einer Sache zuzustimmen, die gegen mein Gewissen wäre.“ 1935 erfolgte die Heiligsprechung Thomas Mores durch Pius XI. in einer Zeit der wachsenden totalitären Herrschaftsansprüche in einigen Nationalstaaten Europas, allen voran dem nationalsozialistischen Terrorregime in Deutschland. Die Heiligsprechung war so gleichsam ein Hinweis auf die Freiheit des Gewissens, auf die unverlierbare innere Stimme des Menschen, die wir Gewissen nennen, in dem uns der lebendige Gott im ständigen Modus des Angebotes entgegentritt. Gerade in einem Zeitalter der fortschreitenden Säkularisierung ist die Betonung und Bildung des individuellen Gewissens einer jeden Person in dieser Hinsicht von bleibender Aktualität und damit bleibende Aufgabe der Kirche. Dieses im Blick behaltend, ist jene Bildung des Gewissens an der Wahrheit und Autorität besonders dort notwendig, wo Menschen Verantwortung für andere übernehmen, mithin also in der Politik. So ist der Bezug des Christen auf das Gewissen in demokratischen Entscheidungen aus Sicht der katholischen Soziallehre ein wichtiger Beitrag, eine gerechte und der Würde des Menschen entsprechende soziale Ordnung zu gestalten. Die Begründung einer politischen Entscheidung durch das Gewissen wäre in diesem Sinne keine Flucht in die Subjektivität, sondern gerade die Suche nach der objektiven Wahrheit.

Der Autor hat den Lehrstuhl für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn inne und ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

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