Washington

Politikwissenschaftler: Die USA sind bis in die Familien tief gespalten

Der katholischen US-Politikwissenschaftler der University of Dallas, Gladden Pappin, analysiert im Magazin „L’Incorrect“ den Wahlausgang der USA.

Nach der Präsidentenwahl in den USA - Pennsylvania
Eine Frau Trägt einen Button mit einem Bild des scheidenden US-Präsidenten Trump während eines Protestes von Trump-Untersützern. Foto: Rebecca Blackwell (AP)

Gladden Pappin lehrt an der University of Dallas in Texas Politikwissenschaft. Außerdem ist er Mitglied des „De Nicola Center for Ethics and Culture“, das an der katholischen Privatuniversität University auf Notre-Dame die katholische moralische und intellektuelle Tradition fördert.

In einem Gespräch mit dem katholischen Magazin L’Incorrect analysiert er die Lage in den Vereinigten Staaten nach den Präsidentschaftswahlen. Er erläutert die scheinbare Desorganisation des amerikanischen Wahlsystems, bei dem jeder einzelne Bundesstaat seine eigenen Maßnahmen wählt: „Schon dieses System reicht aus, um Ungewissheiten zu erzeugen, normalerweise hat es aber keine Konsequenzen auf das Endresultat“.

Normalerweise keine Konsequenzen aufs Endresultat

Doch in diesem Jahr hätten viele Staaten infolge der Coronakrise und der Kontaktbeschränkungen die Briefwahl weitgehend ausgebaut: „Und hier liegt das Problem“. Zudem könne man in bestimmten Staaten zur Wahl gehen, ohne seinen Personalausweis vorzuzeigen. Der Hintergrund dafür ist ein geschichtlicher: „Vor den Sechzigerjahren gab es Elemente, die bei den Wahlen eine Rassendiskriminierung begünstigte (Abgabe einer Zulassungssteuer, Alphabetisierungstest etc.) und die daher von Nachteil für die Schwarzen waren, als sie das Wahlrecht bekamen“. Im Internet könne man die Liste der Staaten einsehen, in denen man noch heute ohne Personalausweis wählen kann. Pappin selbst habe mehrere Jahre in Massachusetts gelebt, wo das möglich war: „Sie können ins Wahlbüro gehen, ihren Namen angeben, und dann wird er auf einer Liste ohne Überprüfung angekreuzt“. Obwohl das „ziemlich erstaunlich“ ist, müsse man doch daran denken, dass dies kein „rationaler Umgang“ damit sei, sondern eben geschichtlich bedingt ist.

Pappin bedauert, dass sogar Familien zwischen Trump- und Biden-Anhängern tief gespalten sind, auch wenn es dort vielleicht noch nicht so gewalttätig zugehe wie im Internet. Es gebe Familien, in denen die Leute über ihre politischen Meinungsverschiedenheiten nicht sprechen oder die gelernt haben, damit zu leben: „In den sozialen Netzwerken sieht man, wie junge Studenten von der Linken einen derartigen Hass auf Trump entwickelt haben, dass sie dies innerhalb ihrer Familienbande politisieren“. So sei es tatsächlich so, „dass die weiße äußerst radikale Studentin ihren Hass nach Hause trägt, um ihn auf ihren Vater, ihren Onkel oder ihre Großeltern zu richten. Momentan gibt es enorm viele Spannungen dieser Art“.

Der Unterschied zwischen Linker und Rechter

Der Politologe glaubt, dass der Anstieg von Gewaltakten im Land weitergehen werde, ohne dass dies jedoch das Niveau eines Bürgerkriegs erreichte – vor allem deswegen, weil es einen Unterschied zwischen der Linken und der Rechten gebe: „Auf der rechten Seite gibt es viele Waffenbesitzer, aber die Konservativen veranstalten nichts auf der Straße. Im Gegensatz zur Linken, die nur wenige Waffen besitzt, aber dafür gewaltsame Ausschreitungen organisiert“. Die Medien täten so, meint Pappin, „als ob sie das übersehen, oder sie lügen in dieser Hinsicht, indem sie glauben machen, dass die Gewalt am ehesten von der Rechten käme“. Doch in Wirklichkeit gingen „die meisten Gewalttätigkeiten in den Vereinigten Staaten von der extremen Linken, der Antifa oder den Schwarzen Blöcken in den von Demokraten regierten Städten aus. Ich glaube, dass die Rechte eher in der Defensive ist: wenn man ein Familienvater mit Kindern ist, dann besitzt man eine Waffe, um sich – wenn nötig – zu verteidigen, aber man veranstaltet nichts auf der Straße. Vielleicht gibt es ja Gruppen von jungen radikalen Rechten, aber auch nicht mehr“.

Trump habe die Partei der Republikaner für immer verändert, meint Pappin, „und die Wahl hat das begünstigt, was viele von uns als Neuausrichtung bezeichnen. Die republikanische Partei wird sozial vielfältiger und zugleich konservativer auf der Ebene der Sitten“. So habe es beispielsweise eine hohe Stimmabgabe der Hispanics in Texas und Florida für Donald Trump gegeben: „Wenn man sich diejenigen anschaut, die der Partei der Demokraten Geld gegeben haben, erkennt man, dass diese Partei die Partei der ökonomischen und finanziellen Elite geworden ist. Und nicht die des gehobenen Mittelstandes, sondern vielmehr die der wohlhabendsten Schichten des Landes. Die großen Unternehmen haben sich nach links verlagert“. Doch an der Basis der Republikaner gebe es eine „echte Feindseligkeit gegenüber diesen großen Firmen, die es vor 30 oder 40 Jahren noch nicht gab“.

Entscheidender Faktor: verheiratet oder nicht?

Der wichtigste Faktor im Hinblick auf eine Wahl pro Trump oder pro Biden, so stellt Pappin fest, sei es, ob man verheiratet ist oder nicht: „Verheiratete Frauen und Männer haben weitgehend Donald Trump gewählt, während die Ledigen ohne Familie – die in den Unternehmen arbeiten und für das woke capital [das den diversitären und multikulturellen Diskurs übernimmt] ideale Kunden sind – weitgehend für Biden gestimmt haben“.

Falls die Republikaner den Senat behielten, so Pappin, könnten sie Gesetzesvorhaben der Demokraten verhindern oder zumindest bremsen: „Von einem politischen und verfassungsrechtlichen Standpunkt aus“, konstatiert Pappin, „werden die meisten Ziele der radikalen Linken daher durch den Senat aufgehalten werden“. Dennoch übe der Präsident eine große Macht über seine Administration aus, was dazu führen könne, „dass er die woke-Kultur noch mehr vorantreiben“ könnte. Darüber hinaus „betrachten die Medien und die Finanzelite dieser Wahl als eine Rückkehr zur Normalität, und damit als einen Sieg der liberalen globalen Ordnung“.  DT/ks

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