Polen wollen Taufe tilgen

Staat-Kirchen-Dialog wird komplizierter – Medien grenzen Katholiken aus. Von Stefan Meetschen
Foto: IN | Kann nicht mehr rückgängig gemacht werden: Das Sakrament der Taufe.
Foto: IN | Kann nicht mehr rückgängig gemacht werden: Das Sakrament der Taufe.

Warschau (DT) In zwei Jahren feiert Polen die 950-Jahrfeier seiner Taufe. Eigentlich ein schönes Ereignis. Doch bei der Kirche des Landes will noch keine richtige Feierstimmung aufkommen. Aus verschiedenen Gründen. Vor wenigen Tagen entschied das Verwaltungsgericht des Landes, dass Pfarrer in Polen im Falle von Kirchenaustritten verpflichtet seien, im Taufbuch diese Form von Apostasie ausreichend zu kennzeichnen durch den Hinweis, dass die betreffende Person aus der Kirche ausgetreten sei.

Eine Entscheidung, gegen die der Pressesprecher der Polnischen Bischofskonferenz, Józef Kloch, via „Twitter“ protestierte: „Die kirchliche Seite stimmt dieser Einmischung von Seiten weltlicher Behörden in die kirchliche Verwaltung nicht zu.“ Doch die staatlichen Einrichtungen legten nach. Der Generalinspektor zum Schutz persönlicher Daten äußerte gegenüber den Medien, dass ihm Beschwerden von Personen vorlägen, die aus der Kirche ausgetreten seien und nicht mehr in den Büchern stehen wollten. Was heißen soll: Diese Personen fordern eine komplette Tilgung ihres Eintrags. Als habe eine Taufe nie stattgefunden. Das ist theologisch zwar Unsinn, kann doch die Spendung dieses Sakraments nicht mehr zurückgenommen werden, scheint aber die Behörden nicht zu interessieren. Wiederum nahm Kloch Stellung, diesmal in der liberalen Zeitung „Gazeta Wyborcza“: „Spezialisten werden prüfen, ob bei dieser Absicht nicht ein Verfassungs- oder Konkordatsbruch vorliegt.“ Schließlich gehören die Taufbücher der Kirche und der Eintrag einer Taufe ist kirchenrechtlich bestens abgesichert.

Doch damit nicht genug des aktuellen polnischen Katz-und-Maus-Spiels zwischen Vertretern der weltlichen und der kirchlichen Macht, dessen ernster Charakter nicht zu unterschätzen ist. Zumal hinsichtlich des Offenen Briefes der polnischen Bischöfe gegen Gender (DT vom 31. Dezember) immer noch der Vorwurf der Gleichberechtigungsbeauftragten der Polnischen Regierung, Agnieszka Koz³owska-Rajewicz, im Raum steht, die Bischöfe hätten mit diesem Schreiben „gegen Wissenschaft und Europäisches Recht“ verstoßen.

Eine kaum kaschierte Drohung, auf welche einzelne Bischöfe, laut der Zeitung „Rzeczpospolita“, inzwischen mit Briefen an die Beauftragte reagiert haben. So der eher öffentlichkeitsscheue Primas von Polen, Józef Kowalczyk, der Metropolit von Breslau Józef Kupny und Bischöfe kleinerer Diözesen. Der Bischof von Lodz, Marek Jêdraszewski, bringt das derzeitige Gerangel auf den Punkt. Gegenüber Wissenschaftlern sagte er kürzlich: „Das Alte kehrt zurück, wenn die Klugen dieser Welt dem Bischof vorschreiben, worüber er zu reden hat.“ Eine deutliche Anspielung auf das kommunistische System, deren Funktionäre und Fangarme im gegenwärtigen polnischen Polit- und Gerichts-System offenbar immer noch spürbar sind. Wie auch ein aktuelles Buch zeigt, das im katholisch-konservativen Verlag „Fronda“ erschienen ist – unter dem Titel: „Resortowe dzieci“ (Ressort-Kinder). Eine ebenso gründliche wie umfangreiche Recherche liegt dem Buch zugrunde, die belegt, wie eng viele Journalisten des öffentlich-rechtlichen Systems mit dem roten Filz in Berührung standen und stehen. Ein Bestseller, dessen weitere Verbreitung das Gericht jetzt untersagt hat, weil einer der im Buch behandelten Personen, der „Gazeta Wyborcza“-Journalist Jacek ¯akowski dagegen geklagt hat, dass sein Gesicht ohne seine Einwilligung auf dem Cover des Buches zu sehen ist. Die Reaktion von „Fronda“ ließ nicht lange auf sich warten. Das Buch wird weiter vertrieben, an der Stelle, wo ¯akowskis Gesicht zu sehen war, ist jetzt ein schwarzer Fleck. Visuelle Selbstzensur, aber mit unverändertem Inhalt.

Dass katholische Journalisten unter derartigen Bedingungen kein leichtes Leben im öffentlich-rechtlichen Sender TVP haben, ist leicht zu verstehen. Als der dynamische Talk-Show-Moderator Jan Pospieszalski, einer der letzten verbliebenen Journalisten des Senders, der aus seinem katholischen Glauben keinen Hehl macht, Mitte Januar den früheren und ebenfalls gläubigen Chefredakteur der Nachrichtensendung „Wiadomoœci“, Jacek Karnowski, in die Sendung einlud, reagierte die Programmleitung mit Empörung. Die Sendung wurde kurzerhand abgesetzt, weil Karnowski angeblich Hausverbot habe. Auf die Nachfrage, warum, er sei doch Chefredakteur der wichtigsten Sendung von TVP gewesen, kam vom Pressesprecher nur die Antwort: „Wegen seiner Moral.“ Was bei dem verheirateten Mann, der Vater von zwei Kindern ist, und dem – im Unterschied zu vielen TVP-Stars – keinerlei Affären nachgesagt werden können, schon eine sehr perfide Erklärung ist. Moral, das war in diesem Fall wohl eher das Codewort für kirchentreuen Glauben, der in postkommunistischen Kreisen nicht erwünscht ist.

Mit dem kirchentreuen Glauben hat allerdings auch der Journalist Jaros³aw Makowski so seine Probleme. In anderer Hinsicht. Nach dem Studium an der Päpstlichen Akademie in Krakau und bei den Jesuiten in Warschau, hat sich der Vierzigjährige zu einem der gefährlichsten öffentlichen Kritiker der Kirche Polens entwickelt. Für die „Gazeta Wyborcza“ schreibt Makowski regelmäßig in aggressiver Weise über das kirchliche Leben, und wird aufgrund seiner Studien zum Kirchenexperten geadelt.

Für den Gender-Brief der Bischöfe hatte Makowski nur Hohn und Verachtung übrig. Schon der Titel seiner Kolumne, „Priester – hört auf damit, so einen Blödsinn zu sagen“, strotzte vor Aggression. Im Artikel selbst verglich er die katholischen Universitäten mit „Ausnüchterungszellen“, um am Ende des Textes das „Volk Gottes“ zur „Revolution gegen Priester“ aufzurufen. Dabei ist Makowski nur ein Teilzeit-Journalist, leitet er doch hauptberuflich das an die Regierungspartei PO angegliederte Bürger-Institut („Instytut Obywatelski“), das als „Think Tank“ von Premier Donald Tusk gilt. „Wir denken, um zu handeln, wir handeln, um die Realität zu ändern”, lautet das offizielle Motto dieser Einrichtung, zu deren Zielen das „Zeigen der Gefahren für das öffentliche Leben“ und die „Steigerung des Niveaus der öffentlichen Debatte“ zählen.

Man kann nur hoffen, dass bis zum Jubiläumsjahr 2016 das Niveau tatsächlich noch gesteigert wird und nicht allein aus antiklerikalen Attacken und Schikanen besteht.

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