Polen: Erzbischof Schick mahnt verantwortlichem Umgang an

Bischöfe sorgen sich um deutsch-polnische Beziehungen – Sejm-Gutachten nennt polnische Reparationsforderungen „rechtens“
Beata Szydlo
Foto: dpa | Nennt Reparationen „eine Frage der Gerechtigkeit“: Polens Ministerpräsidentin Beata Szydlo.

Bonn/Warschau (DT/KNA) Nach ihren polnischen Amtskollegen haben sich auch die deutschen Bischöfe zu den aktuellen Spannungen im Verhältnis beider Länder zu Wort gemeldet. „Als katholische Kirche in Polen und Deutschland ist es seit Jahrzehnten unser Anliegen, Versöhnung und Frieden zwischen Polen und Deutschland zu fördern“, erklärte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick am Montag in Bonn. „Immer wieder bescheinigen uns Politiker, dass die Kirchen der Politik im Friedensprozess unserer Nationen vorangegangen sind“, so Schick weiter. „Wir haben deshalb jetzt die Pflicht und das Recht darauf hinzuweisen, dass diese Errungenschaften nicht aufs Spiel gesetzt werden dürfen, sondern fortgesetzt werden müssen.“ Ein friedliches und solidarisches Zusammenleben von Polen und Deutschland trage zur Stabilität ganz Europas bei, betonte Schick. „Deshalb brauchen wir einen verantwortlichen Umgang mit diesen sensiblen Beziehungen.“ Schick ist seitens der Deutschen Bischofskonferenz Vorsitzender der seit 1995 bestehenden deutsch-polnischen Kontaktgruppe. Polnischer Co-Vorsitzender ist der Bischof von Gliwice (Gleiwitz), Jan Kopiec.

Die polnischen Bischöfe hatten am Freitag vor Stimmungsmache gegen Deutschland gewarnt. Anlass sind Forderungen polnischer Politiker nach deutschen Kriegsreparationen. Das Wort „Versöhnung“ bestimme seit mehr als einem Vierteljahrhundert die deutsch-polnischen Beziehungen, heißt es in der Erklärung. „Wir sind uns jedoch bewusst, dass dies leicht durch gedankenlose Entscheidungen und sogar durch übereilt ausgesprochene Worte verloren gehen kann.“ In Polen sprechen sich Politiker der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) seit Wochen für Entschädigungszahlungen von Deutschland für die immensen Verluste des Landes durch den deutschen Vernichtungskampf im Zweiten Weltkrieg aus. Die Rede ist von mindestens 840 Milliarden Euro. Eine Sprecherin der Bundesregierung hatte Anfang August betont, Polen habe im Jahr 1953 verbindlich und für ganz Deutschland auf weitere Reparationsleistungen verzichtet. Die Frage der Kriegsentschädigung sei abschließend geregelt.

Unterdessen veröffentlichte der Sejm am Montag ein vom wissenschaftlichen Dienst des Unterhauses des polnischen Parlaments verfasstes Gutachtens. Demzufolge sei Deutschland immer noch zu Kriegsreparationen an Polen verpflichtet. Es sei rechtens, dass die Republik Polen einen Anspruch auf Entschädigungen von der Bundesrepublik Deutschland erhebe. Die einseitige Erklärung der polnischen Regierung vom 23. August 1953 über den Verzicht auf weitere Kriegsreparationen habe nur für die DDR gegolten. Zudem habe der damalige Beschluss des Ministerrates gegen die polnische Verfassung verstoßen, weil nicht der Ministerrat, sondern der Staatsrat für die Ratifizierung und Kündigung von völkerrechtlichen Verträgen zuständig gewesen sei. Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjährten laut dem Völkerrecht nicht. Das Gleiche gelte für Entschädigungen für solche Verbrechen, so das Gutachten. Polens Regierungschefin Beata Szydlo hatte zuletzt am Samstag Polens Anspruch auf Kriegsreparationen bekräftigt. Bevor Warschau offiziell eine Entschädigung fordere, solle zunächst das Sejm-Gutachten abgewartet werden.

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