Würzburg

Plädoyer für einen Konservativismus der Zukunft

Nach der Postmoderne: Wie Konstruktivismus und Identitätspolitik überwunden werden können. Ein Beitrag zu einer Themen-Agenda für einen zukunftsfähigen Konservativismus.

Akropolis in Athen
Eine Leistung, die „alte weiße Männer“ hervorgebracht haben: die attische Demokratie - die Akropolis in Athen. Foto: Stylianos_Axiotis (ANA)

Wie ist der Zustand der in die Jahre gekommenen Postmoderne, was ist ihre Problematik und was kommt eigentlich nach ihr? Der neuzeitliche universale Fortschrittsglaube, seine Objektivität und Erkennbarkeit sind in der Postmoderne prekär geworden. Diese Ideen werden nun als zeitgebunden, kontextuell, westlich und illusionär wahrgenommen, als Erzählungen, Narrative unter anderen Narrativen. Wird diese postmoderne Weltsicht, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hegemonial wurde, radikalisiert – in dieser Phase befinden wir uns jetzt – so schlägt sie um in neue, freilich partikulare Gewissheiten, die aber einen universalen Anspruch gebären. Teilgruppen der Gesellschaft lösen sich zunächst von einem allgemein geteilten Rationalitätsverständnis und Wertefundament ab und entwickeln ihre Weltdeutung allein aus ihrer Binnensicht heraus. Das sind die Identitätspolitiken von immer neuen Opfergruppen, angefangen bei den ethnischen und religiösen Minderheiten, den Frauen und Schwarzen, den Kommunisten und Linken, den Trans- und Intersexuellen, kurzum, den Opfern der Herrschaft des alten weißen Mannes. Dass sich auch Männergruppen von sogenannten Maskulinisten bilden zeigt, dass am Ende die Gesellschaft komplett in einen Pluralismus von staatliche Gleichstellungs- und Anerkennungspolitik fordernden Minderheiten zerfällt, der tendenziell die ganze Menschheit abbildet.

Es steigt der Bedarf an Tätern

Die Berücksichtigung der Partikularinteressen und freihändig konstruierten Opferidentitäten wird zu dem neuen allgemeinverbindlichen moralischen Postulat, das die Politik kolonisiert. Damit steigt auch der Bedarf an Tätern; er wird einerseits durch Abstrakta (Geschichte, Staat, Nation, herrschende Klassen etc.) gestillt, benötigt andererseits aber auch einzelne Repräsentanten, aus denen gnadenlos und für die Postmoderne erschreckend unironisch ein Feindbild konstruiert werden kann.

Konstruiert! Der radikale Konstruktivismus ist zu einer Alltags- und Hintergrundphilosophie unserer Tage geworden. Zwei erhellende Zitate des Doyens des radikalen Konstruktivismus, Ernst von Glasersfeld, beleuchten dessen Dogmatik: „Wenn Zeit und Raum Koordinaten oder Ordnungsprinzipien unseres Erlebens sind, dann können wir uns Dinge jenseits der Erlebenswelt überhaupt nicht vorstellen, denn Form, Struktur, Ablauf von Vorgängen und Anordnung irgendwelcher Art sind ohne dieses Koordinatensystem im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar. Was wir Wissen nennen, kann demnach unmöglich Abbild oder Repräsentation einer vom Erleben unberührten ,Realität‘ sein. Die Suche nach Wissen, das nur dann im herkömmlichen Sinn ,wahr‘ sein kann, wenn es wahrheitsgetreu mit ,an sich‘ existierenden Objekten übereinstimmt, ist dann illusorisch.“ Das zweite Zitat lautet: „Der radikale Konstruktivismus ist also vor allem deswegen radikal, weil er mit der Konvention bricht und eine Erkenntnistheorie entwickelt, in der die Erkenntnis nicht mehr eine ,objektive‘, ontologische Wirklichkeit betrifft, sondern ausschließlich die Ordnung und Organisation von Erfahrungen in der Welt unseres Erlebens. Der radikale Konstruktivist hat ein für alle Mal dem ,metaphysischen Realismus‘ abgeschworen … “

Die größte Waffe ist die Moralität

Die Wahrheitsfähigkeit einer Aussage hängt damit nicht mehr in einer Realität, an der Übereinstimmung mit einer Sache, sie ist allein funktionalistisch oder pragmatistisch ein Erfolgs- und damit ein Durchsetzungskriterium. Diese Durchsetzung der eigenen Wahrheit geschieht aber nicht mehr auf dem Schlachtfeld, vielmehr ist die größte Waffe die Moralität, das schlechte Gewissen, was die selbst ernannten Opfer den von ihnen ernannten Tätern einpflanzen. Diese Form der Moral ist, wie Friedrich Nietzsche in der „Genealogie der Moral“ ausführt, eine Erfindung des Ressentiments, um die Starken, Mutigen, Vornehmen zu brechen und deren Werte umzuwerten – ein Vorgang der derzeit in actu im Hinblick auf die alten weißen Männer und ihre ja doch sehr beachtlichen Leistungen zu beobachten ist.

Diese Leistungen reichen von der attischen Demokratie bis zum römischen Recht, von der griechischen Tragödie bis zur romantischen und dann modernen Oper, von der griechischen Plastik bis zum Impressionismus und Expressionismus und zu Pablo Picasso, von den Sakral- und Profanbauten der Romanik, Gotik, Renaissance, des Barock und Rokoko bis zum Bauhaus, vom „Projekt des Westens“ (Heinrich August Winkler) mit Menschenrechten, Rechtsstaat, bürgerlicher Freiheit und Individualismus bis zur Emanzipation von Minderheiten, vom hippokratischen Eid bis zur Patentierung des Penicillins, von der Erfindung des Rades über das Automobil bis zur Raumfahrt, die dann in die USA exportiert wurde, von der arbeitsteiligen Manufaktur bis zur technisierten Fabrik, von der Atomtheorie Demokrits bis zur Allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins.

Den Konstruktivismus gegen sich selbst wenden

Ein bloßes Beschwören von Wahrheiten oder gar von Traditionen oder der Natur des Menschen, der Religion oder Ähnlichem ist durch diese Konstellation jedenfalls doppelt in der Defensive. Ist diese Haltung naturgemäß schon re-aktiv, so hat sie nun noch eine erkenntnis- und begründungstheoretische offene Flanke. Zudem ist sie durch die allfällige permanente und machtgestützte Moralisierung schon so schwach geworden, dass sie immer nur Rückzugsgefechte führt, Modifikationen am herrschenden Konsens anzubringen versucht, bevor er diese dann aufgrund neuer Bedrohungen wieder räumt.

Als Ausweg bleibt in der gegenwärtigen Lage erstens, den Konstruktivismus gegen sich selbst zu wenden. Zum einen in praktischer Absicht: Auf die Konstrukte Gender oder soziale Ungleichheit lässt sich die konstruktivistische Relativierung selbst leicht anwenden, hier, bei diesen gesellschaftlich konstruierten politischen Epiphänomenen, hat er übrigens auch sein Recht, denn man kann leicht zeigen, wie hoch der Anteil der interessengetriebenen Erfindungen beim Thema Gender ist, wie Armut als Abweichung von Durchschnittseinkommen erfunden wurde, demnach man in Katar mit 100.000 Dollar arm wäre.

Beim Thema Geschlecht zeigt ein Blick auf Genetik und Biologie die Grundlagen sozialer und kultureller Tatsachen, nämlich die Geschlechtschromosomen, die bei Säugetieren bestimmen, ob ein Individuum männlich oder weiblich ist. Dies trifft zu fast 100 Prozent zu, die wenigen Ausnahmen entstehen durch chromosomale oder genetische Aberrationen, wo dann der Phänotyp vom Genotyp abweichen kann oder zwischengeschlechtliche Ausprägungen von sekundären Geschlechtsmerkmalen hervorbringen kann. Auch Populationen teilen genetische Gemeinsamkeiten und können, je nach Population und verwendetem genetischem Marker und Analysemethode mehr oder weniger zuverlässig identifiziert werden. Das ist die Geschäftsgrundlage von Unternehmen wie MyHeritage, 23andMe oder Ancestry.de mit DNA-Tests, welche die eigene geographische Abstammung zeigen und dabei die individuellen Mischungsverhältnisse väterlicherseits und mütterlicherseits, die immer gegeben sind, ans Licht bringen. Genetische Zuordnungen in der Medikation und etwa Alkoholunverträglichkeit bei Asiaten zeigen weiterhin, dass Ethnien und Populationen keine reinen Erfindungen ex nihilo sind, wie es die konstruktivistische Nationalismusforschung deklariert. Damit soll natürlich keinem biologistischen Determinismus das Wort geredet werden, der Mensch ist ein Kulturwesen, das aber eben spezifische, durchaus auch veränderbare biologische Grundlagen besitzt, die man nicht ausblenden kann.

Ideologien lassen Irrtümer mehrheitsfähig werden

Gesellschaftliche Konstruktionen wie die radikale Gendertheorie indizieren jedenfalls nicht, dass es keine Wahrheitsfähigkeit von Aussagen gibt: Ideologien verblenden und vernebeln und lassen Irrtümer mehrheitsfähig werden, die Wahrheit bleibt davon unberührt, sie muss nur wieder entschleiert werden, Aletheia heißt ja das Un-Verborgene oder mit Martin Heidegger die „Unverborgenheit“.

Zum zweiten gibt es zahlreiche erkenntnistheoretische Argumente gegen den radikalen Konstruktivismus. So ist der Konstruktivismus mit seinen eigenen Annahmen nicht begründungsfähig, denn jede Begründung ist nicht stabil und kann relativiert werden, wie der Philosoph Paul Boghossian in seinem Buch „Angst vor der Wahrheit““ eindringlich gezeigt hat: „An jedem Punkt des drohenden Regresses muss der Relativist verneinen, dass die Behauptung an diesem Punkt einfach nur wahr sein kann, und wird darauf bestehen müssen, dass sie nur relativ zu einer Theorie wahr ist, die wir befürworten.“
Ist der radikale Konstruktivismus überwunden, so geht es darum, mit einem „neuen Realismus“ oder Anschluss an den kritischen Realismus klassischer Prägung – auch Thomas von Aquin war kein naiver Realist, sondern schrieb in seiner Summa Theologiae: „Cognitum autem est in cognoscente secundum modum cognoscentis.“ –, über die eigene Perspektive hinausgehende Aussagen über die Realität zu treffen. Diese sollten einen allgemeinen Anspruch erheben können, indem sie die Standortgebundenheit, die eigene Gruppenzugehörigkeit und Identität reflektieren, dadurch und dabei aber an der Möglichkeit intersubjektiver Geltungsansprüche und an der Wahrheitsfähigkeit von Aussagen festhalten.  Genese und Geltung von Aussagen müssen separat herausgearbeitet und beurteilt werden.

So können einerseits in einer Wendung des Konstruktivismus gegen sich selbst die grassierenden Opfernarrative auf ihre politischen und sozialen Funktionen und Entstehungsbedingungen zurückgeführt werden und ihr Verbindlichkeitsanspruch relativiert werden. Andererseits können etwa die oben geschilderten Leistungen der europäischen Geschichte anerkannt und gewürdigt werden, ohne die spezifischen Hervorbringungen anderer Kulturen zu ignorieren. Schließlich kann ein begrenzter erkenntnistheoretischer Optimismus aus den Aporien der Postmoderne hinausführen: Wir wissen und können nicht alles, aber wir können und müssen an der Erkenntnis der Wirklichkeit, der Lage, der Theorie arbeiten und daraus Konsequenzen ziehen.

Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neuste Geschichte an der Universität Würzburg

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