Münster

Paul Cullen soll mundtot gemacht werden

Wie ein Medizinprofessor und Lebensschützer an der Universität mundtot gemacht werden soll.

Anfeindungen gegen Paul Cullen
ARCHIV - 26.10.2011, Bayern, München: Studenten sitzen in einem großen Hörsaal der Technischen Universität (TUM). Die Abschaffung der Studiengebühren, das strikte Rauchverbot oder die Streichung des bayerischen Senats: Viele Gesetze, die heute in Bayern gelten, wurden nicht von d... Foto: Peter Kneffel (dpa)

Eine Gruppe Studenten an der Universität Münster will sich gegen Diskriminierung und für Gleichstellung engagieren: gegen „Frauenfeindlichkeit“, „strukturellen Antisemitismus“, „Verschwörungstheorien“. Aber das sind auch Kampfbegriffe, mit der sie einen Streiter für das Leben der Kleinen und Schwachen aus dem Lehrbetrieb entfernen wollen. Paul Cullen, der an der medizinischen Fakultät der Westfälischen Wilhelmsuniversität klinische Chemie lehrt, ist in die Schusslinie des „Allgemeinen Studenten-Ausschuss“ (AStA) und der „Kritischen Mediziner Münster“ geraten, die es offenbar auf den Vorsitzenden der „Ärzte für das Leben e.V.“ abgesehen haben.

In erster Linie wirft man Cullen aufgrund seines Engagements gegen Abtreibung und Sterbehilfe vor, „antifeministische und antiemanzipatorische Standpunkte“ zu vertreten und „dabei konservativen bis fundamentalistischen Ideologien, die wissenschaftliche Erkenntnisse bewusst falsch interpretieren und gezielt umwerten“, das Wort zu reden.

Cullen werden "Extrempositionen" vorgeworfen

So macht der „AStA“ Cullen zum Vorwurf, er verträte Extrempositionen, da er vom Lebensbeginn „ab der Zeugung“ ausgehe und „Schwangerschaftsabbrüche“ als Tötungen ansähe. „Mit diesen Positionen spricht Professor Cullen schwangeren Menschen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung ab und möchte ihre Entscheidungsfreiheit gesetzlich weiter einschränken.“ Das „Wohl der Frau“ als Argument vorschützend, verträte Cullen „antifeministische und antiemanzipatorische Standpunkte und folgt dabei konservativen bis fundamentalistischen Ideologien, die wissenschaftliche Erkenntnisse bewusst falsch interpretieren (Stichwort Belastung durch Abbrüche) und gezielt umwerten“, heißt es in einer Aussendung des „AStA“ und der „kritischen Mediziner“.

Gegenüber dieser Zeitung verwahrt sich Cullen gegen den Vorwurf, das Selbstbestimmungsrecht von Menschen anzutasten: „Mit solchen Pauschalvorwürfen, die der Verleumdung sehr nahe kommen, will man nicht diskutieren, sondern seinen Gegner mundtot machen. Wie Plutarch schon sagte: ,Verleumde nur dreist, es bleibt immer etwas hängen‘.“ Denn das Selbstbestimmungsrecht dürfte auch für das ungeborene Leben reklamiert werden, wie es auch im Entschluss zum Geschlechtsverkehr realisiert wurde.

Angesichts der Corona-Pandemie werfen ihm die studentischen Organisationen zudem vor, seine kritische Begleitung der Impfkampagne gegen Covid-19 rücke ihn in die Nähe von „Coronaleugnern“.

Es gibt auch Solidarität mit Cullen

Doch die Kampagne des „AStA“ und der „kritischen Mediziner“ hat auch Studenten mobilisiert, die sich mit Cullen solidarisch zeigen. Es gehe, wie es in einer Online-Petition heißt, um eine „ganz persönliche Agenda“ gegen Cullen: „Anstatt sich sachlich mit Inhalten auseinanderzusetzen, wird er pauschal diffamiert und in Schubladen gesteckt, in die er sicher nicht hineingehört“. Zwar deckten sich Cullens Ansichten nicht immer mit denen der Mehrheit, aber in der Frage, wann das Leben begänne, werde es vermutlich „nie einen letzten Konsens geben“. Daher appelliert die Petition an die Freiheit der Wissenschaft und zitiert aus einem offenen Schreiben Cullens an die Studenten der Münsteraner Universität: „Streit an Universitäten ist der Jungbrunnen für die Gesellschaft. Ich bin mir sicher, dass es Ihnen zuzumuten ist, etwas über Diabetes von mir zu erlernen, während ich in einem anderen Thema eine andere Meinung als Sie habe. Wehren Sie sich gegen die Entmündigung. Der Aktionismus Ihrer Kommilitonen ist eine Anmaßung.“

Wie die Studenten, die ihm nun Rückendeckung geben, sieht Cullen den Kern der Auseinandersetzung mit dem „AStA“ und den „kritischen Medizinern“ in dem Versuch, unpopuläre Meinungen im öffentlichen Diskurs zu verbieten, offen zutage treten: „Das nennt man ,cancel culture‘ und hat in anderen Ländern, insbesondere in den Vereinigten Staaten, bereits ein verheerendes Ausmaß angenommen.“

Prof. Paul Cullen

Mit dem Hinweis auf die aus den USA immer stärker nach Europa ausstrahlende „cancel culture“ spielt Cullen auf die Methoden der extremen Linken an, Diskurshoheit auch an Universitäten und im Wissenschaftsbetrieb durchzusetzen. Darin folgt die „woke“-Bewegung dem kommunistischen Vordenker und politischen Analysten Saul D. Alinsky, der in seinen „Rules for radicals“ bereits 1971 die Devise ausgab: „Wähle das Opfer aus. Bringe es zum erstarren. Mache die Sache persönlich. Polarisiere. Schneide es von seinem Netzwerk von Unterstützern ab. Isoliere es von wohlwollenden Stimmen. Attackiere Menschen und keine Institutionen. Menschen kann man schneller wehtun als Institutionen.“

Er soll als Antisemit diskreditiert werden

Der „AStA“ hat nämlich nicht bloß das Lebensschutz-Engagement Cullens angegriffen, sondern möchte ihn als Antisemiten diskreditieren, da er 2016 im Vorfeld der Abtreibungsabstimmung in Irland gesagt hatte, dass die Pro-Abtreibungsseite von „mächtigen Finanzinteressen wie der Soros-Stiftung, Chuck Feeney's Atlantic Philanthropies und der Bill und Melinda Gates-Stiftung“ unterstützt werde, was nach Recherchen dieser Zeitung auch zutrifft. Der in der Reihe genannte Investor George Soros ist gebürtiger Ungar, seine Familie war während des Zweiten Weltkrieges der Judenverfolgung ausgesetzt. Er  konnte nach England emigrieren und entkam so dem Holocaust. In der Debatte über die Bewertung der Aktivitäten seiner Stiftung, die weltweit linksliberal orientierte Nichtregierungsorganisationen unterstützt – und eben auch eine liberale Abtreibungspolitik in vielen Ländern der Welt fördert und zum Durchbruch verhilft –, sehen sich Kritiker regelmäßig mit dem Vorwurf konfrontiert, mit ihrer Kritik rückten sie in die Nähe des Antisemitismus. Mit Blick auf Cullen stellte der „AStA“ fest, dieser leiste einem „antisemitischen Mythos“ Vorschub . „Dieser Vorwurf ist absurd. Ich weise ihn mit aller Schärfe ab“, so Cullen.

Auch aus den Reihen des RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) findet Cullen Unterstützung. Matthias Lehmann, der bis letztes Jahr Vorsitzender des RCDS war und im Studentenparlament vertreten ist, berichtet, dass der „AStA“ die Meinung zu vertreten scheine, dass „was man außerhalb der Uni sagt, sich auch in der Uni wiederspiegle. Das würde natürlich zu einer Ideologisierung des Wissenschaftsbetriebs führen.“ Der RCDS Münster habe im Studentenparlament gegen die Resolution gegen Cullen gestimmt, „da er aus unserer Sicht eine Position vertritt, die genau wie andere auch von der Meinungsfreiheit gedeckt ist“.

Unterdessen prüft die Universität Münster nach Informationen der „Tagespost“, ob sich aus den Vorwürfen gegen Cullen dienstrechtliche Konsequenzen ergeben; dagegen stand der „AStA“ bis Redaktionsschluss für eine Anfrage nicht zur Verfügung. Cullen vermutet, dass an ihm ein Exempel statuiert werden soll, „damit niemand mehr an einer deutschen Universität sich traut, für das Grund-Menschenrecht, nämlich das Recht auf Leben, einzutreten“. Der AStA verfolge eine politische Agenda, die unter anderem „die so gut wie totale Abschaffung des Lebensrechts von Kindern vor ihrer Geburt einschließt“.

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