Palästina steuert auf irakische Verhältnisse zu

Die Kirche im Heiligen Land blickt auf ein schwieriges Jahr zurück – Noch immer gibt es keine Einigung mit Israel über Visa und Grundsteuern – Lichtblick war der Papstbesuch

Seine Seligkeit Fouad Twal wirkt müde. Der Lateinische Patriarch von Jerusalem scheint den Schwung seiner ersten Amtsmonate 2008 fast verloren zu haben. Seit dem israelischen Militärschlag gegen den Hamas-regierten Gazastreifen liegt ein Schatten über seinem optimistischen Wesen. Zu diesem Weihnachtsfest jährte sich der Beginn der „Operation Gegossenes Blei“, die mehr als 1 300 Todesopfer forderte und hunderttausende Menschen in Trümmern zurückließ. Es folgten die israelischen Wahlen im Februar, die eine rechtsnationale Regierung mit Absage an einen Ausgleich mit den Palästinensern an die Macht brachten. Und der neue US-Präsident Barack Obama, der von manchen geradezu als potenzieller Messias gehandelt wurde, ließ seinen vielversprechenden Anfangsworten keine Taten folgen. Die Sorgen-Liste des Patriarchen ließe sich noch lange fortsetzen.

Benedikt vollbrachte ein diplomatisches Bravourstück

Einen Höhepunkt hatte 2009 dennoch aus seiner Sicht: Den Besuch Benedikts XVI. Acht Tage lang begleitete Twal das Kirchenoberhaupt im Mai auf seiner Reise durch Jordanien, Israel und die Palästinensergebiete. Kompliziert war diese Visite, vor allem in Jerusalem wurde die Jubelstimmung von den Sicherheitsmaßnahmen regelrecht erdrosselt. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem stieß der deutsche Papst auf ganz bestimmte Erwartungen der israelischen Gesellschaft, die sich durch seine Worte enttäuscht sah. Und in Bethlehem vor der Kulisse des riesigen israelischen Sperrwalls hatte der Papst einen diplomatischen Drahtseilakt zu bewältigen – wobei es ihm gelang, die Palästinenser in ihrer schwierigen Situation ernst zu nehmen, ohne dass ihm von israelischer Seite einseitige Parteinahme nachgesagt wurde. Ein Bravourstück. Vor allem aber vermittelte das Kirchenoberhaupt der geprüften christlichen Minderheit mit aufrichtiger Anteilnahme, dass die Weltkirche um ihr Schicksal weiß und ihr zur Seite stehen will. Nachdem sein Besuch im Vorfeld unter den arabischen Christen wegen der politischen Interpretierbarkeit heftig umstritten gewesen war, wurde Benedikt XVI. bei seinem Abschiedsgottesdienst in Nazareth von Tausenden frenetisch gefeiert. „Der Papst hat uns allen Mut gemacht und uns gezeigt, dass wir nicht allein sind“, sagten am Ende die beiden katholisch-westlichen Führer im Land, Patriarch Twal und Franziskanerkustos Pierbattista Pizzaballa.

Konkret greifbare Ergebnisse allerdings, setzt der Patriarch nach, seien leider ausgeblieben: „Unsere Situation ist eher noch schlechter geworden“. Von Hoffnung auf Frieden wagt unter den palästinensischen Christen kaum noch jemand zu sprechen, seit eine Zweistaaten-Lösung mit Regierungschef „Bibi“ Netanjahu in weite Ferne gerückt scheint. Unter den Augen der passiven Mehrheit in Israel schaffen radikale Minderheiten Fakten: Im arabischen Ostjerusalem wird durch Bau- und Zerstörungsmaßnahmen eine Teilung der „ewigen Hauptstadt Israels“ unmöglich gemacht. Die aktuelle hitzige Diskussion um einen – vorübergehenden – Baustopp in den israelischen Siedlungen auf besetztem palästinensischem Gebiet zeigt, wohin die Entwicklung geht. Diplomaten warnen vor der Gewaltbereitschaft der Radikalen: Die Sicherheitskräfte hätten die Bewegung nicht im Griff. Siedlerorganisationen trommeln für Anti-Baustopp-Demonstrationen Zehntausende zusammen – mehr als die Hälfte davon ist unter 30. Eine neue Generation wächst in Israel heran, in der Werte wie Toleranz und Versöhnung an Bedeutung zu verlieren scheinen.

Unter den Palästinensern hingegen grassieren Hoffnungs- und Ratlosigkeit. Die grauenhaften Bilder vom „Gaza-Krieg“ haben sich tief in die palästinensische Seele eingegraben, auch im Westjordanland und in Israel. Mangelnde Bewegungsfreiheit, Arbeitslosigkeit und ständige Konfrontation mit Schikanen machen die Menschen mürbe, die Gewalt in den Familien nimmt zu. Der Riss zwischen den politischen Ansichten, wie auf die israelische Politik zu antworten sei – mit Kompromissbereitschaft und weiteren Verhandlungen oder „ohne falsche Illusionen“ und notfalls mit Gewalt – geht mitten durch die Clans. Viele fürchten, dass das palästinensische Volk mit wachsender Geschwindigkeit auf irakische Verhältnisse zusteuert. Die arabischen Christen, die traditionell eher friedlichen Lösungen zugeneigt sind, sehen sich wie die moderaten Muslime erstarkenden islamistischen Strömungen in ihrer Gesellschaft gegenüber.

Selbst jene, die vor Jahren noch voller Idealismus am Aufbau eines Staates Palästina mitarbeiten wollten, verstummen langsam: Die katholische Chefärztin des renommierten Caritas Baby-Hospitals etwa, Hiyam Marzouka, kehrte einst nach ihrer Ausbildung in Deutschland bewusst in ihre Heimat zurück, um ihren Beitrag zur Zukunft ihres Volkes zu leisten. Damit wollte sie auch ein Zeichen gegen die stetige Abwanderung der alteingesessenen Christen setzen. Heute sagt sie: „Ich habe es nicht bereut – aber ich weiß nicht, ob ich will, dass meine Kinder hier bleiben.“ Eine Stimme von vielen. Die Auswanderung des Kirchenvolkes bleibt eine große Sorge der Kirche im Heiligen Land. Wer kann, hält zumindest seinen Kindern die Option Ausland offen. Wie sehr auch die palästinensischen Christen an ihrer – und Jesu – Heimat hängen: Ohne Frieden, dass wissen die Kirchenführer, wird diese Tendenz nicht zu stoppen sein.

Aber auch die kirchlichen Einrichtungen selbst fühlen sich auf brüchigem Boden im Land ihrer Ursprünge. Ein Barometer für die Stimmung ist die alle Jahre neu aufflackernde Visa-Frage. Für viele kirchliche Häuser, in denen sich die Vielfalt der Weltkirche spiegelt, geht es dabei ums nackte Überleben. Ausländisches Kirchenpersonal bekommt derzeit kaum mehr als Einjahresvisa, wobei die Prüfung der Einzelfälle weiter verschärft wurde. Besonders prekär ist die Situation für das Lateinische Patriarchat mit seinem arabischen Klerus. Während Israel auf sein besonderes Sicherheitsbedürfnis verweist, pocht die Kirche auf ihre tiefe Verbindung zu der Region, ihre pastoralen Verpflichtungen und den grundsätzlich gewaltmindernden Einfluss ihres Personals. Da allerdings auch Widerspruch gegen die israelische Politik dort mit Unwillen aufgenommen wird, und der kirchliche Klerus kaum zu verbalen Streicheleinheiten für Israels Vorgehen neigt, liegt die Visafrage ständig im Argen: Kustos Pizzaballa bezeichnet die Lage als „nervtötend“: Das Prozedere ziehe sich endlos in die Länge, nie wisse man, ob Visa zu bekommen seien und wann.

Für Verunsicherung sorgt unter Kirchenvertretern auch das Vorgehen israelischer Behörden bei der Entwicklung touristischer Projekte auf biblischem Gelände oder in der Stadtplanung. Da Kooperation und Absprache nur selten zum Stil der Beamten gehören, fürchten die kirchlichen Häuser ständig, von Baumaßnahmen im Stil eines „biblischen Disneylands“ neben dem Berg der Seligpreisungen, eines Touristenpfads um den See Genezareth, einer Seilbahn auf den Ölberg oder einfach von Straßenbauprojekten durch ihre Grundstücke aus der Zeitung zu erfahren. Oder durch ein trockenes Schriftstück, wenn es zu spät für Protest ist.

Eine Wurzel des Misstrauens ist die Unklarheit über Status, Rechte und Pflichten der kirchlichen Häuser. Während der Grundlagenvertrag zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl von 1993 sowie ein Folgeabkommen über den Rechtsstatus bis heute der Ratifizierung durch die Knesset harren, schleppen die Verhandlungen über Finanz- und Steuerfragen sich bis heute ohne Ergebnis dahin. Zuletzt hatten offenbar beide Seiten auf einen baldigen Abschluss gehofft – doch nach der Plenarversammlung am 10. Dezember im Vatikan ließ der israelische Verhandlungsführer Daniel Ayalon die Medien von einer Krise wissen: Die kirchliche Delegation fordere Garantien für ihre heiligen Stätten, welche Israel nicht geben könne.

Millionenforderungen von israelischen Finanzämtern

In den Verhandlungen tritt ein Interessenkonflikt zutage: Die Kirche hat ihre historische Präsenz im Heiligen Land im Blick. Viele Häuser haben lange Tradition und vergleichsweise große, unter Mühen erworbene und verteidigte Grundstücke an biblisch bedeutsamen Stätten – aber kaum Einnahmen. Sollten die Eigentümer etwa die übliche Grundsteuer bezahlen, müssten viele Häuser schließen. Israel hingegen sieht nicht ein, warum seine staatliche Oberhoheit beschneiden – und fürchtet bei Zugeständnissen entsprechende Forderungen anderer religiöser Gemeinschaften. So wird weiter um einen Kompromiss gerungen. Unterdessen stapeln sich in kirchlichen Häusern unbeglichene Steuerbescheide, zum Teil mit Rückforderungen in Millionenhöhe. Denn so manches Finanzamt kümmert sich wenig um die Abmachung auf oberster Ebene, dass bis zum Inkraftreten einer endgültigen Übereinkunft die bisherige historische Steuerfreiheit für die kirchlichen Einrichtungen zu gelten habe.

Angesichts solch eines komplizierten Umfeldes, so Kustos Pizzaballa, habe Benedikt XVI. bei seinem Besuch im Mai ein „prophetisches Beispiel“ gegeben. Ohne Missstände unter den Tisch zu kehren, aber auch ohne jede Polemik habe er die Position der Kirche dargelegt. „Der Papst hat seine Hände in alle Richtungen ausgestreckt“, so der oberste Franziskaner im Heiligen Land. „Er war innerlich frei und hat sich den vorgefertigten Drehbüchern in dieser Region verweigert, darum war er so glaubwürdig.“ Und er habe den Gläubigen wieder Mut zur Hoffnung gemacht – wider alle Hoffnung.

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