Operation „Schutzrand“

Vor einem Jahr begann der Gaza-Krieg. Ist die nächste Runde der Gewalt nur eine Frage der Zeit? Von Oliver Maksan
Foto: dpa | Fünfzig Tage dauerte der letzte Gaza-Krieg.
Foto: dpa | Fünfzig Tage dauerte der letzte Gaza-Krieg.

Vor einem Jahr, am 8. Juli, begann der Gaza-Krieg. Operation „Schutzrand“ nannte ihn Israels Militär. Vorausgegangen war die Entführung jüdischer Teenager und die folgende massenhafte Verhaftung von Hamas-Aktivisten im Westjordanland im Laufe des Juni. Schnell eskalierte die Gewalt. Die Hamas und andere Gruppen intensivierten den Beschuss Israels. Israel erwiderte und begann bald eine begrenzte Bodenoffensive. Deren Ziel war es, die Angriffstunnel zu zerstören, die unter dem Grenzzaun hindurch von Gaza in Richtung Israel gegraben worden waren. Über fünfzig Tage sollte die Operation dauern – so lang, wie kein Krieg Israels seit dem Unabhängigkeitskrieg 1948. Und keiner kostete seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 so viele Menschen das Leben. Ein Jahr später fragt man sich in Nahost, ob und wann es zu einer neuen Runde der Gewalt zwischen Israel und der den Gaza-Streifen kontrollierenden Hamas kommt. 2008, 2012, 2014: Die in israelischen Zeitungen bemühte Statistik jedenfalls spricht dafür, dass bald wieder eine neue Runde der Gewalt zwischen Israel und Gaza ausbricht.

Doch wie wahrscheinlich ist das? Israels Regierung unter Benjamin Netanjahu sieht ihre Kriegsziele erfüllt. Es sei nicht darum gegangen, die Hamas zu entwaffnen oder zu stürzen, meinen die, die einen baldigen Konflikt für unwahrscheinlich halten. Entscheidend sei vielmehr gewesen, die Abschreckung wiederherzustellen. Dies sei gelungen. Gelegentliche Ausnahmen wie der Beschuss seitens salafistischer Gruppen kürzlich seien schnell unterbunden worden, nicht zuletzt durch die Hamas selbst. Die Hamas habe offenbar ein Interesse, den am 26. August durch Ägypten vermittelten Waffenstillstand einzuhalten. Außerdem sei die Hamas geschwächt. Sie habe hunderte Kämpfer verloren. Ihr Waffenarsenal sei großenteils verbraucht worden. Und weil Sisis Ägypten die Grenze zu Gaza quasi dichtgemacht habe, sei die Einfuhr von Waffen, Material und Kämpfern praktisch unmöglich geworden. Mit dem ehemaligen Patron Iran habe man sich wegen Syrien überworfen. Die Hamas stehe praktisch ohne Verbündete dar. Zuletzt sei sie auch noch von „Islamischen Staat“ herausgefordert worden. In einem Video drohte die Organisation, die über eine zunehmende Anhängerschaft in Gaza verfügt, der Hamas. Die Organisation habe also genug damit zu tun, sich zu behaupten. Ein neuer Krieg bringe ihr nichts.

Kritiker dieser Position sehen indes in der nächsten Gewalteruption nur eine Frage der Zeit. Noch kurz vor dem letzten Krieg sei behauptet worden, ein Krieg sei nicht im Interesse der Hamas. Diese verfüge noch immer über tausende Raketen. Sie arbeite zudem unter Hochdruck an neuen, die im Gebiet selbst hergestellt würden. Der Einwand, diese seien eher primitiv, lassen die Kritiker nicht gelten. Schon bislang sei es der Hamas nicht in erster Linie auf materielle Zerstörung, sondern psychologischen Terror angekommen. Die humanitäre Lage sei zudem desaströs. Von den versprochenen Hilfsgeldern sei wenig angekommen. Die Wirtschaft in dem Gebiet, in dem über 1,8 Millionen Menschen leben, sei am Boden. Die Jugendarbeitslosigkeit betrage 60, die allgemeine 45 Prozent. Die Hamas sei aber nicht nur eine Widerstandsbewegung, sondern stehe in Gaza eben auch in Regierungsverantwortung. Sie habe aber ihren Leuten dort nichts vorzuweisen. Die Versuchung, ja Notwendigkeit sei also groß, Ziele wie die Lockerung der Blockade und den Bau eines Flug- und Seehafens durch Gewalt mit Nachdruck zu versehen.

Israelis, die in der Nähe des Gaza-Streifens wohnen, wollen sich derweil nicht auf die Wahrscheinlichkeitsanalysen von Zeitungskommentatoren verlassen. „Die nächste Runde der Gewalt ist nur eine Frage der Zeit“, meint Anat Heffetz. Die 37-jährige Mutter zweier Kinder lebt im Kibbutz Nirim. Zwei Kilometer nur sind es von hier zum Gazastreifen. „Meine Kinder sind heute noch mitgenommen vom letzten Krieg. Aber wir hoffen natürlich, dass sie in diesem Jahr ruhigere Sommerferien verbringen können als im letzten.“ Israels Politik hält sie für kurzsichtig. „Wenn die Regierung von Sicherheit spricht, denkt sie an Schutzbunker, mit denen hier jedes Haus verstärkt wurde. Aber Sicherheit kann nicht vom politischen Kontext isoliert werden. Wir brauchen einen politisch ausgehandelten langjährigen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas“, glaubt die Frau. Sie gehört einem Verein an, der für dieses Ziel wirbt. „Mir ist auch als Linker klar, dass man mit der Hamas keinen Frieden und die Anerkennung Israels verhandeln kann. Aber gemeinsame Interessen schon. Israel muss dabei helfen, eine zivile Infrastruktur in Gaza zu schaffen. Wenn die Hamas durch einen Krieg mehr verliert als gewinnt, wird sie es sich zweimal überlegen.“

Israels Armee hält sich derweil bereit. Ein Armee-Major erklärte jetzt während einer Tour entlang des Gazastreifens, dass man mit allem rechne. „Wir sind für die nächste Runde vorbereitet. Wir wissen, dass die Hamas ihre Kämpfer trainiert und an ihrem Waffenarsenal baut. Außerdem hat sie verkündet, weiter Tunnel bauen zu wollen.“ Aus Sicht der Armee sei die Operation im vergangenen Jahr dennoch ein Erfolg gewesen. „Wir haben derzeit die ruhigste Phase in Gaza seit 15 Jahren. Das heißt aber nicht, dass das die nächsten fünfzig Jahre so bleibt.“

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