Kelkheim

Open-Doors-Chef: Corona verschärft das Leid

Der Open Doors-Vorstandsvorsitzende Markus Rode fordert politische Konsequenzen aus dem aktuellen Weltverfolgungsindex.

Open Doors Weltverfolgungsindex 2021
Das überkonfessionelle christliche Hilfswerk Open Doors veröffentlicht seit 1993 jedes Jahr einen Index, der die weltweite Christenverfolgung erfasst. Foto: Open Doors

Herr Rode, das überkonfessionelle Hilfswerk Open Doors hat am 13. Januar den aktuellen Weltverfolgungsindex veröffentlicht, eine Rangliste der 50 Länder, in denen Christen die stärkste Verfolgung erleben. Was hat sich gegenüber dem vorigen Index geändert?

Zum ersten Mal seit der Veröffentlichung des Weltverfolgungsindex im Jahr 1993 ist die Verfolgungsintensität – gemessen an der Höhe der Indexpunktzahl – so stark gestiegen, dass nur noch Länder mit sehr hoher (61–80 Punkte) bis extremer Verfolgung (81–100 Punkte) gelistet sind. Davon sind in diesen 50 Ländern rund 309 Millionen Christen betroffen gegenüber 260 Millionen im Vorjahr. In China (Rang 17) festigt Xi Jinping seine Macht als Diktator weiter und geht gegen jeden vor, der sich nicht dem Regime beugt. Wer Gott höher stellt als Xi Jinping, muss mit Bestrafung rechnen. Die neuen Religionsvorschriften vom 1. Februar 2018 wurden 2020 erweitert und dienen dazu, alles religiöse Leben zu kontrollieren und der kommunistischen Partei und Doktrin zu unterwerfen. In staatlich registrierten wie nicht-registrierten Kirchen müssen Kreuze entfernt und Porträts von Xi Jinping aufgehängt werden. Gottesdienste werden per Kamera überwacht, Kindern und Jugendlichen ist die Teilnahme verboten. Seit 2013 sind rund 18.000 Kirchen oder kirchliche Einrichtungen geschlossen oder zerstört worden.

Wie ist die Lage in Afrika?

"In Westafrika und der Sahelregion haben Angriffe
islamistischer Gruppen auf Christen stark zugenommen"

In Westafrika und der Sahelregion haben Angriffe islamistischer Gruppen auf Christen stark zugenommen. Auch in Zentral- und Ostafrika wurden Christen verstärkt von Dschihadisten attackiert, sodass die Demokratische Republik Kongo (Rang 40) sowie Mosambik (45) neu auf dem Weltverfolgungsindex erscheinen. Im Kongo kontrollieren Islamisten ganze Regionen. Hinsichtlich dokumentierter Gewalt hält Nigeria (Rang 9) mit 3 530 ermordeten Christen im Berichtszeitraum einen traurigen Rekord. Die Türkei hat sich von Rang 36 auf 25 verschlechtert. Präsident Erdogan propagiert auch mit der symbolträchtigen Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee seinen Anspruch des islamischen Nationalismus und sorgt mit scharfer Rhetorik für hohen Druck auf Christen, die in ihrem Recht auf Religionsfreiheit massiv eingeschränkt sind.

Welche politischen Konsequenzen fordern Sie?

Christen in Entwicklungsländern werden oft von nationaler und internationaler Hilfe ausgeschlossen. Lokale Partner von Open Doors haben während der Corona-Pandemie hilfsbedürftige Christen etwa in Indien mit Nothilfe versorgt und erfahren, dass 80 Prozent von ihnen bei den offiziellen Hilfslieferungen gezielt übergangen wurden.

Die Hilfe westlicher Regierungen muss beinhalten, dass gerade verletzliche und diskriminierte religiöse Minderheiten auch über lokale christliche Organisationen versorgt werden können. Das betrifft auch die Impfungen gegen COVID-19, für die westliche Staaten gerade ein Milliardenbudget sammeln.

Zeigt die Öffentlichkeit Interesse am Weltverfolgungsindex?

"Wenn der Weltverfolgungsindex dazu beiträgt,
verfolgten Christen eine Stimme zu geben,
die gehört wird und auf die hin Unterstützung geschieht,
dann hat sich dieser Index gelohnt"

Angesichts des gewaltigen Ausmaßes der Christenverfolgung ist das Interesse in den säkularen Medien und der Politik sehr gering. Oft scheint hier selbst angesichts Tausender ermordeter Christen die persönliche Identifikation und das Engagement zu fehlen. Das ist Gott sei Dank bei vielen Christen in unserem Land deutlich stärker geworden. Immer mehr stehen ihren verfolgten Glaubensgeschwistern mit Hilfe und Gebet bei. Für mich ist Resonanz mit der Frage verbunden „Was hilft das den verfolgten Christen?“ Wenn der Weltverfolgungsindex dazu beiträgt, verfolgten Christen eine Stimme zu geben, die gehört wird und auf die hin Unterstützung geschieht, dann hat sich dieser Index gelohnt.

Wie bewerten Sie die Politik der Bundesregierung mit Blick auf die verfolgten Christen?

Die Bundesregierung hat vor kurzem einen zweiten Bericht zur Religionsfreiheit weltweit vorgelegt. Darin wird festgestellt, dass in den letzten Jahren ein Trend zur vermehrten Einschränkung der Religionsfreiheit erkennbar ist. Entscheidend ist, dass die Bundesregierung jetzt auch aktiv wird, um die Situation religiöser Minderheiten wie die der verfolgten Christen zu verbessern, gerade auch gegenüber Staaten wie China oder Indien, die Millionen Christen und andere Minderheiten verfolgen.

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