Öl ins Feuer gegossen

Allianz von Hilfswerken gibt UN-Vetomächten Mitschuld an der dramatischen Lage in Syrien – Kritik auch an Zuständen in Griechenland
Foto: dpa | Die Kinder in den abgeschnittenen Orten, den sogenannten „Todeslagern“, bezahlen den hohen Preis für die Untätigkeit der Weltgemeinschaft“, so Bidjan Nashat, Vorstandsmitglied der Hilfsorganisation ...
Foto: dpa | Die Kinder in den abgeschnittenen Orten, den sogenannten „Todeslagern“, bezahlen den hohen Preis für die Untätigkeit der Weltgemeinschaft“, so Bidjan Nashat, Vorstandsmitglied der Hilfsorganisation ...

Berlin/Bonn/Düsseldorf (DT/KNA) Es ist ein mehr als trauriger Jahrestag. Seit fünf Jahren bekriegen sich in Syrien Regierungsanhänger und Rebellen. Millionen Menschen sind aus dem Land geflohen, Hunderttausende wurden getötet, verwundet oder sind in den belagerten Gebieten gefangen. Aus Anlass des Konfliktbeginns im März 2011 beklagen dutzende Hilfswerke die dramatische Lage im Land, die trotz einer nun vereinbarten Feuerpause anhalte. Eine Allianz von 30 Hilfsorganisationen, darunter Oxfam, CARE und Save the Children, gibt Vetomächten im UN-Sicherheitsrat eine Mitschuld an dem Ausmaß des Konflikts. Russland, die USA, Frankreich und Großbritannien hätten ihre eigenen Resolutionen untergraben, indem sie zu wenig diplomatischen Druck auf ihre Verbündeten ausübten, sie sogar mit Waffen unterstützt oder direkt militärisch eingegriffen hätten, beklagen die Hilfswerke in ihrem am Freitag veröffentlichten Bericht „Fuelling the Fire“.

Die Organisationen ziehen eine erschütternde Bilanz der vergangenen fünf Jahre. Die Kriegsparteien richteten schlimmste Verwüstungen an, verhinderten Nothilfe und schnitten ganze Städte von jeglicher Versorgung ab, heißt es in dem Bericht. Die russischen Luftangriffe hätten zum Töten beigetragen. Die Zahl der Menschen, die in belagerten Gebieten lebe, habe sich Schätzungen zufolge auf fast 500 000 verdoppelt.

Während des vergangenen Jahres sei es daher schwieriger geworden, Nothilfe zu leisten, so der Bericht weiter. Nur zehn Prozent der UN-Hilfskonvois konnten die Konfliktlinien passieren. Obwohl momentan einige belagerte Orte wieder zugänglich seien, würden Hilfsorganisationen weiterhin in ihrer Arbeit behindert oder angegriffen. Weite Teile des Landes blieben von humanitärer Hilfe abgeschnitten.

Der Oxfam-Nothilfeleiter für Syrien, Andy Baker, forderte die Vetomächte auf, endlich an einem Strang zu ziehen. „Die vier UN-Sicherheitsratsmitglieder dürfen auch selbst keine Waffen mehr an Konfliktparteien liefern, um die Gewalt nicht noch weiter anzuheizen.“

Bereits am Mittwoch hatte Save the Children einen Bericht mit dem Titel „Gefängnis unter freiem Himmel“ zur Lage der Kinder in Syrien veröffentlicht. Dafür befragte die Organisation 126 Eltern und Kinder in der Region. Darüber hinaus wurden Gespräche mit 25 lokalen Hilfsgruppen, Ärzten und Lehrern geführt. Unicef hat für Montag einen eigenen Bericht angekündigt.

„In weiten Teilen Syriens sterben Kinder aufgrund von akutem Mangel an Nahrungsmitteln und dringend benötigten Medikamenten, obwohl nur ein paar Kilometer entfernt die Warenhäuser mit Hilfsgütern gefüllt sind“, beklagte Bidjan Nashat, Vorstandsmitglied bei Save the Children. Die Situation in den belagerten Orten, den „Todeslagern“, sei das schockierendste Zeugnis des Versagens der internationalen Gemeinschaft. „Diese Kinder bezahlen den hohen Preis für die Untätigkeit der Weltgemeinschaft“, so Nashat. Der größte Schrecken für die Familien sind demnach die Luftangriffe, oft mit Fassbomben. Viele Eltern berichten, ihre Kinder seien traumatisiert und hätten sich durch die ständige Bedrohung verändert. Nach Schätzungen der UN wurde jede vierte Schule in Syrien bereits angegriffen. Alle Eltern und Kinder berichten laut Save the Children, dass sie die Anzahl der täglichen Mahlzeiten notgedrungen mehr als halbiert haben.

Zahlreiche Kinder seien an Lebensmittelvergiftungen, Mangelernährung und infolge von Komplikationen bei der Geburt gestorben. Die medizinische Versorgung ist laut Kinderrechtsorganisation fast zum Erliegen gekommen, und der Vorrat an Medikamenten schwindet. Care-Generalsekretär Karl-Otto Zentel sprach von einer „gewaltigen Bewährungsprobe“ für die Weltgemeinschaft. „Wir hoffen, dass die politischen Entwicklungen der vergangenen Tage, beginnend mit der Waffenruhe und den nun anberaumten Friedensgesprächen, letztlich den Menschen in Syrien endlich Frieden bringen.“

Unterdessen warnen „Ärzte ohne Grenzen“, Flüchtlingskinder könnten durch die dramatischen Umstände im überfüllten griechischen Lager Idomeni in Lebensgefahr geraten. „Unter den Flüchtlingen sind Schwangere und Frauen mit wenige Tage alten Babys“, sagte der Geschäftsführer der Hilfsorganisation, Florian Westphal, der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“. „Es ist nicht auszuschließen, dass diese Säuglinge angesichts der Zustände im Lager in Lebensgefahr schweben.“ Die Zustände seien noch nie so schlimm gewesen, sagte Westphal. 150 Ärzte seien derzeit für die Organisation in dem Gebiet, wo rund 14 000 Flüchtlinge an der Grenze zu Mazedonien zumeist in einfachen Zelten ausharren. „Unsere Mitarbeiter berichten von zahlreichen Atemwegserkrankungen und einem akuten Ausbruch der Magen-Darm-Grippe“, sagte Westphal. Vereinzelt litten Flüchtlinge wegen schwerer Traumatisierungen durch Krieg und Flucht unter Panikattacken oder versuchten, sich selbst zu verletzen. Ärzte ohne Grenzen erhebt schwere Vorwürfe gegen die EU-Mitgliedstaaten. „Griechenland ist heillos überfordert und wird im Stich gelassen“, so der Geschäftsführer. Die anderen EU-Mitgliedstaaten einschließlich der Bundesregierung hätten bisher viel zu wenig getan, um die griechischen Behörden konkret und vor Ort bei der Flüchtlingshilfe zu unterstützen, beklagte Westphal (Siehe auch Seite 7).

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