Ob sie lieber Hirn oder Hintern betonen will

„Im Alltag kommen Männer und Frauen deutlich besser zurecht, als man es in der medialen Welt beschreibt“, meint Birgit Kelle. Von Stefan Meetschen
Foto: dpa | Birgit Kelle sieht keinen Anlass für eine Sexismus-Debatte in der CDU.
Die junge CDU-Politikerin Jenna Behrends sorgt mit Sexismus-Vorwürfen gegenüber dem Berliner CDU-Chef Frank Henkel für Aufsehen. Er soll sie als „große süße Maus“ bezeichnet und in despektierlicher Weise über sie gesprochen haben. Was sagen Sie zu diesem Aufschrei der jungen Frau?

Das, was ich jedem jungen Mädchen, was in diesem Fall die richtige Bezeichnung für sie ist, sagen würde: Erst denken, dann sprechen und vor allen Dingen, was man unter vier Augen klären kann, das tut man nicht vor der Weltöffentlichkeit. Wenn man die Faktenlage betrachtet, wird es lächerlich, sie zitiert aus einem Gespräch, an dem sie nicht beteiligt war, und beschwert sich allen Ernstes, dass ihr jemand das Kompliment gemacht hat, sie sei eine „große süße Maus“. Das ist kein Aufschrei, sondern erinnert eher an die „Sendung mit der Maus“ im Kinderprogramm.

Aus der Frauen-Union in Berlin-Mitte gibt es Kritik an Behrends. Man zweifelt an ihrer Glaubwürdigkeit. Warum diese mangelnde Solidarität unter Frauen? Müssten die Frauen, gerade wenn es um das Thema Sexismus geht, nicht zusammenhalten?

Das viel beschworene Frauenkollektiv, an das man sich in der feministischen Szene bis heute festklammert, existiert schlicht und ergreifend nicht. Warum auch? Warum sollte sich die Frauen-Union solidarisieren, wenn sie Behrends nicht glaubt? Allein diese Forderung, selbst wider besseres Wissen als Frau grundsätzlich zu Frauen zu halten, und als Mann grundsätzlich zu Männern, widerspricht nicht nur der Vernunft, sondern auch dem Versuch, den Graben zwischen den Geschlechtern zuzuschütten, anstatt ihn weiter auszuheben. Sagt man uns nicht ständig, nach moderner, gendergerechter Lesart sei Geschlecht sowieso eine irrelevante Kategorie? Warum also zu Frauen halten? Ich bin sofort bereit, mich mit jedem Menschen zu solidarisieren, dem Unrecht getan wurde, ganz egal ob Mann oder Frau, aber wenn ich das in Berlin richtig beobachte, zweifeln nicht Männer, sondern vor allem auch Frauen an der Kompetenz von Jenna Behrends.

Was raten Sie CDU-Generalsekretär Peter Tauber, damit das Thema Sexismus in der Union gründlich behandelt wird, ohne in eine mediale Schlammschlacht auszuarten?

Dass er sich am besten raushält. Peter Tauber ist kein stiller Beobachter in dieser unappetitlichen Gemengelage der CDU Berlin-Mitte, sondern einer der Protagonisten. Frau Behrends hat gar unter vier Augen gegenüber einer Dame der Frauen-Union behauptet, eine Affäre mit ihm zu haben, was sie jetzt dementiert und er selbstredend auch. Davon abgesehen sehe ich auch als weibliches Mitglied der CDU keinen Anlass, jetzt eine gründliche Behandlung des Themas in der Partei zu veranlassen, weil es kein flächendeckendes Problem gibt.

Politiker aus anderen Parteien empfehlen, um den alltäglichen Sexismus in der Politik in den Griff zu kriegen, eine Quotenregelung. Cem Özdemir von den „Grünen“ etwa meint, viele Frauen in einer Partei hätten eine „disziplinierende Wirkung“ auf Männer.

Wenn Herr Özdemir bei seiner politischen Arbeit eine Anstandsdame an seiner Seite braucht, um als Mann diszipliniert zu werden, dann sollte er mal grundsätzlich über sich selbst nachdenken. Die meisten Männer, die ich kenne, sind Gott sei Dank immer noch Gentlemen und haben das nicht nötig. Davon abgesehen sind Frauen keine besseren Menschen, die sich im politischen Diskurs unbedingt anständiger benehmen. Frauen kämpfen ebenfalls mit unlauteren Mitteln, aber weniger offen. Eines sollten sich die Männer gut merken: Wenn eine Frau ihnen einen Dolch in den Rücken rammt, tut sie das mit einem bezaubernden Lächeln.

Vor dreieinhalb Jahren, als sich der FDP-Politiker Rainer Brüderle durch eine Journalistin ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt sah, haben Sie den Frauen geraten, die Bluse zuzumachen. Würden Sie das heute wieder so schreiben oder glauben Sie, dass Frauen in Politik, Wirtschaft und Vereinen sich gegen Sexismus inzwischen mit anderen Mitteln zur Wehr setzen sollten?

Ich habe nicht dazu aufgefordert, dass Frauen die Blusen schließen sollen, damit sie nicht von Männern belästigt werden. Damit wären wir übrigens nur noch einen kleinen Schritt von der Burka entfernt. Ich habe die Frauen, die uns ungefragt ihre Brüste entgegenstrecken und die Bluse bis zum Bauchnabel auf tragen, darauf hingewiesen, dass es widersprüchlich ist, wenn sie nur aufgrund ihrer Intelligenz und inneren Werte wahrgenommen werden wollen, sie aber gleichzeitig ihren Körper in den Vordergrund stellen. Jede Frau darf das tun, aber je nach Anlass will ich damit auch was sagen als Frau. Auf dem Oktoberfest begegnen Ihnen mächtig viele innere Werte. Das ist völlig in Ordnung und auch ich würde nichts anderes als ein wirklich fesches Dirndl dort tragen, ich will dort aber auch feiern und nicht über Außenpolitik diskutieren. Je nach Anlass muss auch Frau überlegen, ob sie lieber ihr Hirn oder ihren Hintern betonen will.

Wie würden Sie das aktuelle gesellschaftliche Klima zwischen den Geschlechtern beschreiben? Müssen Frauen und Männer das harmonische Verhältnis von Respekt und Erotik neu lernen?

Wir haben, denke ich, eine geteilte Wahrnehmung je nachdem, ob man im Alltag oder in den Medien danach fragt. Wenn Sie in den sozialen Netzwerken unterwegs sind, begegnen Ihnen deutlich mehr chronisch beleidigte junge Aktivistinnen, die hinter jedem Kompliment einen Akt der männlichen Unterdrückung vermuten, anstatt sich einfach daran freuen zu können. Im Alltag hingegen kommen Männer und Frauen deutlich besser zurecht, als man es in der medialen Welt beschreibt. Wir sind doch in Sachen Respekt und gedeihliches Miteinander in den vergangenen Jahren ein sehr großes Stück weitergekommen. Gerade die junge Generation geht auch mit der Frage der Gleichberechtigung deutlich entspannter um. All jene, die jetzt mit neuen Benimmregeln oder gar Gesetzen den Umgang zwischen Männern und Frauen in neue Regeln pressen wollen, helfen der Gleichberechtigung nicht, stattdessen verunsichert es beide Seiten. Gerade das erotische Annähern der Geschlechter ist doch ein zauberhaftes Spiel, wenn man es zulässt. Die Frauen, die sich ständig belästigt fühlen, bei jedem Blick und jedem Wort, haben in meinen Augen das größte Problem nicht mit Männern, sondern mit sich selbst. Vielleicht sollten die sich alle mal vertrauensvoll an Cem Özdemir wenden, ich glaub', der ist Frauenversteher.

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