Ihr Gehorsam war schmerzhaft. Doch trug er Früchte: Maria Ward (1585-1645) schuf ein weltweites Bildungssystem für Mädchen. Und 200 Jahre nach ihrem Tod begann auch die ersehnte Rekatholisierung Englands.

Nur Gehorsam trägt Früchte

Maria Ward
Foto: DT-Archiv | Vor allem Deutschland wurde zum zertretenen und zerwühlten Kampfplatz. Auf eben diesen Kampfplatz begab sich die Engländerin Maria Ward.

Maria Ward gehört zutiefst in die Geisteskämpfe des 17. Jahrhunderts, die Europa bis zum Siechtum spalteten und in unerhörte Bruderkriege führten; ihre Auswirkungen sind heute noch kulturell und religiös spürbar. Die Kämpfe hatten mit der Reformation Luthers 1517 begonnen, zuvor schon mit Wicliff und Hus, und die Gegenreformation auf den Plan gerufen. Nicht nur das Christentum, auch die Nationen Europas verloren mit der Zweiteilung des Glaubens ihre politisch durch den Kaiser, geistlich durch den Papst verbürgte Einheit – so brüchig sie schon vorher war. Vor allem Deutschland wurde zum zertretenen und zerwühlten Kampfplatz. Auf eben diesen Kampfplatz begab sich die Engländerin Maria Ward. Sie wurde zur „Pilgerin auf den Straßen Europas von York über Rom bis Neapel, von Preßburg über Wien und München nach Paris. 

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Ihr innerer Weg hat noch weiter gespannte Ausmaße mit zehn Gründungen in zwölf Jahren“ (Immolata Wetter). hr Wunschtraum, die Rekatholisierung Englands, blieb unerfüllt. „Ich kann nur beten und hoffen, dass dieses einsam gelegene Vaterland sich wieder dem wahren Glauben und der Treue zur heiligen römischen Kirche zuwende.“ Das Wunder geschah damals nicht. Aber die ursprüngliche Flamme blieb dieselbe. 

„Ich kann nur beten und hoffen, dass dieses einsam gelegene Vaterland
sich wieder dem wahren Glauben
und der Treue zur heiligen römischen Kirche zuwende.“

Ab 1611 übernimmt die 26-Jährige den Gedanken des weltweiten Apostolats des Ignatius von Loyola und baut ihn zielsicher aus, um an einer schwachen Flanke des Katholizismus Abhilfe zu schaffen: an der mangelnden Mädchenbildung. Unter der Hand erwächst daraus ein europäisches Bildungsprogramm von Frauen für Frauen – erkauft durch endlose Mühen, die zuletzt vergeblich schienen und ihre eigentliche Frucht erst viel später einbrachten.
Maria Ward wählte die Jesuiten als das seelsorgliche und intellektuelle Vorbild – und musste an dieser zu soldatischen, klausurlosen, stark selbstverantwortlichen Konzeption scheitern. Denn die instabilitas loci wurde zum Kennzeichen der neuen Gründung; Beweglichkeit, ungehindert durch Klausur und Stundengebet, wurde verstanden als Gebot der Stunde. 

Päpstliche Anerkennung blieb ihr versagt

Eben das versagte ihr damals die päpstliche Anerkennung, da infolge der Reformation die klösterlichen Ordnungen für Frauen erst wieder zu befestigen waren. Die mangelnde Klausur führte umgehend zur Verurteilung. Maria Wards Gründungen wurden zu ihren Lebzeiten alle wieder geschlossen, wie 1628 von Urban VIII. verfügt.  Aber der Schmerz ging tiefer: Maria Ward wurde in ein Martyrium der Verkennung, Verzeichnung, Verdammung geworfen. Der Altar ihres Oratoriums in Rom wurde abgebaut, das Läuten der Glocke verboten. 1631 erging eine harte päpstliche Bulle gegen sie und ihre Gemeinschaft, wegen Ungehorsam, Auflehnung, Häresie-Verdacht.

Wehrlos ergab sie sich dem Gehorsam

Gegen Feinde konnte sie sich wehren, aber wie sollte sie sich wehren, wenn es um das gemeinsame Anliegen ging? Um sich gegen die Unterstellungen wirksam zu verteidigen, hätte sie nicht nur Inhalte zurechtrücken, sondern Menschen desselben Glaubens, ja die Vertreter der Kirche selbst, sogar den Papst angreifen müssen. Hierin ist die Wortlosigkeit begründet, mit der sie ab einem bestimmten Zeitpunkt keine Gegenwehr mehr versucht. In ihrem Verstummen liegt eine große oboedientia, ein Martyrium des Gehorsams.

Was in ihrer Wehrlosigkeit aufscheint, ist nicht äußere Kadaverunterwerfung, sondern die unglaubliche, rein willensmäßige Bereitschaft, den „mütterlichen“ kirchlichen Willen zu ertragen, weil sie diesen durch den „väterlichen“ göttlichen Willen gedeckt sah. In der unbegreiflichen Verurteilung (immer wieder hatte sie ja bei den Audienzen das persönliche Wohlwollen des Papstes erfahren) wandelte sich das Ziel: von der Glorie, die sie einmal sah, zum Abgrund der Verdammung, wohin sie ihrem Meister an die Stelle der Verbrecher folgte. Ihre anfänglich unbeugsame Kraft wurde ihr Schritt für Schritt aus der Hand gewunden und zerfiel in Kraftlosigkeit. 

Was in ihrer Wehrlosigkeit aufscheint, ist nicht äußere Kadaverunterwerfung,
sondern die unglaubliche, rein willensmäßige Bereitschaft, den „mütterlichen“ kirchlichen Willen zu ertragen,
weil sie diesen durch den „väterlichen“ göttlichen Willen gedeckt sah.

Nur mit Erschütterung kann man vor den armen Gewändern der Pilgerin stehen, die aus ihren aristokratisch prächtigen Kleidern bis zu ihrem schäbigen Pilgerkleid mit den abgelaufenen Schuhen die Stationen eines endlosen, horizontlosen Weges abzuschreiten hatte. 
Aber ihr ungeheures Scheitern war auch am Ende nicht von Resignation durchzogen – diese adelige, klaglos auf Gottes Willen gestützte Tapferkeit war einer ihrer menschlich bewegendsten, fast übergroßen Züge. Die Haltung Maria Wards hieß „Unterwerfung unter Rom“ – Unterwerfung als Heilmittel der zerrütteten Epoche. Gerade dort zeigte sie jenen außergewöhnlichen Gehorsam, wo die eigentliche Verurteilung ihrer Pläne stattfand. Immer betonte sie vor dem richterlichen Tribunal ihre unbedingte Zustimmung zum Willen des Papstes – wenn sie ihn nur unmittelbar selbst ausgesprochen erfahren dürfte (was ihr nicht gewährt wurde). 

Maria Ward wird wohl seliggesprochen werden

Aus ihrem Gehorsam reiften zwei Früchte: Wider alles Erwarten, jenseits aller realistischen Hoffnungen, wurde es mit der Zeit möglich, den Gedanken weiblichen öffentlichen Apostolates außerhalb der Klausur zu denken. 1978, nach rund 350 Jahren, erhielten die Englischen Fräulein die Konstitutionen des Ignatius; 2004 durften sie sich offiziell Congregatio Jesu (CJ) nennen. Die Gründerin wird wohl seliggesprochen werden.
Und: Maria Ward – von ihrer Heimat unbemerkt – starb 1645; John Henry Newmans Konversion, die England bis auf den Grund erschütterte, fiel in das Jahr 1845. Zweihundert Jahre nach dem schweren Sterben Maria Wards begann die „Kehre“ Englands, begann jener „second spring“ des alten, fast verschwundenen, erstickten Glaubens.  Wer kann sagen, ob ihr großherziges Opfer, das vergebliche Verbluten ihrer ursprünglichen Mission nicht auch für England eine späte, ungeahnte Frucht brachte?

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