Nicht nur eine Frage des Geldes

Ein internationales Symposium in Berlin bietet Argumente für ein familienpolitisches Programm

Die Familienpolitik rückt wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit – es ist Wahlkampf. Die Union verspricht, wie vor vier Jahren, einen Freibetrag von 8 004 Euro pro Person, mehr Kindergeld, kostenlosen Kindergarten und einige Vorteile mehr, von denen man annehmen darf, dass die Autoren der Vorschläge selber nicht daran glauben, dass ihre Ideen jemals umgesetzt werden. Denn das setzte eine absolute Mehrheit für die Union voraus und selbst in diesem höchst unwahrscheinlichen Fall ist fraglich, ob dann die realen Finanzverhältnisse nicht doch dazu „zwingen“, alle Wahlgeschenke für die Familie wieder einzukassieren. Das sind dann die berühmten Sachzwänge, die heute angeblich nicht absehbar sind.

Interessanter freilich als die leeren Versprechen für Familien in den Wahlprogrammen ist die Tatsache, dass die Parteien glauben, mit der finanziellen Speckschwarte vernünftige Politik zu machen. Zwar sind Umrisse einer Politik erkennbar, die immerhin mehr Wahlfreiheit und mehr Leistungsgerechtigkeit für Familien anstrebt. Aber das ist noch kein durchdachtes Konzept.

Familienpolitik ist nicht nur eine Geldfrage. Hirn- und Bindungsforschung liefern heute so viele Erkenntnisse, dass Familienpolitik durchaus als Zukunftspolitik für die Gesellschaft entworfen werden kann. Wenn das Programm am kommenden Montag mit den anderen Wahlschlagern vorgestellt wird, wird – Ironie des Schicksals – eine Tagung ebenfalls in Berlin genau die Ergebnisse der Wissenschaft präsentieren, die für eine argumentative und moderne Familienpolitik grundlegend sind. Und zwar nicht nur mit Blick auf die Leistungsgerechtigkeit, sondern auch mit Blick auf die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, mithin auf den künftigen Wohlstand des Landes.

Diese Leistungsfähigkeit hat zu tun mit der Innovationskraft und der Bildung künftiger Eliten. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Denn ein kohärentes Konzept muss Bildung und Familie bedenken. Es gibt Zusammenhänge zwischen Familie, Bildung und Innovationskraft. Bei den beiden letzteren Begriffen ist der Zusammenhang auch für die Politik leicht erkennbar. Es gehört schon seit Jahren zum Allgemeinwissen, dass Bildung Zukunft bedeutet und dass hier mehr investiert werden muss. Ohne Stärkung der Innovationskraft, die aus der Bildung erwächst, zieht jede Industrienation auf Dauer im internationalen Wettbewerb den Kürzeren. Das kann auch Deutschland passieren. Der Mangel an Fachkräften hierzulande und der im Vergleich zu den USA und anderen Nationen nachlassende Eifer bei den Patentanmeldungen zeigen an, dass die Innovationskraft im Land der Denker und Tüftler nicht mehr so strotzt. Es gibt einiges aufzuholen.

Es gibt aber auch einiges nachzudenken. Denn eines ist klar: Die Innovationskraft, Schlüsselgröße der Zukunft, ist nicht nur eine Frage der Wissensvermittlung an Schulen und Universitäten. Sie ist eine Frage von Bildung im weiteren Sinn, von Persönlichkeitsbildung, mithin auch von Emotionen. Und das fängt schon sehr früh an. Emotionen sind nach einem Wort des bekanntesten amerikanischen Kinderpsychotherapeuten Stanley Greenspan die „Architekten des Gehirns“. Sie fördern die Bildung neuronaler Verschaltungen, mithin das Wachstum des Gehirns. Gute Emotionen schaffen gutes Wachstum, Ausdauer, Empathie und soziale Kompetenz, schlechte Emotionen und Traumata bremsen das Wachstum und führen zu Ängsten und Verhaltensstörungen. Viele Forscher sagen deshalb: Bindung geht der Bildung voraus. Mit anderen Worten: Zuwendung, Zärtlichkeit, Zeit – die drei großen Z von Pestalozzi – schaffen die Voraussetzung, dass das Kind später gut lernen, sich konzentrieren und mit Ausdauer beschäftigen, also nachhaltig arbeiten kann, dass es innovativ, dass es seine Gefühle einordnen und so teamfähig sein kann, dass es, kurz gesagt, über die Tugenden verfügt, um Staat und Gesellschaft menschlich mit zu gestalten.

Diese Fähigkeiten erwirbt das Kind in der Familie. Hier sind gesunde Emotionen zu hause. Die erwähnte Tagung, ein Symposium am 29. Juni in Berlin (www.i-daf.org), will diese Zusammenhänge, die innere Logik zwischen Bindung, Bildung und Innovation aufzeigen. Es kommen Fachleute der Familienpolitik, Bindungs-, Familien- und Hirnforscher zu Wort, Entwicklungspsychologen, Ökonomen und Chefs großer Unternehmen. Sie stellen sich Fragen wie: Was sagt uns die Wissenschaft über die Zusammenhänge von Bindung und Bildung? Welche Rolle spielt die Liebe? Was heißt in diesem Kontext Hochbegabung, was heißt Humanvermögen? Welche Bildungswege führen zu mehr Innovation? Müssen Bildung und Arbeit nach der Krise neu organisiert werden? Ein amerikanischer Soziologe wird zeigen, wie die in Bindungsfülle aufgewachsenen Homeschool-Kinder in den USA sich an den Universitäten behaupten – nämlich überdurchschnittlich gut. Eine Psychotherapeutin aus Israel wird darlegen, wie die mit Bindungsmängeln groß gewordenen Kibbuz-Kinder sich an Universitäten verhalten, nämlich überwiegend schwach. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes wird die These vertreten: Kreativität braucht Zeit. Die Generalsekretärin der Deutschen Jugend- und Kinderstiftung wird zeigen, dass man auch in schwierigen Fällen mit Bindung und Emotion noch Potenzial aus den Kindern herausholen kann. Ein Hirnforscher wird zeigen, wie Denken entsteht, ein Pränatalforscher, wie Bindung schon im Mutterleib spürbar wird.

Das sind Erkenntnisse, denen sich eine zukunftsorientierte Politik stellen sollte. Das wäre innovativ und nachhaltig – und führte weiter als zu einigen Milliarden für und endlosen Diskussion über ein Bildungssystem, gegen das Schüler und Studenten zu recht protestieren. Da passt es, dass der frühere Minister Klaus Kinkel, heute Vorsitzender der Telekom-Stiftung, auf dem Symposium die Forderung nach mehr Investitionen in die Bildung, ein Mega-Thema der Zukunft, stellen wird.

Das Symposium wird federführend im Namen einiger Familienverbände organisiert vom Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. und findet statt in der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen. Die Tagung ist öffentlich und offen für Interessierte. Sämtliche Abgeordnete der betroffenen Ausschüsse haben eine Einladung erhalten, das ist gut die Hälfte des Bundestages. Man darf gespannt sein, ob die Impulse des Symposiums die Politik erreichen.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann