Aachen

Nicht ins gefährlichste Land der Welt abschieben

In Afghanisten verschärft sich die Lage dank Gewalt, Dürre und der Corona-Pandemie. Das katholische Hilfswerk Misereor fordert daher einen Abschiebungs-Stopp.
Konflikt in Afghanistan
Foto: Ajmal Kakar (XinHua) | Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte nehmen an einer Militäroperation gegen Taliban-Kämpfer teil.

Bei Misereor kennen wir die Lage in Afghanistan aus jahrzehntelanger Kooperation und Besuchen vor Ort sehr gut. Wir haben immer wieder Abschiebungen von Deutschland aus in dieses von Krieg und Gewalt erschütterte Land kritisiert. Dennoch halten diese unvermindert an. Seit 2016 wurden 1 104 Afghanen in ihr Heimatland zurückgeführt. Kürzlich hat die afghanische Regierung nun offiziell um einen befristeten Stopp der Abschiebungen gebeten.

Zunahme der Kriegstoten um 30 Prozent

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Dieser Bitte muss dringend entsprochen werden. Angesichts der sich massiv verschärfenden Gewaltsituation und der durch Dürre und Covid-19 extrem angespannten humanitären Lage ist dies ein Gebot der Menschlichkeit, aber auch der moralischen Verantwortung Deutschlands für die Zukunft Afghanistans.

Afghanistan gilt als das derzeit gefährlichste Land der Welt mit einer Zunahme der Kriegstoten um 30 Prozent in diesem Jahr.  Die Bevölkerung kennt seit Jahrzehnten nichts als Krieg und Gewalt. Es wird nach dem Truppenabzug von NATO und USA erschüttert von gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Aktuell versuchen die Taliban, die Provinzstädte zu stürmen. 30 Prozent der Menschen sind laut dem neuesten UN-Welthungerindex akut unterernährt. Mindestens 15 Millionen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Projektpartner MISEREORs sind verzweifelt. Abgeschobene landen in Afghanistan in der Regel in Perspektivlosigkeit und Verfolgung. Rund 90 Prozent der Abgeschobenen machten nach Erkenntnissen der Diakonie Hessen nach der Rückkehr Gewalterfahrungen und wurden bedroht.

Die afghanische Regierung macht nun offiziell deutlich, dass sie ihre Schutzverantwortung nicht wahrnehmen kann – das muss die Bundesregierung endlich berücksichtigen.

Der Autor ist Geschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor verantwortlich für den Bereich Internationale Zusammenarbeit.

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