Nicht alles ist koscher

In Israel wird über die Stellung des Oberrabbinats bei der Aufsicht über die Einhaltung der jüdischen Speisegesetze gestritten. Von Till Magnus Steiner
Wer darf künftig "Koscher" Zertifikate ausstellen?
Foto: Steiner | Wer darf künftig solche Zertifikate ausstellen? Israel ist mitten in einer Debatte.

Insgesamt achten nach einer Umfrage des Pew Research Centers 52 Prozent der jüdischen Israelis darauf, dass Restaurants, Cafés und Imbisse, in denen sie essen, koscher sind. Selbst 20 Prozent der sich als säkular bezeichnenden jüdischen Israelis halten sich an die vom Judentum vorgegebenen Speisegesetze, die sogenannte Kaschrut. Der Oberste Gerichtshof Israels hat in einem Urteil im vergangenen September bestätigt, dass alleine das staatliche Oberrabbinat Kaschrut-Zertifikate ausstellen und so eine Lokalität wörtlich als „koscher“ bezeichnen darf. Zugleich deutet sich durch dieses Gerichtsurteil nun eine Aufhebung des seit dem Beginn des Staates bestehenden orthodoxen und wirtschaftlichen Monopols und damit eine Neuausrichtung des Verhältnisses von Staat und Religion in diesem Bereich an.

Die Kosten für die Überprüfung der Einhaltung der jüdischen Speisegesetze und der Ausstellung des Kaschrut-Zertifikats belaufen sich für ein mittelgroßes Restaurant jährlich auf ungefähr 4 500 Euro. Nicht erst seit einem ausführlichen Bericht des Wirtschaftsprüfers des Staates im vergangenen Mai wird immer wieder darauf hingewiesen, dass dieser Zertifikationsprozess durch Korruption, Vetternwirtschaft, ungerechtfertigten Gebühren und Interessenkonflikten geprägt ist – wodurch finanzieller Schaden entsteht und die eigentliche Überprüfung der Kaschrut leidet. Aus diesen Gründen errichtete der orthodoxe Rabbiner Aaron Leibowitz vor vier Jahren die Organisation Hashgacha Pratit (dt. private Aufsicht/Fürsorge). Nachdem er mit einer Gruppe von Geschäftsinhabern, die sich zwar strikt an die jüdischen Speisegesetze in ihren Restaurants und Cafés hielten, aber nicht mit dem staatlichen Oberrabbinat zusammenarbeiteten, in Kontakt gekommen war, entschied er sich dazu, eine „alternative Kaschrut“ anzubieten. Dass Hashgacha Pratit eine Alternative gegenüber dem staatlichen Oberrabbinat ist, die ernst genommen werden muss, zeigte sich im vergangenen Mai, als der Rabbiner Oren Duvdevani sich der Organisation anschloss. Bis dahin war er verantwortlich für die Ausstellung von Kaschrut-Zertifikaten in der Stadt Giva‘tajim. Er gilt als ein anerkannter und ausgewiesener Experte in Fragen der jüdischen Speisegesetze.

Hashgacha Pratit überwacht mittlerweile für 38 Restaurants, Cafés und Hotels die Einhaltung der jüdischen Vorschriften, berät die Geschäftsinhaber und bietet Mitarbeiter-Fortbildungen an. Zwar wurde dieser Organisation durch das Urteil des Obersten Gerichtshofes im September strikt verboten, selbst Kaschrut-Zertifikate auszustellen, aber zugleich dürfen Unternehmen nun selbst nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich darauf hinweisen, welche jüdischen Speisegesetze befolgt werden. Der Oberste Gerichtshof hat damit deutlich den Anspruch des staatlichen Oberrabbinats zurückgewiesen, dass strikt zwischen koscher gemäß dem Kaschrut-Zertifikat und nicht-koscher unterschieden werden müsse.

Als Reaktion auf das Gerichtsurteil erwägt die tendenziell liberal-orthodoxe Rabbinerorganisation Tzohar (dt. Öffnung), die sich als Brückenbauer zwischen der orthodoxen und der sich als säkular verstehenden Gesellschaft sieht, ebenso einen unabhängigen Kaschrut-Service anzubieten. Momentan führt sie eine wirtschaftliche Machbarkeitsstudie durch mit dem Ziel, mehr als 10 Prozent des Kaschrut-Marktes für Restaurants, Cafés, Imbisse und Hotels in Israel für sich zu gewinnen.

Die Frage, welche Folgen sich aus dem Urteil des Obersten Gerichtshof ergeben, ist jedoch innerhalb der israelischen Regierung umstritten. Der Rechtsberater des staatlichen Oberrabbinats verweist darauf, dass in der Gerichtsentscheidung die Frage nach der Aufsicht über die Kaschrut nicht geklärt ist. Seiner Ansicht nach darf zwar ein Geschäftsinhaber nun selbst darauf hinweisen, welche Kaschrut-Vorschriften eingehalten werden, aber weiterhin dürfe keine andere Organisation als das staatliche Oberrabbinat zur öffentlich ausgewiesenen Aufsicht über die Einhaltung der jüdischen Speisegesetze beauftragt werden. Stimmen im von der Partei Kulanu geführten Finanzministerium hingegen sehen in dem Gerichtsurteil eine Öffnung des Marktes, die es ermöglicht, dass Organisationen wie Hashgacha Pratit und Tzohar öffentlich durch Geschäftsinhaber zur Aufsicht über die Einhaltung der Kaschrut beauftragt werden können und dies durch eine Beurkundung bezeugen dürfen.

Die Hashgacha Pratit nahestehende Knessetabgeordnete Rahel Azaria (Kulanu) fordert, dass dem staatlichen Oberrabbinat im Bereich der Kaschrut zukünftig nur noch eine regulierende Funktion zukommen dürfe und ein wirtschaftlicher Wettbewerb ermöglicht werden solle.

Entscheidend für die Beantwortung der Frage, welche Folgen sich aus dem Urteil des Gerichtshofes ergeben, wird die Auslegung des Generalstaatsanwaltes in seiner Funktion als Rechtsberater der Regierung sein. Diese Entscheidung wird in den kommenden Wochen erwartet. Währenddessen beabsichtigen die ultra-orthodoxen Regierungsparteien, die in der gegenwärtigen Regierung ein wichtiger Stabilitätsfaktor sind, durch eine Gesetzesänderung das Monopol des Oberrabbinats abzusichern und das Urteil zu umgehen. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass weder eine Organisation, noch ein unabhängiger Rabbiner, noch ein Geschäftsinhaber schriftlich in Restaurants, Cafés, Imbissen oder Hotels die Einhaltung der jüdischen Speisegesetze bezeugen darf.

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