Neue Marschrichtung

Bisher wird der Lebenskundliche Unterricht für Soldaten von Militärseelsorgern erteilt – Das könnte sich nun ändern, denn die Bundeswehr will die ethische Bildung der Soldaten neu konzipieren. Von Carl-Heinz Pierk
Bundeswehrsoldaten in der Grundausbildung
Foto: dpa | Ethische Orientierung soll der Lebenskundliche Unterricht den Soldaten geben.

Fast nirgends auf der Welt ist die Militärseelsorge so aufgebaut wie in Deutschland: Der Militärbischof und die Militärgeistlichen stehen deshalb außerhalb der Kommandostruktur der Bundeswehr. Sie haben keinen Dienstgrad. Kein Befehlshaber kann dem Militärbischof oder den Militärgeistlichen Anweisungen geben. Sie nehmen ihren Seelsorgeauftrag in der Verantwortung der Kirche wahr. Dieser soll als Bestandteil der „Inneren Führung“ die Soldaten befähigen, ethisch fundiert und verantwortungsbewusst zu handeln. Im Angebot hat die Militärseelsorge sogenannte persönlichkeitsbildende Maßnahmen wie Werkwochen, Familienwochenenden, Besinnungstage, Gottesdienste und persönliche Gespräche bis hin zum Lebenskundlichen Unterricht.

Teil der Gesamterziehung des Soldaten

Die Aufgabe des Lebenskundlichen Unterrichts wurde bei der Gründung der Bundeswehr den Militärgeistlichen anvertraut. Wie hoch sein Stellenwert schon damals gesehen wurde, drückt sich in der Zentralen Dienstvorschrift (ZDv) 66/2 aus dem Jahr 1959 aus. Hier heißt es: „Der Lebenskundliche Unterricht in der Truppe ist im Zusammenhang mit der Gesamterziehung der Soldaten zu sehen. Er behandelt sittliche Fragen, die für die Lebensführung des Menschen, seine Beziehung zur Umwelt und für die Ordnung des Zusammenlebens in jeder Gemeinschaft wesentlich sind. Er hat die Aufgabe, dem Soldaten Hilfe für sein tägliches Leben zu geben und damit einen Beitrag zur Förderung der sittlichen, geistigen und seelischen Kräfte zu leisten, die mehr noch als fachliches Können den Wert des Soldaten bestimmen.“

Bewährtes Konzept soll geändert werden

Soldat sein heute in einer Einsatzarmee heißt im Extremfall: Entscheidungen über Leben und Tod treffen zu müssen. Es heißt aber auch, seinem Gewissen verpflichtet zu sein. Darauf werden Soldatinnen und Soldaten vorbereitet – auch durch die ethische Bildung der Militärseelsorge. Im Auftrag der Bundeswehr erteilen die Katholische und die Evangelische Militärseelsorge den Lebenskundlichen Unterricht (LKU), der keine religiösen, sondern ethische Fragen thematisiert. Der LKU ist somit kein Religionsunterricht, wird aber in der Regel von Militärseelsorgern und besonders qualifizierten Lehrkräften während der Dienstzeit erteilt. Ziel ist es, das moralische Urteilsvermögen und die Gewissensbildung der Soldaten zu stärken. In der ZDv A-2600/1 „Innere Führung – Selbstverständnis und Führungskultur“ wird der Lebenskundliche Unterricht als „wesentlicher und unverzichtbarer Beitrag“ der Militärseelsorge bezeichnet. Nun soll der Ethik-Unterricht für Soldaten nach Plänen des Verteidigungsministeriums neu geregelt werden. Will die Bundeswehr den Soldaten künftig selbst erklären, was moralisch geboten ist?

Wie die zuständige Abteilung Führung Streitkräfte (FüSK) des Verteidigungsministeriums im November auf einer Tagung in Berlin mitteilte, wird derzeit eine Zentrale Dienstvorschrift erarbeitet, die die „Ethische Bildung in der Bundeswehr“ neu organisieren soll. Das Papier mit der voraussichtlichen Nummer ZDv A-2620/6 soll im Laufe dieses Jahres vorliegen. In einer Powerpoint-Präsentation, die die FüSK in Berlin zeigte, hieß es, die Vorschrift werde „Aufgaben, Grundlagen und Ziele der ethischen Bildung in der Bundeswehr sowie deren Funktion in der Aus- und Weiterbildung systematisch und kompakt“ festlegen. Was das konkret bedeutet ist noch offen. „Klar ist aber: So wie bisher soll es mit der Ethik in der Bundeswehr nicht weitergehen, sonst bräuchte es ja keine neue Vorschrift.

Was eine ziemlich schlechte Nachricht für die Militärseelsorge sein dürfte“, schrieb die „Herder Korrespondenz“ in ihrer Januar-Ausgabe. Schlechte Nachrichten also für die Militärseelsorge in einer Zeit, in der es in der Bundeswehr ungefähr 25 bis 30 Prozent katholische Soldatinnen und Soldaten gibt? Die Katholische Militärseelsorge zeigt sich besorgt. Militärgeneralvikar Reinhold Bartmann schrieb im Neujahrsgruß: „Wir setzen als Militärseelsorge auf die Zusage, dass im Rahmen der Erarbeitung einer neuen Ethik-Vorschrift der Lebenskundliche Unterricht weder verändert noch abgewertet wird. Wir bringen uns als Militärseelsorge im Verbund mit den Einrichtungen des Katholischen Militärbischofs und eigener Expertise mit unseren Erfahrungen und Perspektiven ein.“

Wehrbeauftragter stützt Militärseelsorge

Wie in den Jahren zuvor hat die Militärseelsorge einen kompetenten Fürsprecher. In seinem Bericht für das Jahr 2018 schreibt der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels (SPD): „Abzuraten ist dem Ministerium von einer Abkehr von der bisher gut funktionierenden Zusammenarbeit mit bewährten Trägern wie die Militärseelsorge.“ Die Arbeit der Militärseelsorge genieße zu Recht innerhalb der Truppe eine hohe Wertschätzung.

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