Neue Dimension des Terrors

In Nigeria bekämpft die islamistische Sekte „Boko Haram“ das westliche System. Neuerdings mit Selbstmordattentaten. Von Carl-H. Pierk
Foto: dpa | Hilfsaktion nach dem Selbstmordanschlag auf am Freitag in Abuja.
Foto: dpa | Hilfsaktion nach dem Selbstmordanschlag auf am Freitag in Abuja.

Nach ihrem Anschlag auf das UN-Gebäude in der nigerianischen Hauptstadt Abuja hat die radikal-islamische Sekte „Boko Haram“ mit weiterer Gewalt gedroht. Bei dem Terrorakt am Freitag waren mehr als zwanzig Menschen ums Leben gekommen, darunter mindestens 15 UN-Mitarbeiter. Papst Benedikt XVI. äußerte seine Bestürzung über den Sprengstoffanschlag auf den Sitz der Vereinten Nationen in Abuja. In Telegrammen an UN-Generalsekretär Ban Ku-Moon und Nigerias Präsident Goodluck Jonathan verurteilte er den terroristischen Akt. Mit Selbstmordattentaten hat der Terror von „Boko Haram“ eine neue Dimension erreicht.

Die auch als „Taliban Nigerias“ bezeichnete extremistische Gruppe „Boko Haram“ wurde vermutlich 2002 in Kano, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, gegründet. Der Name bedeutet in der Haussa-Sprache „moderne Bildung ist Sünde“. Ihr Anführer Mohammed Yussuf predigte zunächst friedlich gegen jeden westlichen Einfluss auf die Gesellschaft im muslimisch dominierten Norden Nigerias. Als Hauptursache für die Schwierigkeiten in Nigeria sah er das westliche Kultur- und Bildungssystem, das Politik, Wirtschaft und Gesellschaft korrumpiere. Damit richtet sich seine Bewegung in erster Linie gegen Vertretungen des staatlichen Establishments wie Regierungsgebäude, Behörden, Polizeistationen oder Schulen, in zweiter Linie aber potenziell auch gegen Kirchen als Vertretung des falschen Glaubens und vermeintlich westlicher Kultur sowie gegen muslimische Einrichtungen, die in ihren Augen den Islam „verwässern“. Den ersten großen Kampf mit den Sicherheitskräften lieferten sich Mohammed Yussuf und seine Anhänger 2009 in ihrer Hochburg Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaats Borno nahe der Grenze zu Kamerun und Tschad. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen verloren dabei 800 Menschen ihr Leben. Yussuf selbst wurde erschossen, nachdem das Militär ihn der Polizei übergeben hatte.

Anders als sein muslimischer Amtsvorgänger Umaru Musa Yar'Adua hatte Nigerias neuer Präsident Goodluck Jonathan, ein Christ, zunächst versucht, den Konflikt durch Dialog zu lösen. Eine Kommission sollte Verhandlungen mit „Boko Haram“ vorbereiten. Doch die islamischen Extremisten, die mit Gewalt einen sogenannten Gottesstaat auf der Basis der Scharia-Rechtsprechung anstreben, haben bisher nicht auf das Angebot reagiert. Nun schlägt auch Jonathan härtere Töne an. Das jüngste Attentat nennt er „barbarisch“ und „feige“. Den Kampf gegen den Terror will er nun mit aller Härte führen. Der Druck auf Nigerias Regierung wächst, denn „Boko Haram“ hat mit dem UN-Gebäude erstmals ein internationales Ziel angegriffen. Außerdem gab das US-Militär gerade bekannt, dass die Gruppe gut vernetzt sein soll mit El-Kaida im islamischen Maghreb und der Shabaab-Miliz in Somalia.

Nigeria ist mit Abstand das bevölkerungsreichste Land Afrikas und versucht sich nach Jahren der Militärdiktatur an seiner Demokratisierung und wirtschaftlichen Entwicklung. Doch das Land konnte bisher seine reichen Erdölvorkommen aufgrund von Korruption nicht zur erfolgreichen Armutsbekämpfung nutzen. Viele Menschen mussten ihre Heimat verlassen, weil die von ausländischen Konzernen kontrollierte Ölförderung den Boden und das Wasser verseucht hat. Armut führt jedoch immer zu Intoleranz und diese zu Gewalt. Es verwundert nicht, dass solche Gruppen wie „Boko Haram“ entstehen und Zulauf haben. Und es rächt sich, dass die einstige englische Kolonialmacht im Norden keine Schulen, Krankenhäuser und andere Einrichtungen gründete, mit denen die Grundlage für die Entwicklung des Ostens und Südens gelegt wurde. Die Ungleichheit zwischen dem Norden und Süden des Landes birgt somit enormen Sprengstoff. Quer durch Nigeria verläuft eine Linie, die zwar auf keiner Landkarte, aber dafür in den Köpfen eingezeichnet ist und das Land grob in zwei Hälften teilt: in den überwiegend christlich-animistischen Süden und den überwiegend muslimischen Norden. Ungeachtet der Proteste christlicher Kirchen haben inzwischen zwölf Bundesstaaten im Norden Nigerias die Scharia eingeführt. Obwohl das islamische Recht in zivilen und strafrechtlichen Angelegenheiten nicht für Nicht-Muslime angewendet werden darf, sind Christen im Norden Nigerias häufig mit der Anwendung der Scharia konfrontiert. Sie sehen sich zudem Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt.

Neben der Scharia trägt auch die ethnische Struktur des Vielvölkerstaates Nigeria zur Eskalation der Gewalt bei. Drei große ethnische Gruppen bestimmen seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1960 weitgehend das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben: Die christlichen Yoruba im Südwesten, aus deren Reihen auch Präsident Goodluck Jonathan stammt; die christlichen Ibo im Südosten, deren Versuch einer Loslösung aus dem nigerianischen Staatsverband im Völkermord in Biafra Ende der 60-er Jahre tragisch endete sowie die muslimischen Haussa-Fulani, die überwiegend im Norden sowie im Zentrum des Landes leben. Daneben gibt es im Nigerdelta und im Zentrum Nigerias (dem sogenannten Middle Belt) zahlreiche Minderheiten, die sich als benachteiligt empfinden. Seit Jahren beklagen sie, dass sie im wirtschaftlichen wie auch im politischen Leben von den dominierenden drei großen Bevölkerungsgruppen diskriminiert werden. Viele der Konflikte, die vorschnell als religiös motiviert bezeichnet werden, sind auf die Benachteiligung dieser Minderheiten zurückzuführen. Neben zum Teil seit Jahrzehnten schwelenden Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen spielen wirtschaftliche Fragen eine wichtige Rolle bei den bewaffneten Auseinandersetzungen.

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