Sudetendeutsche

"Nationalismus ist der Kern der Probleme"

Die Sudetendeutschen spielen die Rolle einer natürlichen Brücke, sagt im "Tagespost"-Interview Daniel Herman, einst Pressesprecher der Tschechischen Bischofskonferenz und Kulturminister der Tschechischen Republik.

Sudetendeutsche - Spurensuche zur Vertreibung
Ein Flüchtlingszug mit vertriebenen Sudentendeutschen trifft im Durchgangslager Wiesau ein. Mehr als eine halbe Million Heimatvertriebener kam vor 75 Jahren hier im Durchgangslager Wiesau in der Oberpfalz an, um dann im Bundesgebiet verteilt zu werden. Foto: dpa (A0009_dpa)

Deutsch- und Tschechischsprachige lebten in den Ländern der Wenzelskrone über Jahrhunderte zusammen. Oder doch nur nebeneinander?

Nein. Ich glaube: miteinander! Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die kulturelle Identität dieses Landes eine Symbiose aus drei dominanten Kulturen ist: der tschechisch-böhmischen, deutsch-böhmischen und jüdisch-böhmischen. Diese Symbiose hat die kulturellen Fundamente dieses Landes geprägt. Es gab sogar eine "böhmische Sprache", die weder richtig Tschechisch noch richtig Deutsch war, aber von jedem verstanden wurde.

Dennoch: Sind die Missverständnisse und Ressentiments nicht älter als ein Jahrhundert? Denken wir an Rudolf gegen Ottokar, an Jan Hus, an die Schlacht am Weißen Berg.

All das führte aber nicht zum Nationalismus. Die Nationalität spielte damals keine Rolle. Das kam erst im 19. Jahrhundert mit der Geburt des Nationalismus. Dieser ist der Kern der Probleme.

Die erste Tschechoslowakei definierte sich 1918 als Land der Tschechen und Slowaken. Warum wurden damals die anderen  Deutsche und Ungarn   vergessen?

Der Erste Weltkrieg war fatal für die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Nationalismus des 19. Jahrhunderts führte in diesen großen Krieg. Und gewonnen haben am Ende ebenfalls die nationalistischen Tendenzen. Die Habsburger-Monarchie war ein multinationaler Staat, in dem alles mehr oder weniger gut funktionierte, trotz aller nationalen Spannungen. Nach dem Ersten Weltkrieg spitzten sich die Spannungen zu, was kontraproduktiv war. Eine große Minderheit in den Ländern der böhmischen Krone, die deutschsprachige Volksgruppe, aber auch die Slowaken waren unzufrieden. Die Idee des Tschechoslowakismus war etwas Künstliches.

Österreich-Ungarn war ein Vielvölkerstaat ohne Mehrheitsvolk. Alle waren Minderheit. War die Tschechoslowakei ein Vielvölkerstaat, der seine Minderheiten ignorierte?

Das glaube ich schon. Ja, leider. Obwohl Präsident Toma  Masaryk sicher ein großer Politiker und Denker war.

"Der nationalsozialistische Terror war immens.
Er hat tiefe Wunden hinterlassen."

Zwischen 1938 und 1946 eskalierten Hass, Ressentiment, Gewalt. Wie tief sitzen bei den Tschechen heute Schmerz und Verbitterung über jene Epoche und das erlittene Unrecht? Ist da eine offene Wunde?

Eine offene Wunde vielleicht nicht, aber es spielt eine große Rolle. Die Vorgänge 1938/39, dann die Zeit der Okkupation, das war alles sehr schwer. Der nationalsozialistische Terror war immens. Er hat tiefe Wunden hinterlassen. 1945 begann die ethnische Säuberung. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Vertreibung der Deutschsprachigen aus Böhmen, Mähren und Schlesien der erste Schritt der Sowjetisierung war.

Sie war allerdings nicht eine Idee Stalins, sondern von Edvard Bene .

Das stimmt, aber ohne Moskau wäre sie nicht möglich gewesen. Auffällig ist doch, dass es westlich des Eisernen Vorhangs keine Vertreibung gab, sondern nur östlich davon: in der Tschechoslowakei, in Polen, in der Sowjetunion. Hier sieht man den Unterschied: Im Westen wurde durch eine individuelle, rechtsstaatliche Optik bewertet, im Osten durch eine ethnische Optik. Man darf nie generalisieren: Es gibt nicht "die Deutschen" oder "die Tschechen" und "die Juden". So etwas wie Kollektivschuld gibt es nicht. Es gibt nur Menschen mit individueller Verantwortung. Das habe ich in meiner eigenen Familie leidvoll erfahren. Ich stamme aus einer halb-jüdischen Familie. Viele meiner Verwandten wurden in Konzentrationslagern ermordet. Aus der tragischen Geschichte meiner eigenen Familie habe ich gelernt, dass man nie generalisieren und nach ethnischen Kriterien urteilen darf. Das jedoch war nach dem Krieg der Fall.

Gibt es in der tschechischen Gesellschaft heute ein Bewusstsein dafür, dass 1945/46 Tschechen von Opfern zu Tätern wurden und dass den Sudentendeutschen Unrecht geschah?

Immer mehr. Es wächst! In der Zeit des kommunistischen Regimes war diese Frage tabuisiert. Darüber konnte man nicht sprechen, außer vielleicht in der sehr kurzen Periode 1968. Erst in den letzten 30 Jahren können wir darüber offen reden. Es gibt heute Filme, Publikationen, akademische Studien, die sich um Objektivität bemühen. Für die jüngere Generation ist das schon etwas, was zur eigenen Geschichte gehört. Es ist jedenfalls ein Thema. In der kommunistischen Zeit war die Situation so, wie es George Orwell in "1984" beschrieb: Es gab eine totale Kontrolle und massive kommunistische Propaganda. Vier Jahrzehnte lang war die Vertreibung ein Tabu.

Die tschechischen Kommunisten schürten die Ressentiments der deutschen Kollektivschuld und des sudetendeutschen "Revanchismus". Wirken diese Narrative, die einer Versöhnung im Weg stehen, heute noch in der tschechischen Gesellschaft nach?

Natürlich hat das Spuren hinterlassen. 40 Jahre kommunistischer Propaganda haben ihre Wirkung. Aber nicht mehr bei der jüngeren Generation. Vor allem die Kommunisten und die xenophoben Nationalisten wollen heute noch mit dieser Karte spielen. Das funktioniert aber immer weniger. Gerade die jungen Menschen verstehen, dass das, was damals geschah, ein Akt der Rache war und kein Akt der Gerechtigkeit.

Was hat das Land durch die Vertreibung der Sudetendeutschen verloren?

Das Land hat mehrfach verloren. Schon während des Krieges durch die Vernichtung der jüdischen Gemeinde, dann durch die Vertreibung der Deutschsprachigen. Zwei der drei Kulturen, die für die Symbiose dieses Landes konstitutiv waren, gingen verloren. Das hat dieses Land sehr beschädigt. Man sieht das heute noch in den Grenzgebieten. Viele Tschechen erkennen, dass die Identität dieser Regionen deutsch war. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus kamen viele Heimatvertriebenen, um bei der Rettung von Kirchen und Kapellen zu helfen. Das hat viel Gutes bewirkt. Unsere Leute sahen: Das sind keine Revanchisten, sondern unsere Freunde! Die Kommunisten haben uns auch in diesem Fall belogen.

"Wir gehören zusammen!"

Sie waren 2016 als erstes Mitglied einer tschechischen Regierung beim Sudetendeutschen Tag. Warum?

Ich wollte zeigen, dass die Zeit dafür reif ist. Die Aufarbeitung der Vergangenheit war und ist ganz wichtig. Das ist meine Überzeugung. Wir müssen zeigen, dass wir zusammengehören, darum begrüßte ich die Sudetendeutschen mit der Anrede "liebe Landsleute". Wir hatten damals eine Koalitionsregierung, und alle haben befürwortet, dass ich zum Sudetendeutschen Tag fahre. Kritik kam nur von den Kommunisten und von der nationalistischen SPD ("Freiheit und direkte Demokratie"). Auch Präsident Zeman sagte kein Wort gegen meinen Auftritt.

Als Modell eines Wandels von vermeintlicher "Erbfeindschaft" zu stabiler Freundschaft gilt die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen. Ist das ein Modell?

Genau darum geht es! Wir müssen zusammen Hand in Hand in die Zukunft gehen. Wir gehören zusammen! Deutschland ist für uns der wichtigste Nachbar und Handelspartner, mit zahlreichen Schul- und Gemeindepartnerschaften. Die Beziehungen zu Deutschland sind eine Priorität der tschechischen Außenpolitik. Das versteht jeder. Das Jahrzehnt ab 1938 muss aufgearbeitet werden. Das braucht seine Zeit. Die Sudetendeutschen spielen dabei die Rolle einer natürlichen Brücke. Unser kulturelles Erbe verbindet uns. Das ist nicht bloß Nachbarschaft, denn sie waren ja Töchter und Söhne der Länder der böhmischen Krone, bis die Nationalismen diese Einheit zerstörten. Repräsentanten der Sudetendeutschen Volksgruppe waren von Anfang an im Versöhnungsprozess dabei.

Sie waren von 1989 bis 2007 Priester, zeitweise Sekretär von Kardinal Vlk und Pressesprecher der tschechischen Bischofskonferenz. Warum wurden Sie in der Umbruchsphase des Landes Priester? Und warum baten Sie 2007 um Laisierung?

Meine Familie hatte kein leichtes Schicksal, weder während des Krieges noch im Kommunismus. Ich sah im Kommunismus etwas ganz Böses und suchte eine positive Alternative. Diese fand ich in der Kirche, die wie eine Insel im Ozean der Unfreiheit war. Rückblickend muss ich sagen, dass mein Weg durch politische Gedanken beeinflusst war: Ich wollte etwas Positives machen, nicht nur destruktiv sein. Es ging mir um eine Änderung der Gesellschaft. Dafür war in den 1980er Jahren die Kirche der einzige Raum. Ich wurde im Juni 1989 geweiht, vier Monate vor der Wende. Dann öffnete sich der Raum der Freiheit. Mit Miloslav Vlk   zuerst als Bischof in Budweis, dann als Kardinal in Prag   konnte ich an einer neuen Welt mitbauen. Da war jene Atmosphäre, von der wir zuvor geträumt hatten. Ich war nie Pfarrer, sondern ganz in der Administration. Mehr und mehr spürte ich, dass ein ziviles Engagement für mich der richtige Weg ist.

Sie dürften über das Niveau der tschechischen Politik keine Illusionen gehabt haben. Warum taten Sie sich diesen Weg an?

Die Möglichkeit, etwas zum Positiven zu beeinflussen, war und ist für mich reizvoll. Ich bin sehr dankbar für alle Perioden meines Lebens. Die Zeit in der Politik war interessant und bereichernd.

Als Kulturminister waren Sie auch für die Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig. Wie säkular oder atheistisch ist Tschechien heute?

Den Zahlen nach sehr. Es stimmt, dass sich die Mehrheit nicht mit einer Kirche oder Religionsgemeinschaft identifiziert. Aber das heißt nicht, dass sie die vertikale Dimension des Lebens nicht verstehen. Die Menschen sind auf der Suche. Darum darf die Kirche zu den Leuten des 21. Jahrhunderts nicht in einer Sprache des 19. Jahrhunderts sprechen. Gerade die junge Generation ist offen und auf der Suche nach einer spirituellen Dimension des Lebens.

Warum ist die religiöse Situation der Tschechen so grundverschieden von ihren nächsten Verwandten, den Slowaken?

Die Mehrheit unserer Gesellschaft weiß, dass das Christentum grundlegend für unsere Identität ist. Praktizierend religiös ist aber nur eine Minderheit. Die Unterschiede liegen in unserer Geschichte: In der nationalen Erinnerung spielt das Vorgehen der katholischen Kirche gegen Jan Hus immer noch eine Rolle. Man fühlt: Rom war gegen uns.

Wie haben sich die Rechtsstellung und das Prestige der katholischen Kirche zuletzt entwickelt?

Die Situation der Kirche war in der kommunistischen Zeit sehr schwierig. Die Kirche zählte zu den Feinden des Regimes. Religion war tabuisiert. Das half später auch in jenen Kreisen, die antikirchlich orientiert waren. Die Diözesen konnten wieder besetzt werden. Die Restitutionsfrage war nicht einfach, aber heute gibt es nur mehr ganz wenige offene Rechtsfragen. Die Caritas, die kirchlichen Schulen und Spitäler werden auch bei jenen, die nicht praktizierende Christen sind, sehr geschätzt.

Nicht nur, aber auch in Prag gibt es Politiker, die die EU kritisieren, aber Wladimir Putin gerne Rosen streuen. Wie beurteilen Sie die Zentrifugalkräfte in der EU?

Bei uns ist die Mehrheit der Bevölkerung pro-europäisch. Nur die Kommunisten und die nationalistische SPD spielen mit Polemik. Die zwei fundamentalen Pfeiler der tschechischen Außenpolitik sind die Zugehörigkeit zur Europäischen Union und zur NATO.

Heute vertreten Sie das Fürstentum Liechtenstein als Honorarkonsul in Brünn. Wie kam es dazu und was ist hier Ihre Aufgabe?

Die Beziehungen zwischen der Familie Liechtenstein und den Ländern der böhmischen Krone haben eine Geschichte von mehr 750 Jahren. 1249 hat der böhmische König Przemysl Ottokar II. der Familie die Herrschaft über Nikolsburg gegeben. Seitdem ist die liechtensteinische Präsenz hier sehr intensiv. 1938 emigrierte der Fürst erstmals nach Vaduz und hielt sein Land in Allianz mit der Schweiz im Zweiten Weltkrieg neutral. 1945 wurden die Liechtensteiner als Deutsche enteignet. Aber sie waren weder Deutsche noch Kollaborateure. Erst nach der Wende haben sich die Beziehungen wieder verbessert. Das Honorarkonsulat ist der verlängerte Arm der Botschafterin, die in Wien residiert. Ich bin zuständig für die Kulturdiplomatie.

Wie ist der Stand der Verhandlungen hinsichtlich einer Restitution des Fürstenhauses?

Die Causa liegt heute beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Es geht dabei nur um einen begrenzten Teil der Herrschaften vor dem Ersten Weltkrieg.

Sie erhalten am 17. Juli in München den Karlspreis der Sudetendeutschen. Was bedeutet für Sie diese Auszeichnung?

Die Verleihung dieser Auszeichnung verstehe ich als große Unterstützung für meinen Beitrag zur deutsch-tschechischen Verständigung und für die Versöhnung und Freundschaft zwischen Deutschen und Tschechen, für den Abbau von Vorurteilen und die Vertiefung der weiteren Zusammenarbeit. Wir gehören zusammen und müssen die Brücken weiterbauen. Kaiser Karl IV. war eine wirklich europäische Person, dessen Mission uns auch heute inspiriert. Wir Völker der Länder der böhmischen Krone müssen das gemeinsame europäische Haus weiterbauen.


Daniel Herman war Pressesprecher der Tschechischen Bischofskonferenz und tschechischer Kulturminister.

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