Nach Wegen aus der Blockade suchen

Für den Vorsitzenden der Misereor-Kommission, Hamburgs Erzbischof Werner Thissen, hat der Welt-Klimagipfel eine historische Chance verpasst

Welche Erwartungen hatten Sie im Vorfeld des Gipfels? Und welches Resümee ziehen Sie?

Ich bin bitter enttäuscht. Wir hatten ein ambitioniertes und vor allem rechtlich verbindliches Klimaabkommen gefordert. Eine historische Chance wurde verpasst. Das hätte nicht passieren dürfen. Denn alle kennen die katastrophalen Folgen gerade für die ärmeren Länder des Südens: Wassermangel, Überschwemmungen und Dürren. Diese Tatenlosigkeit könnte mittelfristig 600 Millionen Menschen zusätzlich in den Hunger treiben. Wir tragen Verantwortung für die Menschen, die unter dem Klimawandel leiden. Mir bleibt die Hoffnung, dass alle aus dem Scheitern von Kopenhagen lernen, und nach Wegen aus der Blockade suchen.

Wird gerade beim Thema „Klimagerechtigkeit“ die Kluft zwischen Nord und Süd besonders deutlich?

Die Entwicklungsländer haben zu Recht Ausgleichszahlungen von den größten Verursachern gefordert, um die Folgen des Klimawandels bewältigen zu können. Die Schwellenländer hingegen sind prinzipiell zum Klimaschutz bereit, fordern aber auch finanzielle und technische Unterstützung. Ihnen fehlen Finanzen und saubere Technologien. Beides kann die weltweite Solidarität stärken und ist notwendig, um die Klimakrise zu lösen. Kurzfristige wirtschaftliche Interessen sind über die historische Verantwortung für den Klimawandel gestellt worden. Von außen sieht dies nach einem Nord-Süd-Konflikt aus, es ist aber auch ein Streit um Entwicklungschancen zwischen Erdölstaaten, Industrienationen, Schwellen- und Entwicklungsländern.

Ist zumindest bei einem Teil der Industriestaaten Einsicht erkennbar, dass sie ihre globale Verantwortung stärker wahrnehmen müssen?

Um die Erderwärmung auf die sehr wichtigen zwei Grad zu beschränken, nennt uns die Wissenschaft klare Zahlen: Dazu sind Treibhausgasreduktionen von mindestens 40 Prozent bis 2020 notwendig. Alle Industrienationen erkennen dies an, aber keiner will entsprechend handeln. Aus einem ambitionierten Klimaschutz kann man sich auch nicht freikaufen. Jedes Zehntel Grad Temperaturanstieg fordert Menschenopfer in den Ländern des Südens, sei es durch Ernteausfälle, Überflutungen oder Wirbelstürme.

Sie haben sich auch sehr kritisch geäußert zu der Entscheidung des Bundestages, „Klimagelder“ für die ärmeren Länder nicht zusätzlich aus dem Bundeshaushalt bereitzustellen. Glauben Sie, dass es in diesem Punkt doch noch zu einem entwicklungspolitischen Umdenken kommt?

Leider ist davon noch nichts zu spüren. Wir als Kirche werden auf Veränderungen drängen. Die Bundesregierung betont zwar immer wieder, dass sie die Gelder zur Armutsbekämpfung nicht reduzieren will. Sie werden jedoch auch nicht erhöht, wie seit vielen Jahren versprochen. Das ist der kritische Punkt! Die Bundesregierung darf sich nicht aus ihrer Verantwortung gegenüber den Ärmsten der Welt schleichen. Die Millenniumsentwicklungsziele müssen weiter aktiv angegangen werden.

Begrüßt wurde von Ihnen die Ankündigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Einführung der Finanztransaktionssteuer offen halten zu wollen. Könnte eine solche Steuer tatsächlich ein Instrument sein, um zusätzliche Mittel für Armutsbekämpfung und Klimaschutz zu generieren?

Sie kann mit einfachen Mitteln, ohne die Geschäftstätigkeit zu behindern, hohe Einnahmen erzielen, je nachdem, wie viele Länder eine solche Steuer einführen. Es würde eine Gerechtigkeitslücke geschlossen werden. Während Arbeit und Konsum automatisch besteuert werden, ist das bei den Finanztransaktionen, mit denen enorme Gewinne eingefahren werden, nicht der Fall. Diese Gewinne verdanken sich zum großen Teil der Globalisierung. Es ist deshalb nur fair, wenn sie auch einen Beitrag für die negativen Folgen von Globalisierung leisten, mit denen insbesondere die Armen in Entwicklungsländern konfrontiert sind. Und schließlich kann eine solche Steuer zu einem wirksamen Mittel gegen verantwortungslose Spekulation werden. Das wäre nicht nur eine Vorsorgemaßnahme gegen zukünftige Finanzkrisen. Es wäre auch ein wichtiger Beitrag für Armutsbekämpfung und Klimaschutz.

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