„Mullah aus der Steinzeit“

Die Exekution von Taliban-Chef Mansur ebnet Hardlinern den Weg. Von Klaus Wilhelm Platz
Jamatud Dawa protest US drone strike
Foto: dpa | Der Drohnen-Anschlag auf Taliban-Chef Mulla Mansur hat die anti-amerikanische Stimmung in Pakistan weiter angeheizt.
Jamatud Dawa protest US drone strike
Foto: dpa | Der Drohnen-Anschlag auf Taliban-Chef Mulla Mansur hat die anti-amerikanische Stimmung in Pakistan weiter angeheizt.

Vier Tage nach dem Tod von Taliban-Chef Mulla Mansur durch einen amerikanischen Drohnenangriff auf pakistanischem Staatsgebiet haben sich die radikalen Islamisten bereits auf einen neuen Anführer geeinigt. Es ist der Mullah Haibutullah (ungefähr übersetzbar mit „Fürchtegott“) mit dem Familiennamen Achundsada. Er hat bisher keine besondere Rolle auf dem Schlachtfeld gespielt, sondern galt vor allem als Religionsgelehrter und Ideologe. Die Nachrichtenagentur Al Dschasira aus dem Golfemirat Qatar bezeichnet den etwas über Fünfzigjährigen als unter den Taliban wohlbekannte Persönlichkeit. Als Angehöriger des Paschtunen-Stammes der Nursai, aus dem eine der stärksten Gruppierungen innerhalb der Taliban-Bewegung kommt, sei Achundsada der geeignete Mann, um die in den vergangenen Jahren arg zerstrittenen afghanischen Rebellen zu einen. Wahrscheinlich deshalb sei er zu ihrem neuen Oberhaupt gewählt worden, meint die weltweit agierende arabische Nachrichtenquelle. Dass die Wahl einstimmig erfolgte, erscheint unwahrscheinlich.

„Mit dem neuen Taliban-Chef haben sich nach Ansicht afghanischer und pakistanischer Sicherheitsexperten die Extremisten durchgesetzt, schreibt das amerikanische Rechercheinstitut „Afghanistan Analyst Network“. „Es sieht so aus, als habe die Tötung Mansurs den Hardlinern den Weg freigemacht“, meint der pakistanische Sicherheitsexperte Talaat Masood. Dessen afghanischer Kollege Baschier Bisan geht so weit zu behaupten, Achundsada ziehe den Krieg dem Frieden und den Tod dem Leben vor. Ob dieses Zitat echt ist, gilt allerdings nicht als sicher. Jedenfalls ist der neue Taliban-Chef – im Gegensatz zu vielen „Feldkommandeuren“ der afghanischen Rebellen – ein relativ gebildeter Religionsgelehrter und versierter Scharia-Richter, der sich besonders gut in den „hadith“ auskennt, den überlieferten Aussprüchen des Propheten Mohammed.

Achundsada gehörte in den neunziger Jahren zu den Taliban der ersten Stunde. Nachdem deren Rebellenregierung 2001 gestürzt worden war, übernahm er die ideologische Schulung der Kämpfer und Kommandeure und lieferte ihnen mit seinen aufrührerischen „fatwas“ die religiöse Legitimation für ihren Kampf gegen die amerikanischen Truppen und die neue Regierung in Kabul. Zuletzt war Achundsada einer der Stellvertreter des Taliban-Führers Mansur gewesen. „Der neue Taliban-Führer ist ein Mullah aus der Steinzeit“, zitiert Al Dschasira den Afghanistan-Experten Somi Yusufi, der sowohl den von den Amerikanern getöteten Mulla Mansur als auch dessen jetzigen Nachfolger Achundsada in jüngerer Zeit getroffen hat. „Die Ernennung von Achundsada könnte den Friedensprozess in Afghanistan erheblich beeinträchtigen, denn er ist ein kompromissloser „mujahid“ (Kämpfer), der die Taliban wieder zusammenbringen und stärken wird“, schreibt der Afghanistan-Experte Yusufi bei Al Dschasira. Amerikanische Experten gehen davon aus, dass die Kämpfe in dem Land am Hindukusch und den angrenzenden pakistanischen Gebieten für die offizielle afghanische Armee und ihre amerikanischen Alliierten in Zukunft heftiger werden. Die seit Monaten geführten Friedensgespräche mit einigen der wichtigeren Taliban-Gruppen dürften wohl zumindest ins Stocken geraten.

Neuer erster Stellvertreter von Mulla „Fürchtegott“ Achundsada wurde inzwischen Siradschuddin Hakkani, der zuvor schon als Stellvertreter des getöteten Mulla Mansur fungiert hatte. Hakkani werden die grausamsten und am meisten öffentlichkeitswirksamen Anschläge der Taliban zugeschrieben. NATO-Kreise in Afghanistan nehmen an, dass er weiterhin den zuletzt recht erfolgreichen Kampf der Aufständischen leiten wird. Zweiter Stellvertreter wurde Mulla Yaqub, ein Sohn des vor zwei Jahren verstorbenen Taliban-Chefs Mulla Omar. Yaqub soll für längere Zeit eine Religionsschule in Pakistan besucht haben, bevor er Militärmissionen der Taliban in fünfzehn Provinzen Afghanistans führte.

In den USA traut man jedem aus diesem Dreigestirn der neuen Taliban-Führung zu, dass sie die Rebellenbewegung erheblich besser integrieren kann, als dies bisher der Fall war. Nicht nur in Washington stellt man sich jedoch die Frage, ob diese drei Spitzen wirklich zusammenarbeiten oder aber sich untereinander zerstreiten werden. In der vergangenen Woche gab es in Kabul einen Selbstmordanschlag, bei dem elf Menschen getötet wurden. Hierin bereits den Beginn verstärkter Aktivitäten einer geeinten und gestärkten Taliban-Bewegung sehen zu wollen gilt aber als spekulativ oder zumindest als verfrüht. Der amerikanische Verteidigungsminister Ash Carter bezeichnete in der vergangenen Woche Mulla Mansur – als Rechtfertigung für seine Tötung – als Hindernis für den Frieden in Afghanistan. Ob allerdings der Umgang mit seinem jetzigen Nachfolger Achundsada einfacher sein wird, steht keineswegs fest. Präsident Obama hatte zuvor den völkerrechtlich nicht unbedenklichen Alleingang auf pakistanischem Gebiet als „wichtigen Meilenstein“ bezeichnet.

Derzeit sind noch etwa 12 000 Soldaten des Westens in Afghanistan stationiert. Bis Ende 2016 soll diese Zahl, anders als zunächst vorgesehen, kaum schrumpfen. Forderungen nach einer abermaligen Aufstockung, wie sie amerikanische Ex-Generäle ins Spiel brachten, werden zwar am Rande des NATO-Gipfels in Warschau eine Rolle spielen. Aber im Blick auf den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf wird ihnen in Washington keine Chance gegeben. „Obama kann und will keine neuen Verpflichtungen eingehen“, heißt es aus der amerikanischen Denkfabrik CSIS, „und die aussichtsreichen Kandidaten bei Demokraten wie Republikanern werden den Teufel tun, die Truppenstärke in Afghanistan zu erhöhen“. Was bleibe, sei die Hoffnung, dass sich die Taliban doch noch für eine Verhandlungslösung erwärmen können. Javid Faisal, der Sprecher der Regierung in Kabul, gab in der vergangenen Woche per Twitter an die Adresse des neuen Taliban-Chefs Achundsada die Richtung vor: „Eine politische Lösung ist die einzige Option für die Taliban. Sonst droht der neuen Führung das Schicksal von Mulla Mansur.“

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