Moskau ist Obama wichtiger

Ende der Illusionen: Erst teilte US-Präsident Obama den Verbündeten in Warschau und Prag mit, dass aus dem Raketenabwehrsystem, das auf ihrem Staatsgebiet installiert werden sollte, nun nichts wird. Dann lud NATO-Generalsekretär Rasmussen Moskau ein, die Raketenabwehr künftig gemeinsam zu machen – NATO, Russland und die USA. Obamas Begründung, man schaffe „ein stärkeres, intelligenteres, schnelleres System“, ist Schaumschlägerei. Ebenso die Behauptung, es gehe beim Kurswechsel um den Iran.

Es geht um Moskau: Obama hat dem russischen Widerstand gegen das Raketenabwehrsystem nachgegeben, damit Washington und Moskau eine Basis finden, nötigenfalls gemeinsam gegen die Diktatoren und Spinner zwischen Venezuela und Nordkorea vorgehen zu können. Deshalb auch das großzügige Angebot Rasmussens an Moskau: Die NATO fürchtet heute durchgeknallte Tyrannen, radikale Islamisten und hochbewaffnete Despoten mehr als den einstigen Gegner aus dem Kalten Krieg.

Für Prag und Warschau ging es beim Raketenabwehrsystem immer um Moskau, nie um Teheran: Je traumatischer die eigene Zeitgeschichte, je näher die geografische Lage an Moskau, desto größer war die Begeisterung für Amerika und die NATO. Nur hier erhoffte man sich in Polen, Tschechien und im Baltikum den effektiven Schutz vor der Unberechenbarkeit Russlands und die finale Sicherung der eigenen Souveränität. Nun müssen die amerikabegeisterten Osteuropäer lernen: Für Washington ist Moskau wieder wichtiger als Prag und Warschau. Auch über Moskaus georgischen Feldzug geht man nach Jahresfrist lächelnd hinweg, denn es geht ja um Amerikas globale Interessen. Kein Zweifel: Die Europäer täten gut daran, rasch eine eigene europäische Sicherheitsarchitektur zu entwickeln. sb

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