Mit der Vergangenheit ins Reine kommen

Die sterblichen Überreste des faschistischen Generals Franco sollen aus seinem monumentalen Grabmal im „Tal der Gefallenen“ entfernt werden. Von Michael Ludwig
Grabstätte des Ex-Diktators Franco soll restauriert werden
Foto: dpa | Blick auf das Tal der Gefallenen (Valle de los Caídos) nahe Madrid, der Gedenkstätte zu Ehren der Gefallenen der faschistischen Truppen Francos im Spanischen Bürgerkrieg. Auch Ex-Diktator Franco ist hier beigesetzt.

Mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen, ist nicht nur eine deutsche Angelegenheit, es ist auch eine spanische. Seit dem Ende der Diktatur Francos geht es um die Frage, wie die 39 Jahre seiner faschistischen Herrschaft aufgearbeitet werden können. Nun hat das Parlament in Madrid beschlossen, die sterblichen Überreste des 1975 verstorbenen Generals aus seinem monumentalen Grabmal nahe der Hauptstadt zu entfernen und seine Familie darum zu bitten, eine neue Ruhestätte für ihn zu finden.

Die Entscheidung des Parlaments, die auf Antrag der Sozialistischen Partei (PSOE) zustande kam, fiel ohne Gegenstimmen, allerdings mit der Enthaltung der konservativen Volkspartei (PP) und der separatistischen katalanischen ERC. Für die konservative Regierung unter Mariano Rajoy hat sie keine bindende Wirkung. Sie will sich zuerst mit den gesetzlichen Vorgaben vertraut machen und dann entscheiden.

Das Valle de los Caídos – das Tal der Gefallenen – wurde nach 19-jähriger Bauzeit 1959 von Franco eingeweiht. Es sollte als Erinnerungsstätte für die gefallenen Kämpfer der Falange-Bewegung dienen, die sich unter dem Generalissimo 1936 gegen die Republik erhoben und sie nach einem vierjährigen, mit großer Härte geführten Bürgerkrieg niedergerungen hatten. Rund 20 000 Zwangsarbeiter trieben unter schwierigsten Bedingungen in den Fels der Sierra de Guadarrama – in dem vom Bürgerkrieg zerstörten Land gab es kaum Maschinen – eine riesige künstliche Höhle, die in eine Basilika verwandelt wurde. Auf dem Berggipfel der Anlage thront ein 155 Meter großes und 44 Meter breites Betonkreuz, das höchste freistehende Kreuz der Welt. Eine Benediktinerabtei ergänzt das Mausoleum, das zu den größten weltweit zählt. In einem angrenzenden Schrein ruhen die Gebeine von rund 30 000 Gefallenen.

Unter der 52 Meter hohen Kuppel der Basilika befinden sich die Gräber von Franco und Primo de Rivera, dem Gründer der Falange-Bewegung, der ebenfalls umgebettet werden soll. Noch immer sind die beiden Sarkophage Anziehungspunkt von Franco-Anhängern, die dort ihren verstorbenen Idolen nachtrauern. Rund 400 000 Touristen besuchen jährlich das Valle de los Caídos.

Hintergrund der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen ist das „Ley de Memoria Historica“, das Gesetz zur historischen Erinnerung. Es wurde 2007 unter der sozialistischen Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero verabschiedet mit dem Ziel, der Toten beider Bürgerkriegsseiten zu gedenken, aber auch die Opfer der sich anschließenden Diktatur Francos nicht zu vergessen. Es sieht unter anderem die Entfernung franquistischer Symbole von öffentlichen Gebäuden und Plätzen vor und die Gewährung staatlicher Hilfe, wenn es darum geht, vom franquistischen Regime ermordete Oppositionelle zu exhumieren, die häufig in Massengräbern verscharrt wurden. Wer während der kriegerischen Auseinandersetzungen oder während des Franco-Regimes Schaden erlitt, soll entschädigt werden, das gilt auch für die Nachkommen der Opfer.

Knackpunkt war nun der Passus des Gesetzes, in dem festgeschrieben wurde, dass im Tal der Gefallenen politische Veranstaltungen verboten sind. Nach Ansicht der Sozialisten ist das Mausoleum nach wie vor eine Gedenkstätte des Franco-Faschismus, die beseitigt werden müsse, um so dem Gesetz Genüge zu tun. Es müsse zu einem Ort der Versöhnung und der Demokratie umgewidmet werden. Die Voraussetzung dafür sei allerdings die Umbettung Francos und Primo de Riveras. „Die Regierung hat die Pflicht, das, was das Parlament beschlossen hat, umsetzen“, erklärte der sozialistische Abgeordnete Gregorio Cámara.

Die konservative PP, die sich mit dem Gesetz zur historischen Erinnerung ohnehin schwertut, sieht in dem Vorstoß der PSOE einen Bruch des Stillhalteabkommens, der zwischen den verfeindeten politischen Lagern nach dem Tod Francos geschlossen wurde. Im Rahmen der sogenannten „transición“, also des friedlichen Übergangs von der Diktatur zur parlamentarischen Demokratie, vereinbarten Rechte wie Linke, die Vergangenheit ruhen zu lassen. In diesem Sinne erklärte die PP-Abgeordnete Alicia Sánchez Camacho, dass die PSOE den Kompromiss nicht eingehalten habe. „Es ist falsch, die Geschichte als politisches Argument zu benutzen und als Prügel zwischen die verschiedenen Lager zu werfen“, erklärte sie während der Parlamentsdebatte.

Die spanischen Versuche, die Vergangenheit angemessen zu bewältigen, führen immer wieder zu Konflikten und emotionalen Irritationen in der Bevölkerung. Zuletzt in der südspanischen Stadt Alicante. Dort sollte die „Plaza de la Division Azul“, der Platz der Blauen Division, in die „Plaza de la Igualidad“, den Platz der Gleichheit, umgetauft werden. Die Blaue Division erinnert an 18 000 spanische Freiwillige, die auf Seiten der Wehrmacht gegen die Sowjetunion gekämpft haben – Franco revanchierte sich damit für die Unterstützung des Dritten Reichs während des Bürgerkriegs. Hitler hatte damals die Legion Condor zu Hilfe geschickt, deren Bomber für das Massaker in der baskischen Stadt Guernica verantwortlich waren. Die PP verhinderte aufgrund eines Verfahrensfehlers die neue Namensgebung.

Während in Deutschland die politischen Gegensätze zwischen Sozialdemokratie und Christlicher Union zwar vorhanden, aber überbrückbar sind, stehen sich auf der Iberischen Halbinsel Linke und Rechte noch immer weitgehend unversöhnlich gegenüber. Das zeigt sich auch anhand der aktuellen politischen Lage. Obwohl sich aufgrund des letzten Wahlergebnisses eine Große Koalition zwischen PP und PSOE angeboten hätte, konnten sich die Sozialisten nicht dazu entschließen, mit dem politischen Gegner ein Bündnis auf Zeit einzugehen. Sich mit den Konservativen zu arrangieren, ist für große Teile der PSOE völlig unvorstellbar. Das bietet Raum für Konflikte auf fast allen Ebenen, und beide politischen Lager schrecken nicht davor zurück, sie auch auszutragen. Selbst wenn es um die historische Erinnerung geht, deren Deutungshoheit politische Macht bedeutet.

Themen & Autoren

Kirche