Missbrauchs-Skandal weitet sich aus

Bischöfe machen Vorfälle zum Thema ihrer Frühjahrskonferenz – Jesuitenpater vom Priesteramt suspendiert

München/Bonn (DT/KNA/reg) Die deutschen Bischöfe wollen sich auf ihrer bevorstehenden Vollversammlung in Freiburg mit dem Missbrauchsskandal bei den Jesuiten beschäftigen. Das gab der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, am Mittwoch in Bonn bekannt. „Wir werden uns dafür einsetzen, dass die von uns 2002 verabschiedeten Richtlinien konsequent umgesetzt werden“, so Zollitsch. Jesuitenprovinzial Stefan Dartmann hatte am Dienstagabend bekannt gegeben, dass gegen einen weiteren Pater Missbrauchsvorwürfe vorliegen. Dieser habe sich in einem Fall schuldig bekannt. Der betreffende Jesuit habe sich inzwischen bei der Polizei gemeldet und Anzeige gegen sich selbst erstattet. Außerdem, so Dartmann, habe er ihn mit sofortiger Wirkung vom priesterlichen Dienst suspendiert. Der betreffende Jesuit arbeitete den Angaben zufolge mehrere Jahre als Jugendseelsorger in Hannover (1971–1975), wo es zu den jetzt bekanntgewordenen Übergriffen gekommen sein soll. Damit erhöht sich die Zahl der Personen, denen Missbrauch vorgeworfen wird, auf drei. Schüler des Berliner Canisius-Kollegs hatten zuvor die beiden damaligen Ordensgeistlichen Peter R. und Wolfgang S. des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Gegen Peter R. wurden zudem Vorwürfe im Bistum Hildesheim laut, wo er von 1982 bis 1995 als Mitglied der Göttinger Jesuiten-Niederlassung Seelsorger war. Nach Angaben des Bistums informierte eine Mutter Diözesanbischof Homeyer im Oktober 1993, dass Peter R. ihre 14-jährige Tochter unsittlich berührt habe. Daraufhin habe das Bistum dem Priester die Jugendarbeit untersagt, dieses Verbot aber nicht konsequent durchgehalten. 1997 seien Peter R. Unregelmäßigkeiten in seiner Amtsführung sowie weitere sexuelle Belästigungen vorgeworfen worden. Daraufhin sei er aus der Gemeinde versetzt worden. „Aus heutiger Sicht haben wir die Vorwürfe zu wenig ernst genommen und die Tragweite der weiteren Entwicklungen eindeutig unterschätzt“, erklärte der damalige Bischof Homeyer dazu. Der Hildesheimer Domkapitular Heinz-Günter Bongartz, Bischöflicher Beauftragter für Fälle sexuellen Missbrauchs im Bistum Hildesheim, verwies im Gespräch mit dieser Zeitung auf das mittlerweile bestehende diözesane Regelwerk. Ein vergleichbarer Fall könne sich heute nicht mehr wiederholen. Der Direktor des Kollegs St. Blasien, Pater Johannes Siebner SJ, erklärte der „Tagespost“, er sehe auf den ersten Blick keinen Zusammenhang zwischen den Missbrauchsfällen und Homosexualität innerhalb des Ordens, auch wenn er aus Geschichten von Betroffenen in Berlin wisse, dass Fixierungen auf Jungen bei den Tätern eine Rolle gespielt hatten. „Selbst wenn es im Einzelfall einen Zusammenhang gibt, ist es aus meiner Sicht nicht hilfreich, diesen Zusammenhang jetzt grundsätzlich herzustellen, weil Pädophilie erstmal nichts mit Homosexualität zu tun hat.“ Bei dem in St. Blasien tätigen Pater habe „eine krankhafte sadistische Neigung“ vorgelegen. Der Vatikan will sich zunächst nicht in die Untersuchung der Missbrauchsfälle einschalten. Das sei zunächst Aufgabe der örtlichen Stellen, so der Vize-Pressesprecher des Vatikan, Benedettini, am Dienstag. Die Glaubenskongregation, an die Missbrauchsfälle von den örtlichen kirchlichen Stellen nach den Voruntersuchungen weiterzuleiten seien, werde jedoch alles Notwendige tun, sobald sie eingehendere Kenntnis von den Vorgängen besitze. Unterdessen bat der Jesuitenorden auch bei Missbrauchsopfern von Ordensmitgliedern in Hamburg und St. Blasien um Verzeihung.

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