Kommentar um "5 vor 12"

Merkel bleibt Merkel

Vier Tage nach ihrer öffentlichen Entschuldigung zeigt Angela Merkel, dass sie die Alte geblieben ist. Die Chance, aus der Frustrationsspirale auszubrechen, hat sie jedoch nicht genutzt.

Angela Merkel bei Anne Will
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist zu Gast in der ARD-Talksendung "Anne Will". Foto: Wolfgang Borrs (NDR)

Das Format ist bekannt: Schon in der Flüchtlingskrise versuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel über zwei Auftritte in der Talkshow von Anne Will, die Stimmung zu beeinflussen. Auch der Kommunikationsstil von Angela Merkel ist der gleiche geblieben. Angela Merkel ist sich treu - und genau das ist das Problem. Oder genauer: Das Problem ist, dass die Kanzlerin darin kein Problem erkennt.

Eine Silvesteransprache in Dialogform

Erst fünf Tage war es am Sonntagabend her, dass Merkel mit ihrem Entschuldigungsbekenntnis für eine kurze Schrecksekunde im politischen Berlin gesorgt hatte. So etwas hatte es noch nicht gegeben - und welche Möglichkeit hätte sich hier geboten, dem festgefahrenen politischen Karren wieder neuen Schwung zu verschaffen. Aber die Kanzlerin fiel nun  wieder in ihren alten Merkel-Modus zurück. Der Talkshow-Auftritt entpuppte sich als eine Variante der üblichen Silvesteransprache, nur diesmal eben in Dialogform.

Merkel hat bis heue nicht verstanden, dass Führung in der Krise auch eine emotionale Komponente hat. Merkel ist eben nicht Mutti. Denn als "Mutter der Nation" wüsste sie, dass ihre Landeskinder nicht nach Technokratie dürsten, sondern nach klaren Worten, nach Ehrlichkeit, ja nach einem Einblick in ihre Seele.

Sie wollen Einblick in ihre Seele

Die Mehrheit der Bevölkerung versteht ja, dass im Pandemie-Management Fehler gemacht werden, einfach weil es keine Erfahrungen gibt. Aber über diese Fehler, ja vielleicht auch über ein gewisses Maß an Hilflosigkeit, dem sich die Politik gegenübersieht, kann gesprochen werden. Stattdessen wird suggeriert, man verfüge über perfekte Lösungen. Man produziert aber auf diese Weise nur Enttäuschung.

Aus dieser Frustrationsspirale hätte Merkel nun ausbrechen können. Doch sie hat ihre Chance nicht genutzt. Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, Rüffel an ihre Parteifreunde, die Ministerpräsidenten,  zu verteilen. Den Lockerungsstrategien von Tobias Hans im Saarland und Armin Laschet in NRW erteilte sie eine klare Absage. Vor allem Laschet kann das, wenn er noch irgendwie als Parteivorsitzender und potentieller Kanzlerkandidat ernst genommen will, nicht auf sich sitzen lassen. Man darf auf die Antwort aus Düsseldorf gespannt sein.

Kritiker wird sie nicht überzeugt haben

Mit ihrem Auftritt bei Anne Will hat Angela Merkel keinen ihrer Kritiker überzeugt. Wollte sie wahrscheinlich auch nicht. In der Sendung wurde eine Umfrage präsentiert, nach der eine Mehrheit der Bevölkerung härtere Maßnahmen befürwortet. Die Kanzlerin fühlt sich sicher. Doch sie unterschätzt die Brüchigkeit dieses Stimmungsbildes. Die Sympathie für die härtere Gangart erwächst vor allem aus Unsicherheit. Ihre Aufgabe als Kanzlerin wäre aber, nicht auf dieser Welle zu reiten, sondern sich ihr entgegenzustellen. Der Kanzler bestimmt die Richtlinien der Politik. So heißt es zumindest in der Theorie. 

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