Freiburg i.Br.

Manuel Herder: Papstverleger will in den Landtag

Manuel Herder kandidiert für die CDU in Baden-Württemberg. Seine Ideen für eine ökosoziale Marktwirtschaft haben das Potenzial für eine Profilschärfung der Union über Stuttgart hinaus.
Hinterzarten Themenbild - Landtagswahl in Baden-Württemberg 2021
Foto: Hahne /Eibner-Pressefoto via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Manuel Herder will es wissen: Der Kandidat für die CDU will mit der Vision einer „öko-soziale Marktwirtschaft“ in den Landtag

Die CDU befindet sich in einer Phase des Übergangs: Die Wahl des neuen Vorsitzenden ist überstanden, bald beginnt der Bundestagswahlkampf. Die Ära Merkel ist zu Ende, aber wer wird der neue Kanzlerkandidat? Vor allem aber: Für welche Inhalte soll der neue Aspirant auf den Berliner Regierungschefsessel stehen? Ein Königreich für ein Narrativ: Politik lebt von Geschichten, von Erzählungen.

Ein Gesamtpaket

Wähler machen ihr Kreuz nicht nur, weil sie vorher Parteiprogramme studiert haben, sie wollen ein Gesamtpaket: Inhalte drücken sich in einem bestimmten Lebensgefühl aus. Und was dieses Lebensgefühl ausmacht, das wollen Wahlkampfstrategen eben über Erzählungen vermitteln, etwas hochtrabend Narrative genannt. Verleger verkaufen Geschichten. Manuel Herder ist Verleger und er will bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg den Wahlkreis Freiburg I für die CDU gewinnen. 

Verleger des Papstes

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Der Herder Verlag verkauft zwar keine Romane, aber auch seine Bücher erzählen Geschichten. Viele der Publikationen des Hauses, das Manuel Herder bereits in der sechsten Generation führt, beziehen sich auf die größte Geschichte, die auf Erden jemals geschehen ist, das Evangelium: Herder hat seit seiner Gründung 1798 einen theologischen Schwerpunkt – hier erscheinen Zeitschriften wie „Christ in der Gegenwart“ oder die „Herder Korrespondenz“, ebenso viele Fachbücher. Alle Werke von Papst Benedikt werden hier verlegt, der auch schon zu den prominenten Autoren gehörte, als er noch der Theologieprofessor Joseph Ratzinger war. Herder, das ist der Verlag des katholischen Deutschlands. Freilich hat sich dieses katholische Deutschland in den letzten Jahrzehnten verändert. Entsprechend breiter ist das Verlagsprogramm geworden. 

Heute gehören auch Sachbücher zu politischen und gesellschaftlichen Fragen dazu. Manuel Herder steht seit zweieinhalb Jahrzehnten an der Spitze des Verlages. Seine Bilanz fällt positiv aus:  Anders als Traditionshäuser, die heute nur noch eine Fußnote in Literaturgeschichten sind, nimmt Herder mit seinen 150 Mitarbeitern auf dem deutschen Buchmarkt eine stabile Stellung ein. Der 54-Jährige könnte sich also zurücklehnen und die Früchte seines Lebenswerkes genießen. Zum 1. März gibt er die operative Geschäftsführung an zwei junge Führungskräfte ab, die die Digitalisierung des Verlages vorantreiben sollen. In einer übergeordneten Holding will er künftig zwar noch in der strategischen Geschäftsführung mitarbeiten, aber aus dem Tagesgeschäft hat sich Herder zurückgezogen. Doch von Ruhestand ist bei dem Papst-Verleger nichts zu spüren. Die neu gewonnene Zeit will er in die Politik investieren. 

Das ist der Stoff für Herders Geschichte – einer Abenteuergeschichte, der Erzählung vom Unternehmer, der den Sprung in eine andere Welt wagt, die Sphäre der Politik. Es ist aber auch eine Geschichte, die vielleicht eine Blaupause für das große Narrativ sein könnte, nach dem die CDU aktuell so verzweifelt sucht. Doch der Reihe nach. 

Soziallehre ist nicht nur für Sonntagsreden

Manuel Herder sagt, dass er etwas zurückgeben möchte. Er spricht vom Gemeinwohl. Das klingt nicht zufällig nach katholischer Soziallehre. Herder, der sich auch im Bund Katholischer Unternehmer engagiert, hat sie sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Aber die Soziallehre mit ihren Prinzipien ist ihm für Sonntagsreden zu schade, er will aktiv etwas zum Gemeinwohl beitragen. Er will eben etwas unternehmen. Wenn man Herder über seine Motivation sprechen hört, wird deutlich: Ihm ist wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, hier ginge jemand mit der naiven Vorstellung in die Politik, der gute Wille reiche aus. Herder weiß, das Politikgeschäft ist hart. Er muss kämpfen. Das Mandat ist alles andere als ein Selbstläufer. Er weiß, dass er sich den Sitz im Parlament erarbeiten muss. Hier kommt ihm die Sicht des Unternehmers zugute: Herders neue Kunden sind die Wähler. Sie bestimmen die Themen. Das heißt: Er ist nicht mehr der Chef, der Entscheidungen fällt, die dann von Mitarbeitern umzusetzen sind. 

Mit Spitzen gegen den grünen Koalitionspartner

Um zu wissen, was er als Politiker unternehmen soll, muss er erst einmal zuhören: „Meine Frage ist immer: Wo drückt der Schuh?“ Früher sei er gewohnt gewesen, sich schnell eine Meinung zu bilden und Entscheidungen zu treffen. Jetzt seien es die Bürger, die die Agenda bestimmten. In Herders Wahlkreis gibt es viele kleine, mittelständische Landwirtschaftsbetriebe, viele dieser Bauern sind nur Landwirte im Nebenerwerb. Sie hat er besucht: „Als erstes habe ich mir die Ordner im Büro zeigen lassen. Ich war entsetzt, als ich gesehen habe, welche Papierflut es braucht, um das Tierwohl zu dokumentieren oder an Subventionen zu kommen. Ich kann nur sagen: Wenn ich als Unternehmer auch solchen Hürden ausgesetzt gewesen wäre, ich hätte meinen Verlag nicht erfolgreich führen können und wäre pleite gegangen.“ Ein anderes Thema in der Region: der Wolf. „Ich will keine Wolfsrudel im Schwarzwald“, sagt er. Herder setzt sich dafür ein, dass das Raubtier ins Jagdgesetz aufgenommen wird, denn so könnten die Wolf-Bestände im Rahmen des gesetzlich geregelten Wildmanagements professionell kontrolliert werden. 

Das sind deutliche Spitzen gegen die von den Grünen geführte Landesregierung, in der Herders CDU nur Juniorpartner ist. Allerdings ist der Kandidat bemüht, polemische Schärfe in seiner Kritik an dem grünen Mitbewerber zu vermeiden. Er setzt auf fairen Wettbewerb und darauf, dass der Kunde Wähler schon erkennen werde, wer das attraktivere Angebot vorzuweisen habe. 

Ein neues Narrativ

„Aufbruch in die öko-soziale Marktwirtschaft“ steht auf einem Plakat Herders. Und hier zeigt sich wie die Geschichte von Herders Landtagswahlkampf auch Potenzial für ein Wahlkampf-Narrativ der Union insgesamt bieten könnte. 

Freiburg I ist symptomatisch für die Probleme, vor der die CDU in Baden-Württemberg steht. Der Wahlkreis reicht vom Hochschwarzwald bis in die Freiburger Altstadt, ist also so etwas wie ein „Volkspartei-Wahlkreis“. Er umfasst landwirtschaftlich geprägte Wähler wie auch akademisches Bürgertum. Früher erreichte die Union hier ohne Probleme die 40 Prozent-Marke Jetzt gibt es Winfried Kretschmann, der sich selbst als Konservativen bezeichnet, über seinen Glauben spricht und es geschafft hat, sich als grün-schwarzen Grünen in Szene zu setzen, der auch CDU-Anhänger anspricht.

Bedeutung von Naturschutz

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Bei der letzten Wahl ging das Mandat mit 39 Prozent an den grünen Bewerber. Da liegt es nahe, die Verbindung von Ökonomie und Ökologie zum zentralen Thema zu machen. Neu ist das freilich nicht. Neu ist aber, wie Herder das macht. Er führt die zwei Faktoren, die die Region charakterisieren, zusammen: Welche Bedeutung Naturschutz hat, muss im Hochschwarzwald niemandem erklärt werden. Und dass Wissenschaft und Forschung ein Motor für Innovation sind, ist in der Universitätsstadt Freiburg selbstverständlich. 

Mit dem Fahrrad zu Terminen

Beide Bereiche will er füreinander fruchtbar machen – und zwar aus marktwirtschaftlicher Perspektive. „Unser blauer Planet ist ein Sanierungsfall geworden. Ein CO2-Sanierungsfall. Als Unternehmer denke ich: Für so eine Sanierung brauchen wir einen Handlungsplan. Dabei setze ich auf Innovation und Wettbewerb, nicht auf Dirigismus und Verbote“, sagt Herder. „Wissenschaftler haben mir erklärt, dass es Technologien gibt, CO2 zu binden. Ich möchte ein demokratisches Mandat dafür, dass unsere top-wissenschaftlichen Einrichtungen das erforschen und prüfen. Hier ist noch mehr möglich.“ 

Sollte es Herder gelingen, der zu seinen Terminen übrigens immer mit dem Fahrrad kommt, so das Mandat für die CDU zurückzuerobern, könnte diese Strategie in die Union auch über Stuttgart hinaus Bewegung bringen. Doch das letzte Wort in dieser Geschichte hat der Kunde Wähler. 

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