Man muss sie nur noch bekehren

Die katholische Kirche in Italien sucht neue Verbündete in der Politik – Außer Berlusconi bleibt da nur die Lega Nord Von Guido Horst

Es knirscht zwischen Regierung und Kirche in Italien. Als Papst Benedikt am Sonntag in Castel Gandolfo bei seinen Grüßen nach dem Gebet des Angelus auf Französisch – also in Richtung Paris und Sarkozy – dazu aufrief, Menschen in ihrer „legitimen Unterschiedlichkeit“ anzunehmen, da auch Jesus gekommen sei, Menschen aller Nationen und Sprachen zu versammeln, ging er nicht ausdrücklich auf die Ausweisungen von Roma durch die französische Regierung ein. Aber Inhalt und Adressat der Botschaft waren klar. Und sie betrafen auch Italien, hatte doch der in der Lega Nord beheimatete Innenminister Roberto Maroni kurz zuvor die französische Ausweisungspolitik ausdrücklich begrüßt und gefordert, das Recht des Staates, Ausländer und Einwanderer abzuschieben, auf alle Bürger der Europäischen Union auszuweiten. Seit Antritt der Regierung Berlusconi 2008 ist es ein eingefahrener Schlagabtausch. Der Regierungschef und sein Innenminister, vor allem aber die Lega Nord und ihr Parteichef Umberto Bossi, machen sich für eine restriktive Ausländerpolitik stark und handeln sich damit regelmäßig Kritik aus kirchlichen Kreisen ein. Doch nach dem Bruch zwischen den beiden Gründern der Regierungspartei „Volk der Freiheit“, Ministerpräsident Berlusconi und Parlamentspräsident Gianfranco Fini, zieht politischer Pulverrauch über das Land. Zur besten Ferienzeit ist das Regierungsbündnis auseinandergebrochen, die Anhänger Finis haben in der Abgeordnetenkammer eine unabhängige Fraktion gebildet und die Kirche – Vatikan wie Italienische Bischofskonferenz – müssen sich wieder einmal entscheiden, wie sie sich gegenüber den unterschiedlichen politischen Gruppierungen positionieren, unter denen es abgesehen von der UDC, der kleinen Oppositionspartei von Pier Ferdinando Casini und Rocco Buttiglione, keine Christdemokraten mehr gibt.

Und das ist nicht immer einfach. Ende vergangener Woche hatte sich der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, in einem Interview mit dem „Osservatore Romano“ über den katholischen Denker Antonio Rosmini geäußert und auf die Frage, ob dessen Föderalismusprojekt für Italien aus dem neunzehnten Jahrhundert heute noch aktuell sei, lediglich geantwortet, dass der Föderalismus nur dann „ein Reichtum“ sei, wenn er zur Einheit führe. Wenn er Menschen voneinander entferne und entzweie, dann sei er kein Wert. Diese Äußerung brachte dem Kardinal einen Ehrenplatz auf den ersten Seiten der Samstagsausgagen der italienischen Zeitungen ein, wo sie dann als „harsche Kritik“ an der Lega Nord und ihren Föderalismusplänen gedeutet wurde. Sowie eine Antwort von Roberto Calderoli, dem italienischen Minister für die Vereinfachung der Gesetzgebung und engem Vertrauten Umberto Bossis: „Was den Föderalismus angeht, so kann Kardinal Bagnasco ruhig sein: Die Reform, die wir vorschlagen und realisieren, ist die eines Föderalismus, der historisch gesehen das vereint hat, was getrennt war...“.

An diesem Sonntag hat in der Adriastadt Rimini das jährlich stattfindende „Meeting“ der Bewegung „Comunione e Liberazione“ begonnen. Dieses Katholikentreffen ist nicht mehr das Schaulaufen der politischen Präsenz des Landes wie noch vor einigen Jahren; die Veranstalter legen mehr Wert auf kulturelle und religiöse Themen. Aber das „Meeting“ ist immer noch in der Lage, politische Signale zu transportieren. So war es vor genau einem Jahr, beim dreißigsten „Meeting“ in Rimini, dass Roberto Formigoni, Präsident der Region Lombardei und „Urgestein“ von „Comunione e Liberazione“, ausgerechnet jenen Calderoli von der Lega Nord durch die Messehallen des „Meetings“ führte, der sich im Anschluss vor Journalisten erstaunt und erfreut darüber zeigte, weder ausgepfiffen noch niedergebrüllt, sondern von den „Ciellinis“ freundlich begrüßt worden zu sein. Die „Lega Nord“ pflegt einen heidnischen Stil, nennt das politische Gebilde, das sie in Norditalien errichten will, „Padania“ und pflegt vorchristliche Traditionen der Langobarden. Noch am Sonntag zeigte sich Umberto Bossi mit einem Schwert, wie es die heidnischen Krieger getragen haben mögen, die dem Papst und den oströmischen Potentaten in Italien im sechsten und siebten Jahrhundert ordentlich zusetzten. Aber wie es unter Gregor dem Großen zu einer Annäherung zwischen Christen und Langobarden kam, so nähern sich heute Lega Nord und katholische Kirche an. Zumal viele Mitglieder der Lega Nord, die in Norditalien als einzige in der Bevölkerung fest verankerte Volkspartei übriggeblieben ist, ganz normale getaufte Katholiken sind.

Noch steht das Bündnis zwischen dem „Volk der Freiheit“ Berlusconis und der Lega Nord Umberto Bossis, und gemeinsam bereitet man sich auf Wahlen vor. Am Samstag hat der gereizt und angespannt wirkende Regierungschef fünf Felder bezeichnet, auf denen man nach Ende der Sommerpause gesetzgeberisch tätig werden wolle: Mehr Föderalismus, die Lage in Süditalien sowie die Reformen von Justiz, innerer Sicherheit und Steuergesetzgebung. Sollten die abgesprungenen Anhänger Finis der Regierung im Parlament die Gefolgschaft verweigern, so Berlusconi, gehe man in Italien noch in diesem Jahr an die Urnen. Und der Kirche – sowohl dem vatikanischen Staatssekretariat wie der Italienischen Bischofskonferenz – bleibt wieder einmal die Qual der Wahl. Mit wem redet man, mit wem sucht man die kulturelle und politische Zusammenarbeit? Der Kredit, den Berlusconi bei Katholiken stets hatte, da er keine Politik gegen die Kirche gemacht hat, ist zusammengeschmolzen. Die Linke ist zersplittert, ohne Führungspersönlichkeit und einflusslos. Als starke Kraft, zumindest im Norden, bietet sich der Kirche nur die Lega Nord an. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, so heißt es, setzte inzwischen eher auf Wirtschaftsminister Giulio Tremonti, einen ehemaligen Sozialisten und engen Verbündeten Umberto Bossis, als auf Berlusconi und dessen Mann für das Katholische, Gianni Letta. Die Zeit Berlusconis geht zu Ende – die Lega Nord dagegen strotzt vor Kraft und deren Exponenten geben sich siegessicher. Man muss sie eben, wie einst die Langobarden, nur noch missionieren.

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