Machtkampf in der Orthodoxie

Hat Moskau kirchlich das Sagen in der Ukraine? Diese Frage zerreißt nun die weltweite Orthodoxie. Von Stephan Baier
Patriarch Filaret
Foto: Alexey Furman | Der orthodoxe Kiewer Patriarch Filaret feiert am 28. Juli 2013 in der Vladimirskiy Kathedrale in Kiew einen Gottesdienst.

Seit einem Vierteljahrhundert ist die gespaltene Orthodoxie in der Ukraine ein Spielball der Politik: Je nach der politischen Einstellung zum großen Nachbarn Russland privilegierte der durch den Zerfall der Sowjetunion 1991 wiedererstandene Staat Ukraine entweder die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ (UOMP) oder die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats“ (UOKP). Derzeit ist letztere bei den führenden Politikern klar im Vorteil, während die mit Moskau verbundene Orthodoxie als verlängerter Arm der politischen Interessen Wladimir Putins – somit als Instrument des russischen Aggressors – gilt. Dass das Moskauer Patriarchat die Ukraine als Wiege der russischen Christenheit und als Teil ihres kanonischen Territoriums betrachtet, weckt in Kiew gehörig Misstrauen, und spielt der 1992 abgespaltenen UOKP in die Hände.

Jetzt aber hat das Ringen um den Status der Orthodoxen in der Ukraine eine globale Dimension bekommen: Seit sich der Erste unter den orthodoxen Patriarchen und Nachfolger des Apostels Andreas, der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, der ukrainischen Frage annimmt, fliegen zwischen ihm und Moskau die Fetzen. Jetzt geht es nicht mehr bloß um die Ukraine, sondern um den Zusammenhalt der weltweiten Orthodoxie. Noch am 31. August hatte der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill den Phanar, den Amtssitz des Ökumenischen Patriarchen in Istanbul, besucht, um Bartholomaios von der russischen Sicht zu überzeugen. Kurz darauf jedoch gab der Heilige Synod des Ökumenischen Patriarchats grünes Licht für die Entsendung von zwei Exarchen nach Kiew: Erzbischof Daniel Zelinskyj und Bischof Hilarion Rudnyk. Damit hat Konstantinopel entscheidende Schritte eingeleitet, die zur ukrainischen Autokephalie – zur vollen kirchlichen Unabhängigkeit von Moskau – führen.

Mehr noch: Ein Brief von Bartholomaios, den die Exarchen bei ihrem ersten Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in Kiew verlasen, räumt jeden Zweifel aus: Konstantinopel will den Wunsch Kiews erfüllen und der ukrainischen Orthodoxie die volle Unabhängigkeit von Moskau gewähren. Vor wenigen Tagen bekräftigte Bartholomaios in Istanbul: „Es ist die Zeit gekommen, dass die Ukraine den Status der Autokephalie erhält – trotz der bestehenden Reaktionen, und das wird geschehen, denn die Kirche hat ein Recht darauf.“ Zu seiner eigenen Rolle sagte er: „Das Ökumenische Patriarchat hat das Recht, die Autokephalie zu verleihen.“

Russlands Orthodxie schäumt: Nicht nur niedrige Kleriker und Theologen werfen Bartholomaios Amtsmissbrauch, un-orthodoxes Verhalten und eine „papistische“ Überdehnung seines Amtes vor. Der mächtige Außenamtschef der russischen Orthodoxie, Metropolit Hilarion Alfejew, spricht von „papistischer Selbstdarstellung“. Russlands Heiliger Synod gab sich empört über die angebliche Verletzung seiner kanonischen Rechte und beschloss faktisch die Aufkündigung der Eucharistiegemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat: Künftig wird es keine Konzelebration der Bischöfe mehr geben. Moskaus Vertreter boykottieren alle Bischofskonferenzen und Dialogtreffen, bei denen Vertreter des Ökumenischen Patriarchen präsidieren oder kopräsidieren. Das betrifft nicht nur die Orthodoxen Bischofskonferenzen der USA, Deutschlands, Österreichs und vieler Staaten in der orthodoxen „Diaspora“, sondern auch katholisch-orthodoxe Ökumene-Treffen. Moskau droht Konstantinopel zudem, andere orthodoxe Kirchen auf seine Seite zu ziehen und gegen Bartholomaios zu mobilisieren.

Ein Konflikt mit Geschichte

Konstantinopel sieht sich als „Mutterkirche“ der Orthodoxen in der Ukraine; immerhin empfing Großfürst Wladimir im Jahr 988 von Byzanz her die Taufe. Damit begann die Christianisierung der „Kiewer Rus“. Die Kiewer Metropolie sei niemals auf Dauer Moskaus Jurisdiktion unterstellt worden und das Ökumenische Patriarchat habe seine „kanonischen Rechte“ nie aufgegeben, sagt Konstantinopel.

Moskau widerspricht vehement: Drei Jahrhunderte lang habe keine der orthodoxen Kirchen die Jurisdiktion der russischen Kirche über die Kiewer Metropolie in Zweifel gezogen. Nach dem Ersten Weltkrieg jedoch habe Konstantinopel begonnen, hinter dem Rücken des von einer grausamen bolschewistischen Kirchenverfolgung bedrängten Moskauer Patriarchats auf dessen kanonischem Territorium eigene Metropolien zu errichten: in Polen, Finnland, Estland und Lettland. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 habe Konstantinopel neuerlich „unbrüderliches Verhalten“ gezeigt, etwa durch die Errichtung einer Metropolie in Estland und die Anerkennung „schismatischer“ Ukrainer in den USA.

Die zahlenmäßig größte orthodoxe Kirche, die russische Orthodoxie, bestreitet das Recht Konstantinopels, eine Autokephalie für die Ukraine zu erklären. So sagte der Leiter der Moskauer Synodalabteilung für Kirche und Gesellschaft, Wladimir Legojda, Konstantinopel wolle den von der Kiewer Regierung gestützten Schismatikern die Autokephalie verleihen, „ungeachtet der Proteste der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche“. Moskau droht, es müsse zum vollständigen Abbruch der eucharistischen Gemeinschaft kommen, wenn der Phanar weitere Aktionen setze. Laut Metropolit Hilarion sind die Mitte September beschlossenen Maßnahmen Moskaus noch kein „kompletter Bruch“ der eucharistischen Gemeinschaft, allerdings ist allen russischen Bischöfen ab sofort die Konzelebration mit Vertretern des Ökumenischen Patriarchats untersagt und Bartholomaios wird nicht mehr in der russischen Liturgie erwähnt.

Aus Moskaus Sicht ist in der Ukraine lediglich die UOMP legitim, alle anderen Kirchen sind für Moskau „Schismatiker“. Hilarion spricht davon, die „Kräfte der Hölle“ hätten sich verschworen, die kanonische Kirche in der Ukraine zu zerstören. Dem Ökumenischen Patriarchen wirft er öffentlich vor, einen „Krieg gegen die russische Kirche und das ukrainische orthodoxe Volk“ zu führen. Der Metropolit der UOMP, Onufrij Berezowskij, lehnt eine von Konstantinopel verliehene Autokephalie ab; seiner Kirche hat der Heilige Synod in Moskau die „Autonomie“ verliehen, also nur Selbstverwaltung, nicht jedoch volle Unabhängigkeit von Moskau. Dieser Schritt sollte nicht nur den ukrainischen Bemühungen um die Autokephalie Wind aus den Segeln nehmen, sondern auch in Kiews Politik für Beruhigung sorgen, wo das Moskauer Patriarchat seit der russischen Annexion der Krim und dem von Putin unterstützten Krieg in der Ost-Ukraine als Kirche des Feindes gilt. Onufrij, der Kyrills Vertreter in Kiew ist, sagt, Konstantinopel habe „weder das moralische noch das kanonische Recht, Exarchen für die Ukraine zu ernennen und in unsere Angelegenheiten einzugreifen“.

Die Politik mischt mit

Der Vertreter von Bartholomaios in Frankreich, der Pariser Metropolit Emmanuel Adamakis, betont, Konstantinopel handle „nicht auf der Grundlage eigner Interessen oder politischer Pressionen“. Offenkundig ist aber, dass der ukranische Präsident Petro Poroschenko massiv auf die Zuerkennung der Autokephalie drängt. Er sieht – ganz in orthodoxem Denken – in der Gewährung der Autokephalie „eines der wichtigsten Attribute eines unabhängigen Staates“. Mischt gar die Weltpolitik mit? Der ukrainische Präsident dankte dem US-Sonderbotschafter für Religionsfreiheit, Samuel D. Brownback, ausdrücklich für die Unterstützung Washingtons. Der frühere US-Vizepräsident Joe Biden empfing vor wenigen Tagen Patriarch Filaret in Amerika und bekundete seine Unterstützung bei der Errichtung der Autokephalie. Orthodoxe Medien verwiesen darauf, dass der Katholik Biden freundschaftliche Kontakte zu Bartholomaios unterhalte.

Der Direktor des Moskauer Carnegie-Zentrums, Dmitrij Trenin, warnt, ein orthodoxes Schisma in der Ukraine könne gefährlicher sein als die Expansion der NATO nach Osten. Nun erhalte der „hybride Krieg“ zwischen Russland und den USA, der sich auch in der Ukraine abspiele, eine kirchliche Dimension. Im Kreml dürfte man diese Wortmeldung goutieren.

Szenario 1: Deeskalation durch Moskau

Moskau könnte den Bemühungen von Filaret, Patriarch einer von Bartholomaios installierten autokephalen Orthodoxie zu werden, zuvorkommen, indem es der UOMP die volle Autokephalie gewährt. Dann stünde auch Bartholomaios nicht gut da, und der Kiewer Politik würde jedes Argument gegen die UOMP fehlen. Unwahrscheinlich ist ein solcher Schachzug jedoch aus politischen Gründen: Putins Politik der „russischen Welt“ (russkij mir) wäre dann kirchlich konterkariert. Auch verlöre das Moskauer Patriarchat damit mehr als ein Drittel aller seiner Gemeinden.

Szenario 2: Deeskalation durch Konstantinopel

Bartholomaios kann kaum noch zurückrudern, würde er doch nicht nur in der Ukraine, sondern in der weltweiten Orthodoxie sein Gesicht verlieren, wenn er jetzt dem russischen Druck nachgäbe. Die von ihm entsandten Exarchen wollen aber versuchen, nicht nur die UOKP einzubinden, sondern auch möglichst viele Bischöfe der UOMP.

Szenario 3: Eskalation und Zerfall

Moskau suggeriert, die Errichtung der orthodoxen Autokephalie in der Ukraine werde zur Enteignung der UOMP führen, ja zu deren Verfolgung durch den ukrainischen Staat. Tatsächlich gibt es im ukrainischen Parlament bereits eine Petition, der UOMP das traditionsreiche Kiewer Höhlenkloster wegzunehmen. Weitere Eigentumsübertragungen und ein massenhafter Seitenwechsel von Gemeinden und Bischöfen zur neuen autokephalen Kirche könnten die Folge sein. Eine von Konstantinopel anerkannte autokephale Orthodoxie könnte faktisch den Rang einer Staatskirche genießen.

Die starke russische Orthodoxie schickt sich an, die anderen orthodoxen Kirchen gegen das Vorgehen von Bartholomaios und des ukrainischen Staates zu mobilisieren. Nicht ohne Widerhall, denn Moskau hat insbesondere bei den Orthodoxen Georgiens, Bulgariens und Serbiens großen Einfluss. Mehrere serbisch-orthodoxe Bischöfe haben sich bereits offen gegen Barthomolaios gestellt, dem sie „Papismus“ und die Zerstörung der orthodoxen Einheit vorwerfen.

Aus Moskau droht Metropolit Hilarion: „Wir werden die Gemeinschaft mit Konstantinopel abbrechen müssen. Dann wird Konstantinopel nicht mehr das Recht haben, die Führung in der orthodoxen Welt zu beanspruchen.“ Das Moskauer Patriarchat versucht zugleich, Bartholomaios auf der moralischen Ebene zu diskreditieren, indem es die Debatte um die Zulassung einer Wiederverheiratung von verwitweten Diakonen und Priestern durch Konstantinopel problematisiert. Vertreter des Moskauer Patriarchats verbreiten zudem Gerüchte über eine Millionen-Dollar-Spende der ukrainischen Politik an den Phanar. Eskalation ist daher das wahrscheinlichste Szenario: Die Zeichen stehen auf Sturm in der Orthodoxie.

 

Zu den Personen

Bartholomaios

Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel ist als Nachfolger des Apostels Andreas der Erste unter den Patriarchen der Orthodoxie. Welche Kompetenzen er gegenüber den autokephalen und autonomen Kirchen hat, ist umstritten.

Kyrill

Der Patriarch von Moskau ist das Oberhaupt der größten orthodoxen Kirche. Die Ukraine sieht er als Teil seines kanonischen Territoriums. Für Russlands Position kämpft öffentlich der weltgewandte, machtbewusste Außenamtschef Hilarion.

Filaret

Der Patriarch der „Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats“ war in Sowjetzeiten Kiewer Metropolit der russischen Orthodoxie. 1992 wandte er sich von Moskau ab. Russlands Heiliger Synod betrachtet ihn als Schismatiker.

 Petro Poroschenko

Der ukrainische Präsident will die orthodoxe Autokephalie als Krönung der staatlichen Unabhängigkeit. Er wandte sich an Bartholomaios, weil er Russlands Orthodoxie als Instrument des Kreml – des Aggressors gegen die Ukraine – sieht.

Wladimir Putin

Russlands Präsident hat ein enges Verhältnis zu Patriarch Kyrill. Dessen kirchliche Position entspricht seiner politischen: Putin billigt der Ukraine keine volle Souveränität zu. Er sieht sie als Teil der „russischen Welt“.

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