Lob der Armut

Sammelt nur noch Schätze, die eine Finanzkrise nicht vernichten kann

Von Guido Horst

In Italien sind die Banken sicher. Die Einlagen seien zu gering, meinen die Fernseh-Experten, die Löhne zu niedrig, die Produktionsraten auf schwachem Niveau. Relative Armut, so kann man folgern, schützt vor Finanzskandalen. Wo kein Kapital angelegt ist, kann man es auch nicht vernichten.

Wie gesagt: relative Armut! Ein Land, so reich an Kunst und kulturellen Schätzen wie das Stiefelland im Mittelmeer, kann nicht wirklich in bodenlose Armut stürzen. Und auch nördlich der Alpen wird es Zeit, sich wieder zaghaft der Frage zu stellen, was das Leben schön und glücklich macht. Welches die wahren Reichtümer sind, die weder Motte noch Rost noch irgendwelche Spekulanten auffressen können. Eine neue Bewegung sollte entstehen, eine Avantgarde der Minderbrüder. Schlechterverdienende, vereinigt euch. Kontoüberzieher, wölbt eure Brust in neuem Selbstvertrauen. Balkonien-Urlauber, Fiat-Fahrer, Billigflieger, lernt wieder den aufrechten Gang.

Den Schmerz, den unsere Superreichen empfinden, deren Kapital nun zu Milliarden verbrennt, werdet ihr nie auskosten müssen. Stattdessen seid ihr frei, auf die Suche nach den Genüssen zu gehen, die krisenfest sind. Musik, Humor, Kunstgenuss. Freundschaft, Liebe, Kinderglück – all das zieht wieder in die eiskalten Heiligtümer des Konsumterrors ein. Heiligt den Sonntag und ehret den Mundraub, das Leben aus der Fülle der Bedürfnislosigkeit kann so anregend sein. Erst waren die Renten sicher, dann waren sie es nicht mehr. Jetzt erteilen die Banken die finale Lektion: Pflegt nur noch das, was wirklich wichtig und wertvoll ist. Allem voran die eigene Seele. Dann brechen selige Zeiten an. Das ist wirklich die Frage: Man hatte uns gelehrt, den Besitz zu mehren und dreimal zu versichern. Nur an die eigene Seele, an die hat niemand mehr gedacht.

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