Letzter seiner Art

Mit Jörg Schönbohm ist ein Repräsentant der Konservativen in der Union gestorben. In dieser Aufgabe ist ihm bis heute niemand nachgefolgt. Von Sebastian Sasse
Jörg Schönbohm
Foto: dpa | Jörg Schönbohm war bis 2009 Brandenburger Innenminister.

Preuße, Protestant, Soldat: Konservativ. Jörg Schönbohm, der am vergangenen Freitag im Alter von 81 Jahren verstorben ist, war gut ein Jahrzehnt die Sehnsuchtsfigur der Konservativen in der Union. Er stand gewissermaßen für einen anderen Weg, den die CDU nach dem Rückzug Helmut Kohls hätte nehmen können. Die Richtung bestimmte aber eine andere Preußin: Angela Merkel aus der Uckermark erwies sich als die erfolgreichere Parteipolitikerin als der Ex-Militär. Der wurde mit seiner Aufgabe, das konservative Element innerhalb der Partei zu repräsentieren, zum Schluss auch immer mehr zum Alibi für eine Union, die sich vermeintlich zu allen ihren ideellen Wurzeln bekennt, in Wirklichkeit aber jenseits von Sonntagsreden auf Parteitagen wenig damit anzufangen wusste. Freilich, das war Schönbohm und Merkel vielleicht gar nicht klar, sie verband auch etwas. Beide stammten nicht aus dem Kernmilieu der alten CDU aus der Bonner Republik: Sie waren weder westdeutsch noch katholisch.

Der Historiker Frank-Lothar Kroll hat darauf hingewiesen, dass der preußisch geprägte Konservativismus vor allem deswegen in der Bundesrepublik keine Rolle mehr gespielt habe, weil sein Trägermilieu durch den Krieg sozial entwurzelt worden sei: Keine Güter im Osten mehr als wirtschaftliche Basis, keine Wehrmacht mehr als berufliches Betätigungsfeld und schließlich auch keine evangelische Kirche mehr, die bereit ist, den eigenen Werten religiöse Autorität zu verleihen. Schönbohms Biographie belegt und widerlegt diese These gleichermaßen. Er blieb trotz aller politischen Erfolge, vor allem als CDU-Landeschef in Brandenburg, ein Mann der zweiten Reihe, wurde weder Ministerpräsident noch Bundesminister. Aber gleichzeitig steht er dafür, dass es doch gelungen ist, die preußisch-konservative Tradition in die politische Kultur der Bundesrepublik einzubringen, wenn auch nur in Spurenelementen. Dies zeigt sich einmal an seiner wohl größten Leistung, der Eingliederung der NVA in die Bundeswehr. Dies war nicht nur eine zentrale Aufgabe im Wiedervereinigungsprozess, hier kam Generalleutnant Schönbohm, der 1945 als Kind mit seiner Familie aus Brandenburg in den Westen geflüchtet war, mit seiner eigenen Geschichte in Berührung.

Historische Identität wiederum gibt Selbstvertrauen; eine Eigenschaft, die ihm nach seinem Wechsel in die Politik eine spezielle Standfestigkeit verschaffte. So konnte Schönbohm zum Sprecher der Konservativen und zur Integrationsfigur werden, die nun auch auf die Teile der alten Kernmilieus der Union im Westen wirkte, die dem Kurs von Angela Merkel skeptisch gegenüberstanden. Wenn auch marginalisiert, so zeigte seine Präsenz immerhin: die Konservativen sind noch da. Ob es in der Ära Kramp-Karrenbauer noch so einen Repräsentanten braucht, wird sich zeigen. Die CDU-Vorsitzende würdigte jedenfalls nun Schönbohms preußischen Verantwortungsethos und Geradlinigkeit.

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10.09.2021, 09  Uhr
Sebastian Sasse
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