„Leitstern in der Nacht“

Petrus pilgert zu Jakobus und verweist die Europäer an den Gekreuzigten Von Regina Einig
Foto: dpa | Tradition: Benedikt XVI. begrüßt den Apostel auf der Rückseite des Hochaltars.
Foto: dpa | Tradition: Benedikt XVI. begrüßt den Apostel auf der Rückseite des Hochaltars.

Santiago de Compostela (DT) Dichter Nebel liegt über dem Flughafen Lavacolla, als Papst Benedikt am Samstag galicischen Boden betritt. Seine glasklare Botschaft bringt Licht in den trüben Novembermorgen: Als Pilger will er vor allem den Glauben der Brüder in Spanien stärken. Aus dem katholischen Erbe des Landes sollen die Christen die Sicherheit und das Vertrauen gewinnen, die sie brauchen, um mit einer schwierigen, von aggressivem Laizismus und Antiklerikalismus gekennzeichneten Gegenwart fertigzuwerden. Weder die iberische Halbinsel, auf der einst der Apostel Jakobus missionierte, noch Europa besäßen heute ohne das Christentum ihr geistiges Profil.

Benedikt schreibt den Spaniern zum Auftakt seiner Reise die unauflösliche Bindung ihrer Geistesgeschichte an das Evangelium ins Stammbuch. Das Heilige Compostelanische Jahr ist der Anlass seiner Pilgerreise – und zugleich ein Appell an europäisches Geschichtsbewusstsein. Die Werke der Reformer – der Papst zitiert namentlich Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz und Ignatius von Loyola – haben über Spaniens Grenzen hinaus Gültigkeit und Bestand. Ein päpstlicher Wink an liberale Politiker, die an der Lehre der Kirche vorbeireformieren wollen und ihre Entscheidungsspielräume überschätzen könnten. Die regierende Sozialistische Arbeiterpartei PSOE vertreten an diesem Morgen Alfredo Pérez Rubalcaba, der erste Stellvertreter von Ministerpräsident José Luis Zapatero und Parlamentspräsident José Bono. Umfragen haben den Sozialisten am Vorabend eine deutliche Niederlage bei den Landeswahlen in Katalonien Ende November prognostiziert.

Eine Welle der Herzlichkeit strömt durch die Kathedrale

Aussichten auf künftige Erfolge eröffnet der Tag dafür dem Nachfolger Petri. Auf dem französischen Jakobsweg erreicht der Papst Santiago de Compostela. Es ist eine Ouvertüre für den Weltjugendtag 2011 in Madrid. Durch die geöffneten Fenster des Papamobils regnete es Konfetti und Blüten: Zehntausende begleiten den Papst unterwegs mit Viva-Rufen. Schulklassen und Jugendgruppen der geistlichen Bewegungen skandieren in Sprechchören „Ja, Benedikt ist hier“ und „Freund Benedikt, Spanien ist bei Dir“. Der zwölf Kilometer lange Weg vom Flughafen Lavacolla zur Kathedrale von Santiago de Compostela ist am Samstag die größte Volksfestmeile Galiciens: Musikkapellen in Trachten spielen auf Dudelsäcken für den Gast aus Rom. Viele Kinder haben ihre Gesichter in den spanischen Nationalfarben Rot und Gelb bemalt und singen für den sehr entspannt wirkenden Papst.

Als Benedikt XVI. auf dem traditionellen Pilgerweg die Kathedrale betritt, schlägt ihm eine Welle der Herzlichkeit entgegen: 700 ausgewählte Diözesane des Erzbistums feiern den Pilger aus Rom als einen der Ihren. Still kniet der Papst in der Sakramentskapelle, ehe ihm Erzbischof Julián Barrio Barrio das kunsthistorische Juwel der Glorie zeigt. Die Schönheit, ein Leitmotiv vieler Texte Benedikts, spiegelt sich hier in den lebendig wirkenden Figuren der Apostel und Propheten. Der Glanz des Mittelalters leuchtet nun auch musikalisch auf: Auf seinem Weg zum Apostelgrab lauscht der Papst dem ältesten Jakobus-Hymnus „Dum pater familias“. In der Kathedrale und auf den Plätzen in der Altstadt erreicht die Stimmung den Siedepunkt: Sprechchöre, Applaus, „Benedicto“- und „Viva“-Rufe begleiten den Besuch des Nachfolgers Petri bei Jakobus. Zwei Frauen überreichen Benedikt eine traditionelle Pilgerpelerine mit Jakobusmuschel und dem Kreuz mit Schwertern. Durch die Heilige Pforte betritt der Papst den Chor und kniet in einem Augenblick der Stille vor dem Schrein, ehe er den Pilgerweg am Hochaltar fortsetzt. Mit beiden Händen berührt Benedikt den breiten silberbeschlagenen Rücken der Jakobusfigur. Für Sekunden schützt der an stürmische Umarmungen gewöhnte Apostel den zurückhaltenden Nachfolger Petri sogar vor den allgegenwärtigen Fotografen.

„Willkommen im Haus des Jakobus!“ Erzbischof Julián Barrio Barrio trifft in einer kurzen, herzlichen Ansprache den richtigen Ton. Der Besuch des Petrus bei Jakobus ist ein Heimspiel, das Erzbistum hat bei der geistlichen Vorbereitung Maßstäbe gesetzt. Aus Deutschland, Frankreich und Portugal sind Pilgergruppen nach Santiago gereist. Die Neuevangelisierung Europas ist hier kein frommer Gedanke. Santiago de Compostela ähnelt heute eher einer Kathedralschule, in der Pilger aus Europa Ideen austauschen und voneinander lernen. Der Gelehrte auf dem Papstthron lockt Fromme und Bildungseifrige an: Französische Pilger aus Rocamadour haben wenige Stunden vor der Ankunft des Papstes eine Kopie des Gnadenbildes der Schwarzen Madonna in der Kathedrale aufgestellt. 1 300 Kilometer haben sie die Madonna auf einer Sänfte getragen und unterwegs die mittelalterliche Verehrung des Gnadenbildes an mehreren Stationen des Jakobswegs erforscht. Und eigens zum Papstbesuch angereist sind Studenten der Katholischen Universität Murcia. Benedikts Einschätzung der Kathedrale von Santiaog als „Lehrstätte einer Universalität ohne Grenzen“ spiegelt sich vor allem in den Predigten der Pilgermessen des Heiligen Jahres.

Nach dem Vaterunser wartet ein Unikum aus katholischer Liturgie und Volksfrömmigkeit auf den Gast aus Rom: Der „botafumeiro“: Zehn rotgewandete Weihrauchschwenker bringen das größte Weihrauchfass der Welt in Position. Mit siebzig Stundenkilometern zieht es seine Bahnen durch das Querschiff, der Traum aller Ministranten wird für den Papst wahr. Lächelnd verfolgt Benedikt XVI. die ersten beiden Flugbahnen, ehe er gesammelt den Blick senkt – eine salomonische Haltung: Die Gläubigen spüren, dass der Papst ihre Pilgerfreuden teilt und auch das Domkapitel der Kathedrale, das Geistliche um besondere Sammlung während des frommen Spektakels zu bitten pflegt, weiß den Papst auf seiner Seite.

Die Wolkendecke reißt auf, als die ersten Konzelebranten eintreffen. Vor allem Familien mit Kindern und Jugendliche harren seit dem frühen Morgen auf der Plaza de Obradoiro aus, zehntausende Pilger feiern die Eucharistie vor Großbildschirmen in der Altstadt mit. Der gesamte Episkopat Spaniens, neunhundert Priester und Vertreter ausländischer Bischofskonferenzen, darunter der Regensburger Oberhirte Gerhard Ludwig Müller sind gekommen. Pfiffe für den Botschafter Spaniens beim Heiligen Stuhl, Beifall für Oppositionsführer Mariano Rajoy, tosender Applaus für den ehemaligen Erzbischof von Santiago de Compostela, den Vorsitzenden der Spanischen Bischofskonferenz Kardinal Antonio María Rouco Varela von Madrid.

Europas Altlasten aus dem neunzehnten Jahrhundert

Der Papstbesuch wird zur elektrisierenden Weltjugendtags-Generalprobe: Jugendliche skandieren während Benedikts Fahrt zur Sakristei „Ja, wir sehen uns in Madrid“ und „Das ist die Jugend des Papstes“. Auch die Predigt weitet den Blick über Spaniens Grenzen hinaus. In der Tradition Johannes Pauls II. schaut der Papst auf die Europäer, an denen es liegt, „ein klares und gültiges Zeugnis“ des Evangeliums zu geben. Die Altlasten des Kontinents verortet Benedikt im neunzehnten Jahrhundert: Es sei eine Tragödie, so Benedikt XVI. dass sich in Europa, besonders im 19. Jahrhundert, die Überzeugung durchgesetzt und verbreitet habe, dass Gott der Gegenspieler des Menschen und der Feind seiner Freiheit sei. Hier sieht der Papst die Wurzeln eines modernen Heidentums, „demzufolge Gott den Menschen beneidet und verachtet“.

Ohne die Folgen einer lebensfeindlichen Politik im Einzelnen aufzuzählen, unterstreicht der Papst implizit die Pflicht der Christen, sich für den Schutz des Lebens einzusetzen: Man könne Gott keine Verehrung erweisen, „ohne den Menschen als sein Kind zu beschützen“ – diese Botschaft wird von den Gläubigen auf dem Platz als unmissverständliche Aufforderung verstanden, sich weiterhin gegen Abtreibung, Forschungsklonen und Euthanasie einzusetzen. „Europa muss sich Gott öffnen“, unterstreicht der Papst.

Die Transparenz auf Gott hin braucht Symbole. In Benedikts Predigt wird der Jakobsweg zur Allegorie des Orientierungssinnes der Christen im öffentlichen Raum: Kreuze weisen dem Pilger den Weg in die richtige Richtung: „Dieses Kreuz, Zeichen der höchsten Liebe, die bis zum äußersten ging, und deshalb Gabe und Vergebung zugleich, muss unser Leitstern in der Nacht der Zeit sein“, unterstreicht der Papst. „Kreuz und Liebe, Kreuz und Licht sind Synonyme unserer Geschichte, weil sich Christus in dieser Geschichte annageln ließ, um uns das höchste Zeugnis seiner Liebe zu geben.“ Die Geschichte Europas veranschaulicht bis heute, dass die „Nacht der Zeit“ den Blick auf das Kreuz nicht erträgt und seine Anwesenheit im öffentlichen Raum nicht duldet. Spaniens leidvolle Erfahrungen in den dreißiger Jahren und im Bürgerkrieg können Europa eine Lehre sein: Die Präsenz des Kreuzes bleibt für Europa eine Identitätsfrage.

Themen & Autoren

Kirche