Leitartikel: Wir stehen in der Pflicht

Von Reinhard Nixdorf
Foto: DT | Reinhard Nixdorf.
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Die Zeit drängt: Wenn die Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzt bleiben soll, hat die Atmosphäre ein CO2-Budget von 2 900 Gigatonnen. Zwei Drittel des Budgets sind schon verbraucht. Mit dem aktuellen CO2-Ausstoß ist das Limit in dreißig Jahren erreicht. Alles, was danach hinzukommt, bewirkt, dass sich das Klima in einer Dynamik verändert, die nicht mehr beherrschbar ist.

Schon jetzt sind die Folgen des Klimawandels zu spüren. Extremwetterereignisse häufen sich. Vierzehn der fünfzehn wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen liegen in diesem 21. Jahrhundert. Diese Generation ist die erste Zeugin des Klimawandels – und die letzte, die ihn auf ein beherrschbares Maß begrenzen kann.

Papst Franziskus besucht in diesen Tagen Afrika und richtet den Blick auf die unterentwickelte Welt. Sie muss die Folgen des Klimawandels schon jetzt tragen, ohne dafür verantwortlich zu sein, denn achtzig Prozent aller Treibhausgase stammen aus Emissionsquellen der Industriestaaten. Das subsaharische Afrika und Südasien sind vom Klimawandel unmittelbar gefährdet: Trinkwasser wird knapp, Böden vertrocknen, Wüsten breiten sich aus. Menschen werden ihre Heimat verlieren. Der Klimawandel wird Verteilungsstreitigkeiten, die es schon jetzt gibt, verschärfen und neuen Streit auslösen: um Wasser, Land, um die Bewältigung von Klima-Flüchtlingsbewegungen und die Verteilung der Kosten von Naturkatastrophen. Auf der Klimakonferenz in Paris, die kommende Woche beginnt, werden die Schwellen- und Entwicklungsländer dieses Gerechtigkeitsproblem beim Namen nennen und von den Industriestaaten Entschädigung und finanzielle Unterstützung bei der Anpassung an die Folgen der Erderwärmung einfordern. Aber genügt das?

Papst Franziskus prangert in der Enzyklika „Laudato si“ die mangelnde Nachhaltigkeit unseres Lebensstils an, die die Umwelt zerstört und weltweit für soziale Ungerechtigkeit sorgt: Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, „eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige […] sozio-ökologische Krise.“ Tatsächlich: Viel ist von der Transformation von fossilen auf erneuerbare Energieträger zu hören, wenig von der anderen Ursache der Klimakrise: dass Produktion, Konsum und Mobilität gesteigert werden, koste es was es wolle. Den nicht nachhaltigen Lebensstil der Industriestaaten kopieren die Entwicklungs- und Schwellenländer eins zu eins nach: China hat binnen zweier Jahrzehnte das Fahrrad durch Autos ersetzt. Statt zu fahren, steht man nun im Stau – und verpestet die Luft. Solche Szenarios mit Geld- oder Technologietransfers abzumildern, ist absurd. Dass alles wachsen und mehr werden muss, ist kein Weg, der in die Zukunft weist.

Warum zeigen wir Bürger der reichen Industriestaaten nicht, dass ein nachhaltiger Lebensstil möglich ist? Dass Menschen heute anders leben und arbeiten können, jenseits von Konsum um jeden Preis. Und dass es einem dabei trotzdem gut gehen kann – oder gerade deswegen. Befehlen lässt sich solch eine Umkehr nicht. Aber wollen wir warten, bis sich die Lage so zuspitzt, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als unseren Lebensstil zu ändern?

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