Leitartikel: Wie schaffen wir das?

Von Markus Reder
Markus Reder
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25 Jahre nach der Deutschen Einheit spaltet das Flüchtlingsthema das Land. Die Grenzen verlaufen – grob gesprochen – zwischen „Wir schaffen das“ und „Schluss jetzt. So geht das nicht weiter“. Die politische Atmosphäre ist aufgeladen, die Stimmung im Land angespannt. Schon jetzt hat die Flüchtlingskatastrophe die Tektonik deutscher Innenpolitik verändert. Grundsätzlich und langfristig. Was sich abzeichnet, ist keine Momentaufnahme. Themen kommen und gehen, sie beeinflussen die Tagespolitik, dominieren Schlagzeilen und Debatten, bestimmen Wahlergebnisse und politische Entscheidungen. Irgendwann läuft ihre Haltbarkeit ab. Dann wird die „nächste Sau“ durchs politisch-mediale Dorf getrieben. Mit dem Flüchtlingsansturm hat sich das verändert. Dieses Thema wird über Jahre, ja Jahrzehnte politische Auseinandersetzungen bestimmen. Schon jetzt sind die Verwerfungen deutlich. Die CSU mutiert vom Merkel-Fanclub zur scharfen Opposition. Sigmar Gabriel überholt die CDU mal rechts, mal bietet er der Kanzlerin Asyl in der SPD. Ein andermal trüben linke Multi-Kulti-Träume seinen Blick.

Angela Merkel selbst, sonst Großmeisterin im Abwarten, hat sich wie in keiner anderen Frage ihrer Amtszeit früh festgelegt und Position bezogen. Nun schwillt Kritik – besonders in den eigenen Reihen. Alte strategische und parteipolitische Konstanten sind angesichts der Flüchtlingswelle perdu. Und der rechte politische Rand wittert seine Chance. Das politische Deutschland stellt sich mit Blick auf die größte Herausforderung seit der Wiedervereinigung neu auf. Und wo immer es Veränderungen gibt, ist Verunsicherung nicht weit. Auch in Kirchenkreisen regt sich da und dort Unmut darüber, dass sich die Kirche derart deutlich hinter Merkels Kurs stellt.

Bei nährem Hinsehen liegt dem ein Missverständnis zugrunde. Die Kirche orientiert sich mit ihrer Position in Flüchtlingsfragen nicht an Merkel und auch nicht am Gutmenschentum linker Provenienz, sondern am Evangelium. Matthäus 25,31-46 stammt weder aus dem Adenauer- noch aus dem Willy-Brandt-Haus. Weshalb das Herrenwort eine vollkommen andere Verbindlichkeit und für Christen verpflichtenden Charakter hat. Eben deshalb verteidigen Papst und Kirche den Primat der Humanität, eben deshalb ist die Kirche überzeugt, dass neu errichtete Grenzzäune und Stacheldraht die falsche Antwort auf die Herausforderung der Jahrhundertaufgabe Flüchtlingskrise sind.

Primat der Humanität bedeutet freilich nicht Primat der Naivität. Die großen Probleme nicht ernst genug zu nehmen, sie nicht deutlich beim Namen zu nennen und keine Antworten darauf zu geben, wie sich die gewaltigen Herausforderungen bewältigen lassen, ist der sicherste Weg, dass eine Willkommenskultur umschlagen kann. Darum ist „Wir schaffen das“ zu wenig. Nach wie vor fehlt eine Agenda, die zeigt, wie es zu schaffen ist. Als die Mauer fiel, legte Helmut Kohl in Bonn seinen nachts in Oggersheim geschriebenen Zehn-Punkte-Plan vor. Er wurde die Road-Map zur Deutschen Einheit. Die Flüchtlingskatastrophe lässt sich nicht mit der Situation der Wendejahre vergleichen. Doch auch jetzt bräuchte es einen Master-Plan, der sich nicht nur in Motivation der Hilfsbereiten erschöpft, sondern politische und organisatorische Grundlinien vorgibt, um auch Ängstliche und Sorgenvolle mitzunehmen. Woher soll Vertrauen in die Gestaltungsfähigkeit der Politik inmitten dieser Jahrhundert-Herausforderung kommen, so lange es diese Agenda nicht gibt? Sie ist überfällig.

 
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