Leitartikel: Voraussehbar instabil

Von Oliver Maksan
Foto: DT | Oliver Maksan.

Die Woche im Heiligen Land hat schlecht begonnen. Der Anschlag auf einen Bus am Montag in Jerusalem hat die trübsten Erinnerungen an die Zeit der Zweiten Intifada wachgerufen, als zeitweise quasi wöchentlich israelische Busse von Palästinensern in die Luft gejagt wurden. Noch ist unklar, wer hinter dem Attentat steht. Die Zeichen weisen in Richtung der Hamas, heißt es. Es besteht die Gefahr, dass die Explosion zum Fanal von noch mehr Gewalt wird. In jedem Falle stellt sie eine qualitative Eskalation dar, denn offenbar stehen den Terroristen Sprengstoffe zur Verfügung. Kürzlich erst hatten Israels Sicherheitsbehörden noch verkündet, dass die Auto/Messer-Intifada, die seit sechs Monaten das Land in Atem hält, am Abebben ist. Dass jetzt zudem ein neuer Terrortunnel der Hamas aus Gaza nach Israel entdeckt wurde, zeigt, dass die Hamas eben nicht so restlos eingeschüchtert ist, wie Israels Politik und Armee nach dem Gaza-Krieg von 2014 der Öffentlichkeit weismachen wollten – und wofür ja auch die relative Ruhe seither sprach. Erste Drohungen kamen jetzt schon von der Hamas. Man wolle Tel Aviv angreifen, verkündete der militärische Flügel am Montag.

Während es wahr ist, dass die Hamas ein geschworener Feind Israels ist, so ist doch auch wahr, dass ihr und den Menschen in dem Streifen am Mittelmeer das Wasser bis zum Hals steht. Es gibt Berichte, wonach die Zahl der Selbstmorde signifikant angestiegen ist. Schon der Krieg im Sommer 2014 war nicht in erster Linie eine Explosion anti-semitischen Hasses, sondern auch ein Mittel der Politik, um eine Verbesserung der infolge der israelischen Blockade unerträglichen Situation in dem Gebiet zu erzwingen. Das hat nicht funktioniert. Dass das der Hamas feindlich gesonnene Ägypten von seiner Seite ebenfalls weitgehend dicht gemacht hat, verschärft die Situation dramatisch. Netanjahus Politik der militärischen Abschreckung bei gleichzeitigem politischem Stillstand ist deshalb eine brandgefährliche Mischung, die früher oder später zu neuer Gewalt führen muss. Solange es jedenfalls mit der gemäßigten Fraktion der Palästinenser in Ramallah keine von vertrauensbildenden Maßnahmen flankierten Gespräche gibt und solange es kein langfristiges Arrangement für Gaza gibt, bleibt die Lage voraussehbar instabil.

Die am Freitagabend beginnenden Feiertage des jüdischen Pessachfests müssen zusätzlich Anlass zur Sorge sein. Die Lage um den Tempelberg ist hochexplosiv. Die muslimischen Palästinenser werden mit Argusaugen auf das Plateau in der Jerusalemer Altstadt blicken. Aktionen messianischer Aktivisten des dritten Tempels und nationalistischer Fanatiker könnten wie schon im Herbst eine erneute Explosion auslösen. Netanjahu ist hochnervös, weil er weiß, dass Mitglieder seiner Partei wie seines Kabinetts sein Festhalten am Status quo – Juden können das Areal besuchen, aber nicht dort beten – zutiefst ablehnen. Man muss hoffen, dass die kommende Pessachwoche eine Zeit friedlicher Feier und Dankbarkeit für die Befreiung Israels aus dem Sklavenhaus Ägypten wird – und nicht der Funke, der das Pulverfass Tempelberg und das Heilige Land insgesamt wieder in Brand setzt.

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