Leitartikel: Volksmission mit Vorbildfunktion

Von Regina Einig
Regina Einig, Autorin
Foto: DT | Regina Einig.

Papst Franziskus findet in Kolumbien gesellschaftspolitische Spaltungen allerorten vor. Das Land ist heute viel polarisierter als beim Pastoralbesuch Johannes Pauls II. im Jahr 1986. Dreißig weitere Jahre Guerrillakrieg haben der Bevölkerung zugesetzt. Fast alle wollen Frieden, aber zu welchen Bedingungen? Dem von Präsident Santos durchgedrückten Friedensvertrag fehlt echter Rückhalt in der Bevölkerung. Vielerorts hat er lediglich symbolpolitische Bedeutung. Die Kirche in Kolumbien bietet insofern ein Abbild der Gesellschaft, als der Riss quer durch die Bischofskonferenz und die Reihen der Gläubigen führt. Dass die Guerrilla ELN nun im Vorfeld des Papstbesuchs die weiße Fahne schwenkt und einem Waffenstillstand ab 1. Oktober zustimmt, verdient nur gedämpften Optimismus. Zum einem hat die Entwaffnung der FARC gezeigt, dass die zwei Hauptübel des Landes – Gewalt und Korruption – durch Waffenabgabe nicht einfach verschwinden: Wo die Guerrilla das Feld räumt, übernehmen kriminelle Banden die Herrschaft und führen das Drogengeschäft mit unverminderter Brutalität weiter. Zum zweiten setzt der traditionell schwache kolumbianische Staat seine dürftige Glaubwürdigkeit erneut aufs Spiel, wenn er die FARC – ohne erklärten Volkswillen – als demokratische Partei etabliert. Dass vom Schicksal der knapp sieben Millionen Binnenflüchtlinge – Kolumbien führt die triste Statistik weltweit an – nicht gesprochen wird zeigt, dass der Staat seine Zuschauerrolle vorläufig wohl behält.

Angesichts dieser verfahrenen Lage wäre es unrealistisch, vom Papstbesuch einen politischen Durchbruch zu erwarten. Die Bilanz der vier Lateinamerikareisen des Pontifex legt Nüchternheit nahe: Auch in Kolumbien versteht der Präsident es zwar, sich mit dem prominenten Gast zu inszenieren, doch solange die Kirche Gerechtigkeit und Menschenwürde verkündet, sind Spannungen vorprogrammiert.

Die Diözesen haben das einzig richtige getan und zum Papstbesuch eine Volksmission organisiert. Das päpstliche Diktum, die Armen als Achse der Neuevangelisierung zu sehen, wird in vielen kolumbianischen Pfarreien eindrucksvoll umgesetzt. Der Wille, dass der Papstbesuch nicht wie ein Strohfeuer verglüht, sondern den Glauben nachhaltig erneuert, war allerorten spürbar. Nach wie vor ist die Kirche die einzige Institution Kolumbiens, die Arm und Reich friedlich vereint. Ein für hiesige Verhältnisse schier unvorstellbarer Opfergeist und unermüdlicher Gebetseifer der Gläubigen bestimmte die Vorbereitung. Der Gedanke, den Nachfolger Petri mit Forderungen nach innerkirchlichen Strukturreformen zu empfangen, wirkt auf Kolumbianer abseitig. Mit einer für Europäer beschämenden Selbstverständlichkeit haben viele Gläubige Novenen und Gebetstreffen für den Papst gehalten und Zeit in den Besuch von Katechesen investiert. Nähmen die Katholiken in Deutschland Papst Franziskus und seinen Wunsch nach einer armen Kirche für die Armen ernst, so müssten wir das Diskutieren und Lamentieren einstellen. Die Zeit ist reif für eine selbstkritische Analyse, wie weit wir bei der Vorbereitung der Papstbesuche in Deutschland hinter einem so beispielhaften Zeugnis zurückgeblieben sind. Zu den Erfolgskriterien einer Papstreise gehört auch die Selbstevangelisierung.

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