Leitartikel: Viele wissen nicht, was sie tun

Von Guido Horst
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Vorbei sind die Zeiten, in denen Johannes Paul II. bei seinen regelmäßigen Ansprachen vor Kanonisten und Eherichtern dazu aufrief, bei Annullierungsverfahren Strenge walten zu lassen und das Eheband gewissenhaft zu verteidigen. Die Wende kam unter Benedikt XVI. Was ist, wenn beim Eingehen einer sakramental geschlossenen Ehe der Glaube fehlt? Ist diese Ehe dann überhaupt noch ein Sakrament? In einer seiner letzten Ansprachen als amtierender Papst stellte der deutsche Papst am 26. Januar 2013 vor der römischen „Rota Romana“ fest, dass „das Verschlossensein gegenüber Gott oder die Ablehnung der sakralen Dimension des Ehebundes und seines Wertes in der Ordnung der Gnade“ die Gültigkeit dieses Ehebundes in Frage stellen könnte. Papst Benedikt wusste damals schon, dass er bald zurücktreten würde, und hat das heikle Thema der Ehenichtigkeit in die Hände seines Nachfolgers gelegt. Und der hat jetzt entschieden – in der Weise, wie es für Franziskus typisch ist. Er hat den theologischen Faden seines Vorgängers nicht weitergesponnen, sondern in seiner auf Reformen bedachten Art ein Verfahren geändert: den Eheprozess. Ein Mann der Praxis eben – der aber nicht im Alleingang handelt.

Zuerst hat sich der Jesuiten-Papst beraten lassen. Ein Jahr hat ein Expertenkreis über die Neuordnung der kirchlichen Eheprozesse nachgedacht. Das Ergebnis dieser Beratungen hat der Papst nochmals von vier Koryphäen des kirchlichen Eherechts überprüfen lassen. Zuvor hatte er bei der Bischofssynode 2014 aufmerksam zugehört, wenn die Teilnehmer die Frage der Ehenichtigkeit ansprachen, und geglaubt, einen breiten Konsens in Richtung Vereinfachung der entsprechenden Verfahren wahrzunehmen. Und jetzt hat er die entsprechende Reform durch einen Rechtsakt verbindlich gemacht: Annullierungsverfahren sollen in Zukunft kürzer werden, das zweite Urteil fällt weg, für offensichtlich klar gelagerte Fälle gibt es ein Eilverfahren und der Bischof soll als oberster Hirte der Diözese auch bei Eheprozessen sein Richteramt deutlicher wahrnehmen. Franziskus hat das alles verfügt, ohne die kommende Synode abzuwarten, bei der dieses Thema auf der Tagesordnung steht. Die Aufgabe der Bischofsversammlung sei jetzt nur noch, wie jetzt der Dekan der „Rota Romana“ in Rom sagte, in Sachen Annullierungen die Entscheidung des Papstes „in Liebe“ anzunehmen.

Die Reform der Eheprozesse gräbt denen ein wenig das Wasser ab, die das große Thema des synodalen Prozesses – der Umgang der Kirche mit Personen, die in irregulären Beziehungen leben – vor allem an der Zulassung zivil Wiederverheirateter zu den Sakramenten festgemacht haben. Die Synode wird aber noch einen anderen Punkt aufgreifen müssen, der mit der von Papst Benedikt aufgezeigten pastoralen Notlage zu tun hat: den der Ehevorbereitung. Die jetzige Reform der Ehenichtigkeitsverfahren ist deswegen notwendig geworden, weil immer mehr Paare nicht genau oder vielleicht überhaupt nicht wissen, was sie tun, wenn sie vor den Traualtar treten. Hier liegt einiges im Argen. Und die Eheannullierungen sind nur das traurige Ergebnis einer Seelsorge, die schon bei der Begleitung der Verlobten oft versagt.

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