Leitartikel: Unbekanntes neues Ägypten

Von Stephan Baier
Foto: DT | Stephan Baier.
Foto: DT | Stephan Baier.

Ägyptens Geschichte ist reich an Umstürzen und Umbrüchen. Dennoch bietet das Ende Mubaraks Neues. Diesmal war es weder die Intervention einer ausländischen Macht noch ein Putsch, der den Machtwechsel herbeiführte. Es war zunächst und vor allem die Bevölkerung, die die Hoffnung auf das Regime wie die Angst vor seinen Machtmitteln von sich geworfen hatte. Die Massen auf dem Tahrir-Platz wurden zum Synonym des Wandels. Zu beobachten war aber, wer nach und nach in die Waagschale sprang: der einflussreiche arabische Sender Al Jazeera, der sich gegen Mubarak und auf die Seite „des Volkes“ stellte, die gut organisierte Muslimbruderschaft, die nach Tagen des Zögerns auf den fahrenden Zug der Geschichte aufsprang, die Regierungen Amerikas und Europas, die den alten Freund am Nil von einem Tag auf den anderen fallen ließen, die alten Verbindungen Washingtons zu Ex-Geheimdienstchef Omar Suleiman und zum Militär. Diese Kanäle hat Amerika eingesetzt – um ein Blutvergießen zu verhindern und den friedlichen Abschied Mubaraks zu beschleunigen. Aber auch, um im neuen Ägypten, dessen Morgenröte man heraufdämmern sah, einen Fuß in der Türe zu haben.

Wozu braucht Amerika einen Einfluss am Nil? Genügt es nicht, dass das Volk sein Schicksal in die Hand nimmt, dass ein Land sich erstmals in seiner langen Geschichte anschickt, mit freien Wahlen in den erlauchten Kreis der edlen Demokratien zu treten? Man muss einen Blick auf die Landkarte und einen zweiten auf die Bevölkerungsdaten werfen, um die weltpolitische Bedeutung Ägyptens zu sehen. Mit 82 Millionen Einwohnern ist Ägypten nicht nur das bevölkerungsreichste arabische Land, sondern die unverzichtbare Basis für den Frieden in Nahost. Ägypten und Jordanien sind jene direkten Nachbarn Israels, die sich als Partner des Westens verstehen, ihren Frieden mit dem Judenstaat gemacht haben und so die – bisher ungenutzte – Voraussetzung dafür schufen, dass auch Israel seinen Frieden mit den Palästinensern machen kann. Auch wenn das Militär sich zum Frieden mit Israel und zu allen Verträgen bekennt, heißt das keineswegs, dass nach den versprochenen „freien und fairen Wahlen“ eine Mehrheit gleichzeitig für innenpolitische Reformen und für außenpolitische Kontinuität steht.

Unter Nasser hat Ägypten pro-sowjetisch optiert und mit den aus Europa importierten Ideologien des Nationalismus und des Sozialismus experimentiert. Dagegen wie auch gegen den pro-westlichen Kurs von Sadat und Mubarak stellte die Muslimbruderschaft die Maxime: „Der Islam ist die Lösung.“ Noch kann das Militär Stabilität und außenpolitische Kontinuität anordnen, doch echte Demokratie bringt die Meinung der Mehrheit an die Macht. Ein Großteil des Volkes aber ist arm, analphabetisch und fromm, hatte wenig vom Friedenskurs Mubaraks und kennt die Muslimbrüder als hilfsbereite Idealisten. Demokratische Wahlen führen nicht schnurgerade zu einem toleranten und friedfertigen Rechtsstaat. Der Westen wird nicht nur darauf achten müssen, ob das Militär die Macht tatsächlich an eine frei und fair gewählte Regierung abgibt, sondern wie diese Regierung mit politischen und religiösen Minderheiten umgeht. Und auch, ob das neue Ägypten in der Krisenregion Nahost eine Kraft der Eskalation oder der Deeskalation sein wird.

Themen & Autoren

Kirche