Washington

Leitartikel: Trumps Ambivalenz

US-Präsident Donald Trump hat für Christen durchaus Bemerkenswertes erreicht. Sein Auftreten stellt das aber oft in den Schatten.

Trump ist ein Kind der Spaltung in den USA
Donald Trump ist ein Kind der Spaltung in den USA. Da er von ihr profitiert, wird er wohl auch nichts unternehmen, um sie zu überwinden. Foto: Patrick Semansky (AP)

In den USA brodelt es: Nach dem brutalen Mord an dem Afroamerikaner George Floyd durch einen weißen Polizisten toben seit Wochen massive Proteste. Dass der derzeitige Mann im Weißen Haus nicht in der Lage scheint, das Land zu befrieden und die Seele Amerikas vor dem Zerreißen zu retten, steht außer Frage. An Donald Trumps Reaktionen auf die Krise – genauer gesagt an den beiden Auftritten vor religiösen Stätten in der vergangenen Woche – wird indes die ganze Ambivalenz seiner Präsidentschaft für Christen deutlich.

Da wäre einerseits die Foto-Pose mit der Bibel vor der St. John‘s Church – eine plumpe, kaum durchdachte Aktion, die Trump eher schadete als nutzte. Besonders die Art und Weise, wie er mit friedlichen Demonstranten umsprang, ist nicht zu entschuldigen. Mit Tränengas und Gummigeschossen wird das Land sicher nicht genesen.

Ein Schritt vor, ein Schritt zurück

Anders zu bewerten ist jedoch der Besuch am Schrein für Johannes Paul II. am Tag darauf. Dieser war schon seit Wochen geplant. Der Auftritt, bei dem Trump mit seiner Frau einen Kranz niederlegte, wurde nach den negativen Reaktionen am Vorabend offenbar sogar verkürzt. Sicher, auch an dem Schrein entstanden wieder wahlkampftaugliche Bilder. Danach verabschiedete Trump jedoch einen Erlass, mit dem er der internationalen Religionsfreiheit außenpolitisch Priorität einräumte. Oft wurden die beiden Auftritte miteinander verquickt und ins Bild einer universalen Kritik am Umgang des US-Präsidenten mit den Antirassismus-Protesten gerückt. Das Dekret zum Schutz der Religionsfreiheit indes fand medial wenig Beachtung.

Ein Schritt vor, ein Schritt zurück – so könnte man das im Ergebnis nennen. Trump besitzt das zweifelhafte Talent, durchaus begrüßenswerte Maßnahmen durch sein Auftreten in den Schatten zu stellen. Dabei erzielte er ja einige Erfolge für Christen – etwa in Sachen Religionsfreiheit oder durch die Unterstützung der Pro-Life-Position. Mit seinen Richterernennungen gab er Lebensschützern erstmals seit Jahrzehnten Hoffnung, das Grundsatzurteil Roe vs. Wade umkehren zu können.

Oft fiel zuletzt der Vorwurf, Trump instrumentalisiere religiöse Symbole für seine politischen Ziele. Das mag grundsätzlich stimmen – kaum einer dürfte glauben, Trumps Handeln sei maßgeblich von persönlicher Frömmigkeit getrieben. Allerdings nutzten  schon andere Präsidenten vor ihm Religion für ihre politische Agenda.

"Befürworter werden ihn stets glorifizieren,
während Kritiker das Haar in der Suppe suchen"

Dass die USA ein zutiefst gespaltenes Land sind, ist hinreichend bekannt. Das liegt nicht an Donald Trump. Er ist vielmehr ein Kind der Spaltung. Und da er von ihr profitiert, wird er auch nichts unternehmen, um die Polarisierung zu überwinden. Das führt dazu, dass es letztendlich keine allzu große Rolle spielt, wie Trump handelt. Seine Befürworter werden stets dazu neigen, ihn zu glorifizieren, während die Kritiker das Haar in der Suppe suchen. Es wäre naiv zu denken, in der Regierung Trump wäre man sich dieser Dynamik nicht bewusst. Unwahrscheinlich, dass der Präsident tendenziell liberal eingestellte Christen in den letzten Tagen von sich überzeugen konnte. Aber will er das überhaupt? Es ist nun einmal vor allem das konservativ-christliche Milieu, das er anspricht – und auf dessen Zuspruch er angewiesen ist. So hart es klingen mag: Würde Trump mit einem „Black lives matter“-Plakat durch Washington marschieren, könnte er wohl bald Joe Biden zum Einzug ins Weiße Haus gratulieren.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.