Leitartikel: Spiritualität als Joker

Von Regina Einig
Regina Einig
Foto: DT | Regina Einig.

Der Leipziger Katholikentag war – politisch gesehen – bedeutungslos. Ihm fehlten sowohl der Clou als auch ein Stachel wider die Politikverdrossenheit. Dass sich weder die Kanzlerin noch Horst Seehofer in Leipzig sehen ließen, spricht für sich. Die Angleichung der CDU an die SPD unter Angela Merkel stößt im Zentralkomitee allerdings nur wenigen wirklich sauer auf, so dass aus den Reihen katholischer Gremien kaum Bedarf an kritischer Auseinandersetzung mit der Bundesregierung signalisiert wird. Politische Korrektheit allein weckt die resignierten Geister nicht aus ihrer Scheu, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren. Nicht einmal der strategisch wirkende Verzicht auf ein geistliches Zentrum lenkte die Interessen der Besucher in die vom Veranstalter eigentlich bevorzugten Bahnen. Selbst bei prominent besetzten Podien wollten sich die Hallen in Leipzig einfach nicht füllen.

Nach dem Katholikentag fällt es schwer zu sagen, für welches gesellschaftspolitische Feld außer Schule und Bildung die katholische Kirche in Deutschland unersetzlich gebraucht wird. Mit klaren Ansagen in puncto Lebensschutz, Familienpolitik und Gender-Mainstreaming ist nicht zu rechnen. Effiziente Flüchtlingshilfe leisten auch andere.

Nicht nur die Allgegenwart des Themas AfD in Leipzig weckt Zweifel an der Dialogfähigkeit und der Einschätzung des Veranstalters. Weder in den Reihen des ZdK noch unter den Bischöfen gab es einhellige Zustimmung für die Entscheidung, keinen AfD-Vertreter einladen. Zu Recht erinnert man an die Anpassungsfreude katholischer Laien an parteipolitische Entwicklungen. Galten die Grünen Anfang der achtziger Jahre wegen ihrer Haltung zur Abtreibung und zur Homosexualität als weder podientauglich noch für Katholiken wählbar, sitzen ihre Mitglieder heute im Zentralkomitee. Politische Wahlerfolge öffnen auch bei katholischen Gremien Türen.

Der evangelischen Kirche in Deutschland dürfte es nach dem Katholikentag jedenfalls leicht fallen, sich als gesprächsbereite Kirche der offenen Tür zu präsentieren, die souverän jedem schwarzen Schaf nachgeht. Und AfD-Politikern bleibt die Genugtuung, dass sie beim Evangelischen Kirchentag 2017 das größere Publikum haben.

Leipzig war auch eine Steilvorlage für geistliche Bewegungen und junge katholische Initiativen. Viele, die bisher eher unbemerkt am Rand der Veranstaltung mitliefen, zogen vor dem Hintergrund der sächsischen Diaspora den Joker: Er heißt Spiritualität. Zeitweise entwickelte der Katholikentag eine eigene missionarische Dynamik. Wie sich die Gewichte verschieben können, zeigte die erste Eucharistiefeier des designierten Ortsbischofs Heinrich Timmerevers in seiner neuen Diözese bei Nightfever. Der Generationenwechsel und die zunehmende Vereinzelung vieler Gläubigen in den Pfarreien gehen an Katholikentagen nicht spurlos vorbei. Es gibt eine immense Sehnsucht nach Gemeinschaft und geistlichen Erfahrungen. Jüngeren Teilnehmern geht zudem die nachkonziliare Lust an Debatten weitgehend ab. Sie wollen keine Antworten auf Fragen, die sie noch nie gestellt haben. Die Frommen kommen und setzen redselige Kirchenreformer betend und singend unter Konkurrenzdruck. Ein deutsches Taizé würde ihnen genügen.

 
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