Leitartikel: Spaniens moralisches Gut

Von Regina Einig
Regina Einig
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Seit dem Ende des Franco-Regimes setzt sich die katholische Kirche in Spanien ununterbrochen mit separatistischen Bewegungen auseinander. Das schult. Im Umgang mit den katalanischen Sezessionisten waren die Bischöfe klug genug, von gemeinsamen Appellen abzusehen und das Sekretariat in Madrid aus dem Spiel zu lassen. Katalonien ist nicht das Baskenland. Politik und Terror miteinander zu koppeln, wie es in Zeiten der ETA an der Tagesordnung war, ist tabu. In der katalanischen Sezessionsbewegung verschmelzen wirtschaftliche, kulturelle und weltanschauliche Interessen mit einem Schuss Revolutionsromantik. Die Region hat die bürgerlichste Linke hervorgebracht, die es auf der iberischen Halbinsel je gab. Von deren Unzufriedenheit über die spanische Variante des Länderfinanzausgleichs hat das Parteienbündnis „Gemeinsam für das Ja“ von Regionalpräsident Arturo Mas profitiert. Bei vielen Katalanen zündete die Idee eines Plebiszits über die Unabhängigkeit aus einem Überlegenheitsgefühl heraus: Die Wirtschaft toppt alle spanischen Regionen, das Bildungsniveau ist überdurchschnittlich und wenn Bayerntrainer Pep Guardiola vor ausverkauftem Haus seine Lieblingsgedichte vorliest, verkörpert er das Ideal vieler Landsleute.

Bei allem Nationalstolz dieser erfolgsgewohnten Region wurde auch das Für und Wider einer Abspaltung in der Öffentlichkeit diskutiert. Es brauchte daher, anders als 2006 im Kampf gegen die ETA, keinen gemeinsamen Appell der in der Nationalfrage traditionell gespaltenen spanischen Bischofskonferenz. Damals hatten die Hirten die Einheit Spaniens als moralisches Gut hervorgehoben. Diese Maßgabe gilt bis heute. Selbst die Minderheit der sezessionswilligen Hirten redet die politischen Unwägbarkeiten Kataloniens nicht schön. Arturo Mas hat sein Wahlziel von fünfzig Prozent verfehlt. Seine politische Zukunft steht in den Sternen. Die Bündnispartner lassen wenig Neigung erkennen, ihn an der Spitze eines eigenen katalanischen Staates regieren zu lassen. Die Unabhängigkeitsfrage bleibt vorerst offen. Spannender ist für die meisten Politiker der Ausgang der Parlamentswahlen im Dezember.

Dass die Stimme der Kirche auch weiterhin gehört wird, darf als sicher gelten. In der Rolle des sanften Mahners für die nationale Einheit hat sich der Erzbischof von Valencia, Kardinal Antonio Canizares, bewährt. Als gebürtiger Valencianer steht er den Katalanen regional und kulturell nahe. Seine Gebetsaufrufe für die Einheit bildeten ein öffentlichkeitswirksames Gegengewicht zu den Neutralitätsbekundungen der Mehrheit der katalanischen Hirten. Jedenfalls belastet das jüngste Plebiszit die Kirche in Spanien weniger als seinerzeit der Streit um den angemessenen Umgang mit der ETA. Die vehementen Säkularisierungsschübe in der spanischen Gesellschaft verlangen von den katalanischen Katholiken eine Güterabwägung: Ist die Unabhängigkeit es wert, laizistische Kräfte auf Kosten der Kirche zu stärken? Eine Abspaltung dürfte die Institution schwächen. Kaum vorstellbar, dass in einem von Linksparteien regierten katalanischen Staat noch Platz für die Kirche in der Verfassung wäre. Diesen Konflikt zu meiden ist eine Frage der Vernunft.

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