Leitartikel: Solidarität oder Journalismus?

Von Oliver Maksan

Korrespondent einer katholischen Zeitung im Heiligen Land zu sein: Das ist natürlich eine Reise zu den Ursprüngen des Christentums. Ihnen begegnet man nicht nur an den Heiligen Stätten, sondern auch im Glauben der Menschen, die hier die Kunde vom auferstandenen Herrn weitergeben. Dass die christlichen Brüder in Nahost unter Druck stehen, ist bekannt. Ihr Exodus hält seit Jahren an. Von ihrem Schicksal zu berichten und für Solidarität mit ihnen über Konfessionsgrenzen hinweg zu werben, ist Ehrensache für eine Zeitung wie diese.

Doch ist solche Solidarität im Glauben nicht unvereinbar mit objektivem Journalismus, der sich mit keiner Sache gemein machen sollte – und wäre es eine gute? Gewiss, Solidarität einerseits, Journalismus andererseits stehen in einer natürlichen Spannung, aber nicht im Widerspruch zueinander. Im Gleichgewicht hält man sie wohl am besten, indem man sich vor emotionaler Erpressung durch den Einzelfall genauso zu schützen sucht wie vor teilnahmsloser Analyse der politischen Rahmenbedingungen.

Eine echt christliche Betrachtungsweise wird deshalb das Los aller Menschen ins Kalkül einbeziehen: der hinter dem Sicherheitszaun eingesperrten moslemischen wie christlichen Palästinenser ebenso wie der um ihre Sicherheit bangenden Israelis. Sie wird die einfachen Menschen auch nie umstandslos mit ihren Regierungen gleichsetzen und weder prinzipiell pro-israelisch oder pro-palästinensisch sein. Ein journalistischer Zugang andererseits muss aber auch die Christen der Region selbst zum Gegenstand der Analyse machen dürfen. Denn man begegnet nicht abstrakten Jüngern Jesu, sondern auf vielfache Weise mit dem Raum, seiner Geschichte und seinen Konflikten verbundenen Menschen, in ihren Führern auch interessengeleiteten Akteuren des Geschehens. Gerade der Libanon führt dies vor Augen, wo die maronitischen Katholiken einst Bürgerkriegspartei waren und bis heute ein politischer Faktor sind.

In den journalistischen Alltag übersetzt heißt das: Ein christlicher palästinensischer Politiker kann qua Taufe nicht einfach mit der Zustimmung einer katholischen Zeitung rechnen. Die Haltung eines Patriarchen gleich welcher Kirche gegenüber den Herrschenden darf kritisch begleitet werden. Die wohlwollende Anteilnahme wird dadurch nicht geschmälert.

Christentum im Nahen Osten ist, mehr als es das in den meisten Ländern des Westens jemals war, noch immer Volks-Kirche. Westliche Christen müssen die Betonung auf Volk deshalb immer mithören, wollen sie verstehen. Denn die Gesetze menschlicher Gruppensolidarität prägen Denken und Handeln dieser jahrhundertelang unter islamischen Herren lebenden Kirchen bis heute. Eine gewisse Abschottung – an Mission war und ist nicht zu denken, gerade islamische Konvertiten werden misstrauisch beäugt –, und Geschmeidigkeit im Umgang mit der Obrigkeit mögen vielleicht nicht immer im Sinne von Gaudium et spes sein: Der schiere Wille zum Überleben, als Kirchen wie als weltliche Gemeinschaften, macht dieses Verhalten indes verständlich. Zudem gibt es kulturelle Barrieren: Die alteingesessenen Christen sind eben zumeist auch Araber, geprägt von deren nicht immer gewaltfreier Kultur. Kurz: Sie sind in vielem fremde Brüder, aber eben Brüder.

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