Leitartikel: Schuldhaftes Unterlassen

Der Fall des französischen Koma-Patienten Vincent Lambert hat viele irritiert. Zu Recht. Lambert ist nicht gestorben, er wurde getötet: von seinen Ärzten.
Zum Tod von Wachkomapatient Vincent Lambert
Foto: Julien Mattia (Le Pictorium Agency via ZUMA) | Wachkoma-Patienten sind weder Sterbende, noch bedürfen sie zum Erhalt ihrer Vitalfunktionen einer intensivmedizinischen Therapie. Im Bild: Trauernde nach dem Tod Vincent Lamberts.

Wo es um Leben und Tod geht, lässt es sich mit der Wahrheit nicht zu genau nehmen. Das gilt für Ärzte und selbstverständlich auch für Journalisten. „Vincent Lambert darf endlich sterben“ – So oder ähnlich titelten Zeitungen überall auf der Welt, als der „Cour de cassation“, das höchste Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit Frankreichs, die Ärzte des Universitätsklinikums Reims ermächtigte, die künstliche Ernährung des 42-jährigen Wachkoma-Patienten und seine Versorgung mit Wasser einzustellen. Überschriften wie diese suggerieren, der ehemalige Krankenpfleger, der 2008 mit seinem Motorrad so schwer verunglückte, dass er sich eine Querschnittslähmung zuzog und in ein Wachkoma fiel, sei bisher am Sterben gehindert worden. Nur war dies nie der Fall.

Grad der Bewusstlosigkeit mit dem Leben vereinbar

Wachkoma-Patienten atmen selbstständig. Sie können die Augen öffnen und haben einen Schlaf-Wach-Rhythmus. Sie sind weder Sterbende, noch bedürfen sie zum Erhalt ihrer Vitalfunktionen einer intensivmedizinischen Therapie. Auch der Grad ihrer Bewusstlosigkeit ist – anders als der von Hirntoten, die künstlich beatmet werden müssen, um keinen Herzstillstand zu erleiden – prinzipiell mit dem Leben vereinbar. Vergangenes Jahr erwachte in einer Klinik im bayerischen Bad Aibling eine Muslima aus Abu Dhabi nach 27 Jahren aus einem Wachkoma. Inzwischen kann die Patientin wieder den Namen ihres Sohnes aussprechen, ihre Ärzte begrüßen und Verse aus dem Koran zitieren.

Zur Wahrheit gehört auch, dass Fälle wie diese zwar möglich aber selten sind. Die Mehrheit der Wachkoma-Patienten kehrt nie in ein bewusstes Leben zurück. Im Falle von Vincent Lambert glaubten seine Ärzte, eine solche Rückkehr ausschließen zu können. Dies hätte sie – die korrekte Beurteilung des Zustands ihres Patienten vorausgesetzt – zu vielem ermächtigt und zum Beispiel berechtigt, etwaige Rehabilitationsmaßnahmen einzustellen.

In Deutschland wird zwischen Therapie und Pflege oft zu wenig unterschieden

Nur Vincent Lambert verhungern und verdursten zu lassen, das durften sie nicht. Denn die Versorgung von Patienten mit Nahrung und Flüssigkeit ist keine Therapie. Sie gehört zu jener minimalen Pflege, die jeder Person, unabhängig von ihrem Zustand und der Aussicht auf Besserung, geschuldet ist.

In Deutschland wird zwischen einer medizinischen Therapie, die stets auf die Heilung oder Linderung eines Grundleidens zielt, und der Pflege, die auch dann geboten ist, wenn sich das Grundleiden als therapieresistent erweist, oft zu wenig unterschieden. Das gilt insbesondere für die künstliche Ernährung, die, weil sie stets von einem Arzt angeordnet werden muss, hierzulande fälschlicherweise oft der Therapie zugerechnet wird.

Auch katolische Ärzte benötigen mitunter Orientierung

Und weil auch katholische Ärzte hier mitunter Orientierung benötigen, veröffentlichte der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, William Kardinal Levada, auf Geheiß von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 eine entsprechende Note. In ihr stellt das Lehramt verbindlich fest, dass die Versorgung eines Patienten mit Wasser und Nahrung auch dann nicht eingestellt werden darf, wenn „kompetente Ärzte mit moralischer Gewissheit erklären, dass der Patient das Bewusstsein nie mehr wiedererlangen wird“.

Begründung: Auch ein „Patient ,im anhaltenden vegetativen Zustand? ist eine Person mit einer grundlegenden menschlichen Würde, der man deshalb die gewöhnliche und verhältnismäßige Pflege schuldet, welche prinzipiell die Verabreichung von Wasser und Nahrung, auch auf künstlichem Wege, einschließt“.

Zwar sollte niemand so weit gehen, Lamberts Ärzten gleich Mord – also die vorsätzliche Tötung aus niederen Beweggründen – vorzuwerfen, wie dies Lamberts Eltern in ihrem Schmerz nun tun. Nur ändert dies nichts an der Tatsache, dass ihr Sohn keines natürlichen Todes starb. Vincent Lambert erlag nicht seinem Grundleiden. Er wurde getötet.

Von seinen Ärzten durch schuldhaftes Unterlassen. Diese entschieden letztlich, dass ihr Patient ihre Ressourcen und Anstrengungen, die Pflege zweifellos bedeutet, nicht mehr wert sei. Sie entzogen ihm Nahrung und Wasser und ließen ihn verhungern und verdursten. Das ist mehr als ein Skandal: Es ist ein Verbrechen.

 
Weitere Artikel
Themen & Autoren
Stefan Rehder Benedikt XVI Komapatienten Krankenhäuser und Kliniken Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger Mord Patienten Tötung Universitätskliniken Wachkoma Wachkomapatienten Ärzte

Kirche