Leitartikel: Scheunentore für Katechesen

Von Regina Einig
LEITARTIKEL : Ein Hoch auf uns

Papst Franziskus will mit der Familiensynode erreichen, was es in deutschen Kirchenkreisen fast nicht gibt: eine offene Diskussion. Die Herbstvollversammlung der Bischöfe in Fulda bestätigte die Praxis der Konferenz, möglichst abgestimmt zu kommunizieren, und sei das Ergebnis auch nur ein entschiedenes Sowohl-als-auch. Lediglich eine namenlose Minderheit steht derzeit nicht hinter dem Vorstoß von Kardinal Kasper. Wer offene Fragen an den Vortrag des Kardinals beim Konsistorium auszusprechen wagt, zieht sich hinter vorgehaltener Hand leicht den undankbaren Vorwurf zu, einem Komplott gegen den Papst anzugehören.

Statt klarer Botschaften mit genuin christlichem Anspruch stehen Floskeln im Vordergrund. „Wir suchen Lösungen“ stellt indirekt in Abrede, dass die Kirche Prophetisches zur Familie zu sagen hat und legt den Umkehrschluss nahe, Ehepaaren oder Geschiedenen sei mit der geltenden Lehre nicht gedient. Das Erbe Johannes Pauls II. steht allerdings für das Gegenteil. Die Zeit wäre reif, sich neu auf seine Ehelehre zu besinnen – auch auf das 1980 mit 95-prozentiger Mehrheit angenommene Dokument Familiaris consortio. Allerdings hat nur eine Minderheit der deutschen Diözesen in den vergangenen Jahrzehnten Grundlagen dafür gelegt, um die Sakramentenlehre ernsthaft zu vermitteln. Die Abwehr gegenüber Familiaris consortio und Humanae vitae durch Priester und Hauptamtliche hat den Boden der Verkündigung nachhaltig geschädigt. Bischöfe, die hier gegensteuern, riskieren einen „Zweifrontenkrieg“ gegen ihren diözesanen Mittelbau und die Mehrheit ihrer Mitbrüder.

Die Synode bietet eine Gelegenheit zur Selbstvergewisserung. Zentralisieren statt professionalisieren kann zur Lethargie führen. Die Kraft des Glaubens in den Einzelnen freizulegen muss der Kirche stärker auf den Nägeln brennen als gemeinsame Bischofsworte. Ehe und Familie sind Scheunentore für die Katechese. Die Lehre der Kirche dockt an die ureigene Sehnsucht der meisten Menschen an: in einer stabilen, lebenslangen Partnerschaft zu leben und Kinder zu haben. Tiefenschärfe gewinnt das Bild eines menschenwürdigen Lebens in der Familie aber erst im christlichen Glauben. Die Mehrheit der Bevölkerung will Ehe und Familie Priorität im Leben einräumen. Für sie hält die katholische Kirche einen Schatz an Orientierungshilfe vor. Er ist zu wertvoll, um von Strukturdebatten überlagert zu werden.

Beispiel Geschiedene: Was als „barmherzige Lösung“ gilt, ist häufig etablierte Praxis, ohne dass Glaube, Hoffnung und Liebe in den Pfarreien und bei den Betroffenen gewachsen wären. Wer hofft, die Bischöfe könnten die Synode zum Anlass nehmen, um die Schwankungsbreite eines von Schrift und Tradition abgekoppelten Barmherzigkeitsbegriffs auszutesten, muss mit Enttäuschungen rechnen. Forciert durch den Dialogprozess und die Freiburger Handreichung ist die Fallhöhe der Frustrierten schon vor Beginn der Synode beängstigend. Mit dem Fokus Glaubensvermittlung könnte die Debatte geerdet werden. Denn nach der Synode wird die Kirche vor derselben Entscheidung stehen wie jetzt: Entweder sie hilft den Menschen, ihr Leben im Glauben zu gestalten oder sie beschränkt sich darauf, die wachsende Ahnungslosigkeit zu verwalten.

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