Leitartikel: Religion, Kinder, Zukunft

Von Stefan Meetschen
Foto: DT | Stefan Meetschen.
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„Nun sag', wie hast du's mit der Religion?“ Fast 200 Jahre nach der Uraufführung von Goethes „Faust“ bewegt die Gretchenfrage weiterhin nicht nur das Theaterpublikum, sondern auch die Kaste der Religionssoziologen. Manchmal mit kuriosen Ergebnissen. So kamen kürzlich drei amerikanische Wissenschaftler zu der Einsicht, dass Kinder, die religiös erzogen würden, schlechter in der Lage seien, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden, als solche Kinder, die nicht religiös erzogen würden. Nach dem Motto: Wer Jesus für real hält, glaubt eher, dass auch Aschenputtel und Tom Sawyer real sind. Was – neben der dünnen Befragungsbasis von 66 Probanden – insofern verwundert, als unter Eltern Einhelligkeit darüber bestehen dürfte, dass gerade Kinder, die einseitig mit Computer- und Medien-Fiktionen aufwachsen, gefährdet sind, zu Realitätsverwechslern zu werden. Die Religion als neue Realitätsbedrohung – wenn das mal nicht das Wunschdenken der Wissenschaftler ausdrückt.

Doch immerhin: Manchmal kommen auch Religionssoziologen zu Ergebnissen, die sich mit dem gesunden Menschenverstand decken. Etwa der Münsteraner Olaf Müller, der – passend zum bevorstehenden 25. Jahrestag des „Mauerfalls“ – in der „Theologisch-Praktischen Quartalschrift“ eine Studie vorgelegt hat, die sich mit den religiösen Entwicklungen der früheren kommunistischen Länder Osteuropas beschäftigt. Müllers Erkenntnis: „Es hat den Anschein, als ob die bereits zu Beginn der 1990er Jahre stark religiös verfassten Länder noch religiöser geworden sind.“ Die ohnehin säkularen Länder dagegen noch säkularer. So darf man sich, wenn man Müllers Studie Glauben schenkt, mit Ländern wie Polen, Rumänien, Kroatien, Serbien oder Moldawien freuen über die dort verstärkt vorhandene religiöse Substanz, während man mit der Tschechischen Republik, Estland, Slowenien und Ostdeutschland eigentlich nur Mitleid (oder einen Missionsansporn) haben kann – angesichts der dort vorhandenen religiösen Ödnis. Wirtschaftliche Fortschritte hin oder her. Doch wieso ist die Religiosität einer Gesellschaft überhaupt wichtig? Dazu liefert der Religionswissenschaftler Michael Blume in seinem neuen Buch „Religion und Demografie“ einen beachtenswerten Akzent. Blume, der auch schon mal über Gott, Gene und das Gehirn geforscht hat, ist zu dem Befund gekommen, dass nur Religion eine Gesellschaft dazu befähigt, langfristig zu bestehen, weil Menschen in atheistischen Gemeinschaften schlicht nicht genug Kinder bekommen. Zehn Jahre hat Blume die verschiedenen Populationen der Welt und Weltgeschichte anhand von Fallbeispielen und statistischen Daten verglichen, dabei auch andere Faktoren wie Bildung, Ökonomie und Politik in Betracht gezogen: Der Befund sei sicher. Zumal Blume ausdrücklich nicht als Verkünder gesehen werden möchte. Ausgehend von Darwin wollte er wissen, wie sich Religiosität entwickelt und wie sie sich behaupten kann. Das Ergebnis „Religion ist evolutionär erfolgreich“, weil es ohne Religion an Kindern fehlt, scheint ihn also selbst etwas zu überraschen. Fazit: Auch wenn man keine Religion funktionalisieren sollte, ohne Religion geht es nicht weiter – weder in Osteuropa noch anderswo. In Echt.

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